Fünffach-Mörder ist zurechnungsfähig: Prozess im Herbst

19. August 2008, 13:30
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Psychiaterin: Täter befand sich in "Affektisolierung" - Staatsanwaltschaft wird in Kürze Mordanklage einbringen

Der mutmaßliche Fünffach-Mörder, der am 13. Mai in Wien-Hietzing seine Ehefrau und seine siebenjährige Tochter, im Anschluss in Ansfelden seine Eltern und abschließend in Linz seinen Schwiegervater getötet hat, wird sich im kommenden Herbst vor Geschworenen im Wiener Straflandesgericht verantworten müssen. Nun ist auch das Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen Sigrun Rossmanith eingetroffen, das dem 39-Jährigen Reinhard St. zwar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, aber volle Zurechnungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt bescheinigt.

"Affektisolierung"

"Insgesamt findet sich kein Hinweis darauf, dass der Untersuchte in einem Geisteszustand gewesen wäre, dass er die Realität verkannt hätte und/oder nicht mehr regelrecht handeln hätte können", schreibt die Sachverständige in ihrer Expertise. Der Mann habe sich zum Zeitpunkt der Tat in einer "Affektisolierung" befunden: Seine Handlungsweisen wären nach rationalen Überlegungen erfolgt, im Dienst einer nihilistisch-absolutistischen Lebensphilosophie gestanden und auf ein Ziel ausgerichtet gewesen - "die sichere Tötung der Opfer herbeizuführen", wie es im Gutachten heißt.

"Destruktiv narzisstische Persönlichkeitsanteile"

Im Gespräch mit der Sachverständigen hatte Reinhard St. angegeben, er habe seine Familie mit einer Axt erschlagen, "damit ganz sicher niemand überlebt". Die Gerichtspsychiaterin bezeichnet die Tathandlungen im Hinblick auf die Heftigkeit und Häufigkeit der Schläge und Hiebe als "Overkill-Delikte". Die Tötungshandlungen wären unmittelbar mit "destruktiv narzisstischen Persönlichkeitsanteilen" des Mannes in Bezug zu setzen.

Da somit festgestelltermaßen volle Schuldfähigkeit des 39-Jährigen gegeben ist, wird die Staatsanwaltschaft Wien in Kürze eine Anklage wegen fünffachen Mordes einbringen. Im Grauen Haus geht man davon aus, dass die Anklageschrift im September vorliegen wird. Der Prozess, in dem Reinhard St. lebenslange Haft droht, könnte dann auf den Frühherbst anberaumt werden.

Röcheln der Opfer hielt ihn vom Selbstmord ab

Das "langsame Sterben" seiner Opfer, speziell das Röcheln seiner Mutter hielt Reinhard St. davon ab, sich - wie ursprünglich geplant - nach den Bluttaten das Leben zu nehmen. Das erzählte der 39-Jährige der psychiatrischen Sachverständigen, die im Gerichtsauftrag ein Gutachten über den PR-Berater zu erstellen hatte.

Nachdem er seine Familie erschlagen hatte, wollte sich der Mann zunächst das Leben nehmen, indem er sich einen mit Messern gefüllten Rucksack umhängte und sein Auto gegen eine Wand lenkte. Beim Aufprall würden sich die Klingen in seinen Leib bohren, hoffte der 39-Jährige. Doch nach der Verwirklichung der ihm zur Last gelegten Verbrechen nahm er von diesen Überlegungen Abstand.

Wollte Familie Schulden "ersparen"

Seine Ehefrau, seine Tochter, die Eltern und der Schwiegervater mussten sterben, weil der 39-Jährige, der seit 2000 an der Börse sein Glück versuchte, Geld verspekuliert und Schulden von 300.000 Euro angehäuft hatte. Die Familie hätte bei Bekanntwerden der Verbindlichkeiten diese "Schmach" nicht "verkraftet". Er habe vor allem seiner Tochter einen schlechten Start ins Leben "ersparen" wollen, so Reinhard St. nach seiner Festnahme.

"Beim Untersuchten handelt es sich um einen scheinbar gänzlich rational gesteuerten Menschen, dessen Zugang zur Gefühlswelt abgeschnitten ist", ist dem Gutachten der Psychiaterin zu entnehmen.

Aus Liebe

Detailliert dürfte der der Mann der Sachverständigen beschrieben haben, wie er seine Familie zu Tode brachte. Er beteuerte wiederholt, er habe dies "aus Liebe" getan - er habe befürchtet, er würde schuldenbedingt delogiert werden, er habe sich die zwangsläufig darauffolgende Scheidung ausgemalt, die er seiner Tochter nicht zumuten wollte.

Neben der Leiche der Siebenjährigen platzierte der Mann ihre Stofftiere, was die Sachverständige als "emotionale Wiedergutmachung" wertet.

Die Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher, die die Staatsanwaltschaft aufgrund einer allenfalls von Reinhard St. ausgehenden Gefährlichkeit zusätzlich zur Verurteilung verlangen könnte, hält die psychiatrische Sachverständige für nicht nötig. Die medizinischen Voraussetzungen hiefür wären "noch nicht zur Gänze erfüllt". (APA)

 

 

 

 

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