Die Billigautos kommen

19. August 2008, 16:36
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Die steigenden Kosten erleichtern den Konsu­menten in Österreich zunehmend die Entschei­dung für ein kosten­günstiges Auto, auf Billigstmodelle heißt es noch warten

Wien - Billigairlines, Billigmöbel, Billigreisen - Geiz ist zwar nicht mehr ganz so geil, dennoch heißt es heute für die Konsumenten, streng zu kalkulieren. Da macht bei vielen auch das Auto keine Ausnahme mehr.

Das billigste Auto der Welt - Premiere hatte es zu Jahresbeginn - ist aber hierzulande nicht zu haben.  Tatas "People's Car" oder auch "Nano" genannt soll ab Herbst in den Verkaufsräumen der Händler stehen - allerdings nur in Indien und den Schwellenländern. Gänzlich ausgeschlossen wurde Europa als mögliche Absatzregion für den Nano nicht. Mit rund 2500 Dollar kostet das Auto nicht einmal halb so viel wie das derzeit preiswerteste Modell auf dem Markt. Von dem einfach ausgestatteten Kleinwagen mit sparsamem Verbrennungsmotor will Tata zunächst 250.000 Stück produzieren. Mittelfristig erwartet der Konzern eine jährliche Nachfrage von rund einer Million. Zielgruppe sind die Fahrrad- und Motorradfahrer. Bald könnte sich somit auch das gewohnte Straßenbild in Asien gehörig ändern.

Trotz einfachen Designs und sparsamer Technik muss sich das indische Billigauto übrigens zumindest in Sachen Klimaschutz nicht verstecken - ganz im Gegenteil. Der Viersitzer verbraucht mit seinem 30-PS-Benzinmotor dank Leichtbauweise weniger als vier Liter pro 100 Kilometer. Der Kohlendioxid-Ausstoß liegt mit 97 Gramm pro Kilometer schon heute unter der geforderten EU-Norm von 120 Gramm.

Steigende Kosten fördern Umdenken

In unseren Breiten sind es vor allem die steigenden Kosten, die den Konsumenten auch bei ihrem fahrbaren Untersatz auf die Geldbörse schlagen. Zunehmend fällt somit auch die Entscheidung zugunsten kleiner und kostengünstiger Autos aus. "Seit dem Jahr 2000 sind die jährlichen Betriebskosten in der unteren Mittelklasse bei durchschnittlicher Fahrleistung um rund 500 Euro gestiegen", rechnete Jörg Branschädel am Dienstag vor Journalisten vor. Der A.T.-Kearney-Autoexperte wies zudem darauf hin, dass die Treibstoffpreise im selben Zeitraum um bis zu 40 Prozent schneller gewachsen sind als der Pkw-Kostenindex. Bei Betrachtung der gesamten Autokosten könne man bei einer durchschnittlichen Fahrleistung von 12.000 km pro Jahr den größten Spareffekt durch die Reduktion des Fahrzeugkaufpreises erzielen. Untermauern wollte man mit den Argumenten die Ergebnisse der heute präsentierten Studie "Auto 2020, Low Cost Cars". Die Billigautos erobern den Markt, lautete die Botschaft.

Tatsächlich kann man wohl mehr von einem zögerlichen Trend sprechen. Das Wachstum im Segment mit den bisher meisten Billigautos in Österreich, jenem der Kleinstwagen, wird in den kommenden Jahren mit rund 17 Prozent jährlich zwar deutlich höher als bislang ausfallen, allerdings insgesamt auf niedrigem Niveau. Bisher wuchs dieses Segment nur um drei bis vier Prozent pro Jahr. Der Anteil von einem Prozent der Neuzulassungen macht bescheidene 3.000 Fahrzeuge aus. 2015 erwarten die Berater von A. T. Kearney bis zu 15.000 Pkw-Neuzulassungen, ein Anteil von rund fünf Prozent am Gesamtmarkt. Die Rede ist hier von Modellen unter 10.000 Euro.

Die Chinesen und Inder kommen noch lange nicht

Allerdings könnte sich der Trend mit zunehmendem Angebot durchaus beschleunigen. In den vergangenen Jahren beschränkte sich das Angebot an Billigautos auf das Kleinwagensegment - verkauft werden als solche ein Renault Twingo oder Mitsubishi Colt - sowie auf das Kleinstwagensegment, das etwa einen KIA Picanto oder Toyota Aygo meint. Nun würden aber immer mehr Hersteller das "große Marktpotenzial" erkennen, ist Jörg Branschädel überzeugt. Vor allem Unternehmen aus Osteuropa, wie Dacia oder Lada, würden den Billigautowettbewerb "verschärfen" und in naher Zukunft auf die untere Mittelklasse ausdehnen.

Mit den ganz billigen Flitzern in einer Preisklasse von 6.000 Euro aus China oder Indien kann der österreichische Konsument laut den Experten nicht allzu schnell rechnen. Weltweit entwickelt sich in diesem Bereich ein vollkommen neues Marktsegment - siehe Tata Nano. "Enorm wachsen" wird es laut A. T. Kearney vor allem in Indien und anderen asiatischen Ländern. 2020 werden über 15 Millionen Billigstfahrzeuge weltweit verkauft, glaubt das Beratungsunternehmen.

Der erste Neuwagen

Der weit überwiegende Teil der Käufer der Billigautos in den etablierten Märkten kauft das Billigauto übrigens als ersten Neuwagen in seinem Leben, sagt der deutsche Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer derStandard.at. Der typische Billigwagenkäufer sei der Autofahrer, der jahrelang immer nur Gebrauchtwagen, die über drei Jahre alt waren, gekauft und schon immer von einem Neuwagen geträumt habe. Der Erfolg des Billigautos in etablierten Märkten wie Deutschland oder Österreich zeige, "dass wir in der Einkommens- und Vermögensverteilung eine immer größere Kluft zwischen Geringverdienern (neue Armut) und 'Normal-Verdienern' haben", so Dudenhöffer. Genau diese Kluft und der steigende Anteil an Geringverdienern treibe den Markt für Billigautos in den etablierten Märkten. Der klassische Hofer-Effekt, dass Normalverdiener oder gar Spitzenverdiener bei Hofer einkaufen, um als Smart Shopper einen Art Snob-Effekt zu zeigen, gelte beim Billigauto kaum. Zwar gebe es auch hier ein paar Käufer, die ein "intelligent Buyer" Image pflegen, aber beim Auto sei Hofer nicht gleichbedeutend mit Smart Shopping.

Des einen Freud, des anderen Leid

Können sich zum einen die Konsumenten an dem breiter und billiger werdenden Angebot erfreuen, so müssen die Autozulieferer - auch die heimischen - mit zunehmendem Preisdruck rechnen. Ohnedies seien sie laut den A.T.Kearney-Experten bislang eher im europäischen Premiumsegment tätig. Aufgrund dieser Fokussierung fehle oft der lokale Zugang zum Markt, um das Potenzial des Billigstsegmentes erfolgreich ausschöpfen zu können. Beim bisher bekanntesten Billigstauto, dem Tata Nano, seien praktisch keine österreichischen Firmen vertreten.

Konzernchef Ratan Tata hält übrigens seine Kosten niedrig, indem er sämtliche Autoteile in Indien fertigen lässt. In Tatas bislang kleinstem Auto, dem Indica, stammen nur das Elektroniksystem, die Airbags und die Klimaanlagen von ausländischen Unternehmen - der Rest ist "Made in India". Dort stehen die Tata-Mitarbeiter 48 Stunden pro Woche am Fließband - zu Löhnen von rund 200 Euro im Monat. (Regina Bruckner)

 

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    Der Anstoß wurde vom indischen Autobauer Tata Motors mit seinem Billig-Auto Nano (im Bild) gegeben. Die Konkurrenz ließ jedoch nicht lange auf sich warten. So kündigte Renault in Zusammenarbeit mit Nissan und dem indischen Hersteller Bajaj Motors einen vergleichbaren Wagen unter dem Codenamen ULC zu einem Preis von rund 1.600 Euro an.

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    In dem weltweit am schnellsten wachsenden Bereich des Automarktes könnten sich neben Renault mit seinem Dacia (im Bild) und Tata auch Fiat, Toyota und chinesische Autobauer wie Cherry oder Geely tummeln.

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    Low Cost Cars: In den USA zählen dazu Fahrzeuge, die weniger als 10.000 US-Dollar kosten, in anderen Märkten unter 10.000 Euro. Im Bild Lada Kalina.

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