Die Wut der Improvisation

19. August 2008, 16:36
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Gespräch mit Trompeter Dave Douglas, der beim Jazzfestival in Saalfelden gastiert: Ein ziemlich politischer Jazzkünstler

Wien - "In meine Musik fließt alles ein, was mich bewegt. Etwa die vielen Menschen, die meine Regierung beinahe jeden Moment tötet. Man kann das nicht ignorieren. Auch draußen in den Wäldern zu sein, wird zu einem Teil meiner Musik. Ebenso Literatur und Film. Wenn man versucht, einen Teil auszuschließen, dann endet das damit, alles auszusperren. Du kannst es dir nicht aussuchen, welche Facetten des Lebens sich in der Kultur wiederfinden."

Nein, Dave Douglas ist keiner, für den Musik und alltägliches Leben separierte Sphären darstellen. Im Gegenteil: Der Trompeter ist einer, der gern Stellung bezieht, mit Klängen, mit Worten, zu musikalischen und außermusikalischen Themen. Und der auch deshalb in den letzten Jahren immer öfter als progressiver, stiloffener ästhetischer Widerpart zu Wynton Marsalis genannt wird. Douglas selbst lässt doch immer wieder durchklingen, dass für ihn der konservative Purismus Marsalis' eine Reibefläche darstellt. Sein vor zwei Jahren auf seiner Homepage formulierter Vorstoß zur Wiederentdeckung der "Post Vietnam (War) Music" sei etwa eine Reaktion darauf gewesen, dass die improvisierte Musik aus der Zeit ab 1960 in der zwölfteiligen Fernseh-Dokumentation über die Geschichte des Jazz, für die Marsalis und Filmemacher Ken Burns verantwortlich zeichneten, nur marginalisierend dargestellt wurde. Was für ihn, Douglas, "eine Beleidigung einiger meiner größten Musikhelden" bedeutet habe.

Mit Don Cherry

Konkret meint Douglas mit jenem Terminus die Zeit nach dem Free Jazz der 1960er- und vor dem Neo-Traditionalismus der 1980er-Jahre, jene in jazzhistorischen Betrachtungen oft ausgeblendete Periode, in der, so der 45-Jährige, revolutionäre Musik - von Ornette Colemans Free-Funk-Pioniertaten bis zum eklektischen Post-Free-Jazz eines David Murray - entstanden sei. Dass er diesen Begriff in der Praxis dehnt, das zeigt er am Sonntag beim Jazzfestival in Saalfelden.

Don Cherrys ausladendes Free-Jazz-Epos Symphony For Improvisers (1966) wird in erweiterter Doppelquartett-Besetzung erklingen, wobei es sich für Douglas von selbst versteht, dass die originale Musik "nicht rekreiert werden soll, sondern wir im Geiste und mit den schönen Themen Don Cherrys unsere eigene Geschichte erzählen." Auch die Musik von Douglas' aktueller CD Moonshine, eingespielt mit dem Keystone-Sextett, weckt Assoziationen in Richtung jener Ära, diesmal in Gestalt des Rock- und Funkjazz der 70er-Jahre.

Und doch sieht Douglas das Projekt anderswo: "Das E-Piano erinnert die Leute oft an die 70er. Aber für mich gehört der Sound der Band ins Hier und Heute. Wir nützen die Technologien des 21. Jahrhunderts: Einen DJ und einen Laptop in der Band zu haben, ist nicht neu, aber es ist neu, sie nicht einfach als Sahnehäubchen, sondern als spontane Interaktionspartner zu integrieren. Die Grooves stammen zur Hälfte von DJ Olive, das ist Musik, die wirklich atmet."

Tatsächlich resümiert Moonshine die Jazzgeschichte zwischen freiem Spiel und Groove, zwischen akustischen Themen und elektronischen Sounds und Samples im Zeichen kraftvoller, praller Expressivität. Die Kompositionen entstanden in freier Inspiration, angeregt durch Werke des vergessenen Stummfilmstars und Buster-Keaton-Entdeckers Roscoe Arbuckle. Auch andere Impulse gab es aber.

"Tough" etwa sei von seinen Erfahrungen als Vater eines 13-jährigen Sohnes inspiriert, dem manchmal gesagt werde müsse, dass Videospiele nicht der einzige Zeitvertreib seien, so Douglas. Und der Musiker, der im Rahmen des 2004 edierten Albums Strange Liberation den Irakkrieg kritisch kommentiert hatte, nimmt erneut US-Präsident Bush auf's Korn: "Flood Plane" nennt Douglas seine Reaktion auf die "Katrina" -Katastrophe, in der auch ein kurzer Clip mit der Stimme "unseres furchtlosen Führers" zu hören ist. "Ich denke nicht, dass alles, was ich tue, mit Politik zu tun haben muss. Aber wir in den USA sind sehr wütend über das, was passiert. Nun wird es einen Wechsel geben. Sogar wenn unser Lieblingskandidat, Barack Obama, nicht gewinnt." (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 20.08.2008)

21.-24. 8., Jazzfestival Saalfelden

  • Trompeter Dave Douglas.
    foto: hendrich

    Trompeter Dave Douglas.

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