Agentur für wissenschaftliche Integrität kommt im Herbst

19. August 2008, 13:39
1 Posting

FWF-Chef Kratky: Für nüchterne, unaufgeregte Aufklärung von Vorwürfen - Keine "Vernaderungsstelle"

Alpbach - Unsaubere bzw. zweifelhafte Studien an zwei österreichischen Medizin-Unis, immer wieder Plagiats-Fälle - es scheint, dass wissenschaftliches Fehlverhalten auch in Österreich ein zunehmendes Problem wird. Auch bei den diesjährigen Alpbacher Technologiegesprächen widmet sich ein Arbeitskreis dem Thema "Integrität in Forschung und Wissenschaft".

Inzwischen sind die Vorarbeiten für eine unabhängige Prüfstelle, die Fehlverhalten in der österreichischen Scientific Community untersuchen soll, weit gediehen. Der Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, Christoph Kratky, kündigt an, dass eine "Agentur für wissenschaftliche Integrität" noch im Herbst dieses Jahres starten soll.

Der FWF koordiniert die Vorbereitungen für diese Stelle und versucht, die Interessen der verschiedenen Beteiligten unter einen Hut zu bringen. "Wir sind schon sehr weit damit, werden voraussichtlich im Herbst einen Verein gründen und Universitäten, Akademie der Wissenschaften, Forschungseinrichtungen, etc. zu einem Beitritt einladen", sagte Kratky, der davon ausgeht, dass sich in der Anfangsphase "einige wichtige Universitäten" daran beteiligen, früher oder später dann die Mehrheit mitmachen werde. In anderen europäischen Ländern oder den USA gebe es solche Stellen schon seit langem.

Prüfung nach rechtsstaatlichen Prinzipien

Aufgabe dieser Agentur für wissenschaftliche Integrität - der Name ist noch nicht fix - sei es, unabhängig Vorwürfe von Fehlverhalten nach rechtsstaatlichen Prinzipien zu prüfen und dann einen Bericht, möglicherweise auch Empfehlungen, abzugeben. "Wir wollen eine nüchterne, unaufgeregte Aufklärung von Vorwürfen", sagte der FWF-Chef. Die Verhängung von Konsequenzen sei nicht Sache dieser Stelle, das obliege den jeweiligen Institutionen, also etwa den Unis. "Die Agentur soll nicht die Tätigkeiten von Gerichten oder Disziplinarkommissionen übernehmen", so Kratky.

Den Kern der Stelle soll eine Art Weisenrat bilden, wobei die Nominierung von dessen Mitgliedern derzeit noch diskutiert wird. Nach Ansicht Kratkys müssten diesem Gremium "überwiegend hochkarätige Wissenschafter aus dem deutschsprachigen Ausland" angehören, die in ihrer Kompetenz und Integrität über jeden Zweifel erhaben seien. Zu konkreten Fällen müsste sich dieses Gremium dann Gutachter einholen.

Bei der Gründung dieser Agentur gebe es "viele Bedenken auszuräumen", die verständlich und nachvollziehbar wären, sagte Kratky. So bestehe etwa die Befürchtung, dass damit eine "Vernaderungsstelle entsteht, wo jeder hinkommen und jemanden anpatzen kann". Ziel sei allerdings, gerade mit so einer Einrichtung "das undifferenzierte Anpatzen in geregelte Bahnen zu lenken und darauf zu achten, dass die Rechte Beschuldigter gewahrt bleiben. So werde es voraussichtlich nicht möglich sein, sich anonym an diese Stelle zu wenden, um jemanden anzuschwärzen.

Große Dunkelziffer

Ob der Eindruck stimme, dass die Zahl des Fehlverhaltens zunehme, kann Kratky nicht beantworten: "Ich habe keine Statistik." Es sei auch unklar, ob die aufgedeckten Fälle "Resultat einer betrügerischeren Community oder einer erhöhten Aufmerksamkeit für diesen Problemkreis seien. Es gebe aber sicher eine große Dunkelziffer, "nur ein Bruchteil kommt ans Tageslicht". Dennoch könne man nicht sagen "die Wissenschaft verrottet". So kennt Kratky "keinen Fall, wo wissenschaftliches Fehlverhalten einer Person die Wissenschaft in eine falsche Richtung gelenkt hätte". Das System sei "an sich selbstkorrigierend". Dennoch sei Ehrlichkeit in diesem Bereich das wichtigste überhaupt.

Auslöser wissenschaftlichen Fehlverhaltens kann der zunehmende Druck sein, unter dem Forscher zunehmend stehen. Kratky nennt hier vor allem den Karrieredruck: Es brauche hochkarätige Publikationen, um Karriere zu machen. Hier werde "unterschätzt, wie groß der Druck auf jungen Menschen in der Wissenschaft ist, da hängen an einzelnen wissenschaftlichen Ergebnissen menschliche Schicksale". (APA)

  • Christoph Kratky, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF: "Wir wollen eine nüchterne, unaufgeregte Aufklärung von Vorwürfen."
    foto: der standard/robert newald

    Christoph Kratky, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF: "Wir wollen eine nüchterne, unaufgeregte Aufklärung von Vorwürfen."

Share if you care.