Brit-Pop ist in der Stadt

19. August 2008, 17:00
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Wie mit einem gellenden Schrei zerfetzt es die idyllische morgendliche Ruhe am Stadtrand - Und der glu ist schuld! Wieder einmal

Die britische Popband, die gerade in Wien gastiert, steht in meiner Garage. Die Britpop-Gruppe brilliert dank einer eingespielten Rhythmusformation: dem Hinckley-Cruiser-Trio. 2,294 Liter hubraumen die drei Jungs. Macht 140 PS und 200 Nm. Da steppt der Bär, da rockt die Garage, da fliegt das Blech weg, wenn die Dreierbande am frühen Morgen durch einen Dreh des Zündschlüssels und einen Knopfdruck zum Leben erweckt wird. Neuestes Album: Triumph Rocket III.

In den Wohnungen direkt über der Garage hören die Babies zu schreien auf. Kein Flatulenzerl, das ihnen noch Leid bereitet, wenn ich im Keller die Rakete anwerfe. Gleichmäßiges Blubbern sorgt für angenehme Vibrationen im Gitterbett. Und dass das in der Früh akustisch nicht immer angenehme "Ja, wer issele denn da schon munter?“ schlicht nicht mehr zu hören ist, scheint manchen Kindern auch zu gefallen.

Der Nachbar, der am Stellplatz neben mir gerade noch rechtzeitig vor meinem Start seinen Familien-Van erklommen hat, will mir was sagen. Ich lege mit einem ordentlichen Klack den ersten Gang ein, öffne leicht den Gashahn, lass’ die Kupplung los – und was im Anfahrtsgeräusch der Triumph Rocket III von meinem Parkplatznachbarn bleibt, ist eine sinnlose Karpfenparodie. Er wird mich ohnedies am Abend abpassen und mir das letzte technische Detail der Rocket aus der Nase ziehen. Jetzt muss ich aber zur Arbeit.

Gerade heute hab ich es eilig. Heute muss ich nämlich nicht Stiegen aufwischen. Heute muss ich kein Abtropfwasser der Kaffeemaschine saufen, weil echter Kaffee für mich zu schade ist. Dafür muss ich heute pünktlich sein. Denn heute ist Fotoshooting mit der Triumph Rocket III. Also fahr ich die kultige Britpop-Band zum Konzert in den Hafen Freudenau.

Die Rocket hat ein Drehmoment, da kommen die Dampfschiffe allesamt nicht mit und könnten gemeinsam die weiße Flagge setzen. Und das Drehmoment soll man nutzen. Wann immer es geht. Und das heißt nicht, wann immer es die äußeren Umstände zulassen, sondern sobald man den Mumm dazu beieinander hat. Besonders viel tun muss man ja nicht. Am Stand den ersten Gang einlegen, Drehzahl leicht anheben und dann die Kupplung flott kommen lassen, dazu das Gas weiter aufmachen. Passt schon.

>>> Nervenzerfetzender Alt-Teenie-Traum


Das mach ich auch gleich mal. Wie mit einem gellenden Schrei zerfetzt es die idyllische morgendliche Ruhe im Hafen Freudenau. Der Hinterreifen dreht so mächtig durch, dass man meinen möchte, die Neigungsgruppe mit den tiefer gelegten GTIs hat grad Pneu-Rabatt beim Felgenschuster bekommen. Der Reifen quietscht dabei wie eine Horde Groupies vor einer Britpop-Band, die halbnackt Songs von Tokio Hotel intoniert. Nervenzerfetzend. Ganz arg. Ich glaube sogar zu sehen, wie sich einer der Container im Hafen den Lack runterreißt, um den anderen zu imponieren.

Ich hab niemanden, dem ich imponieren kann. Improvisieren muss ich, da Mutterseelen allein in aller herkotz Früh. Der Graf Foto hängt in der Hafenzufahrtsstraße noch im Bus fest. Er wird sich rund dreißig Minuten verspäten. Ich vertreib mir die Zeit mit Groupiegequietsche. Ich ziehe schwarze Striche auf den Boden und frage mich, wie wir die wohl aufs Foto bringen. Durchdrehende Reifen hört man auf einem Foto leider nicht.

Der Reifen denkt sich inzwischen sicher auch schon seinen Teil. „Ist der deppert? Will mich der komplett z’sammreißen? Weiß der nicht, was meine Aufgabe ist? Nicht durchdrehen, sondern Grip erzeugen. Na dann werde ich das jetzt tun, bevor ich hier komplett durchdrehe!“

Und das tut er dann auch, der Reifen. Es ist ein Gefühl, als würde mich eine Horde Groupies von der Bühne zu stoßen versuchen, damit die Teenietraum-Brigade besser zur Geltung kommt. Als sich das Vorderrad der 320 Kilogramm schweren Rocket III langsam gen Himmel erhebt, umfasse ich so kräftig den Lenker wie der Pfannenverbiegerfreund vom Hutschenschleidara seine Reindl’n herrichtet. Am Höhepunkt meiner Angst ist auch das Vorderrad der Rocket am Höhepunkt. Durch meinen beherzten Griff am Lenker ziehe ich – natürlich unbeabsichtigt – die Kupplung und die Triumph rast zu Boden wie ein Meteorit. Dann merke ich, dass nicht nur der Reifen quietschen kann. Ich kann das auch.

Als der Graf Foto kommt und meint „Edles Radl! Die hat unendlich viel Kraft, oder?“ sage ich das gleiche wie am Abend dann meinem Garagennachbarn. „Weißt eh, irgendwann stumpft man ab. So ein Radl verlangt mir nix mehr ab. Das hab ich im Griff wie eine Britpop-Band ihre Groupies.“

(Text: Guido Gluschitsch; Fotos: Wolf-Dieter „Graf Foto“ Grabner)

Guido Gluschitsch ist Chefredakteur bei www.motorradnet.at

Technische Daten der Triumph Rocket III:
Marke: Triumph; Typenbezeichnung: Rocket III; Farben: Claret, Phantom Black; Baujahr: 2008; Motor: Viertakt-Dreizylinder-Motor, längsgebaut; Kühlung: Flüssigkeitsgekühlt; Ventile: 12; Steuerung: DOHC; Hubraum: 2294 Verdichtung: 8,7:1; Gemischaufbereitung: Elektronische Kraftstoffeinspritzung; Nennleistung: 103 kW (140 PS) bei 6.000/min; Max. Drehmoment: 200 Nm bei 2.500/min; Getriebe: 5-Gang; Endantrieb: Kardan; Aufhängung vorne: Upside-down Gabel, Durchmesser 43 mm; Aufhängung hinten: Federbeine; Radstand: 1695 mm; Nachlauf: 152 mm; Sitzhöhe: 740 mm; Trockengewicht: 320 kg; Bremse vorne: Doppelscheibenbremse, schwimmend gelagert, Durchmesser 320 mm, 4-Kolben-Festsattel; Bremse hinten: Einscheibenbremse, Durchmesser 316 mm, 2-Kolben Schwimmsattel; Reifen vorne: 150/80 R 17; Reifen hinten: 240/50 R 16; Tankinhalt: 24 Liter; Spitze: 210 km/h; Preis: 21390 .- Euro

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Triumph

Standard-WebTipp:

YouTube Video über den Bau der Rocket III

  • Geballte Kraft, viel Spaß und heiße Rythmen - verspricht die Rocket III von Triumph. Was der Glu damit anfängt lesen Sie hier...
    foto: derstandard/grabner

    Geballte Kraft, viel Spaß und heiße Rythmen - verspricht die Rocket III von Triumph. Was der Glu damit anfängt lesen Sie hier...

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