"Chanel ist ein Stil"

18. August 2008, 16:37
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"Mademoiselle Coco" war die berühmteste Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts - Ein Porträt erinnert an ihren 125. Geburtstag

"Mode ist vergänglich. Stil niemals. Chanel ist Stil". Dieser Ausspruch von Coco Chanel hat sich bewahrheitet. Die "la grande Mademoiselle", wie sie sich zeitlebens nennen ließ, hat nicht nur einen eigenen unverwechselbaren und bis heute klassisch zeitlosen Kleidungsstil entwickelt, sie hat es auch verstanden, sich selbst zur Legende und ihre Biografie zu einem Mythos zu machen. Ihre Entwürfe werden auch 37 Jahre nach ihrem Tod - seit den 80er-Jahren von Karl Lagerfeld - aktualisiert und interpretiert. Ob Kostüm oder Parfum, die Marke Chanel ist weltberühmt und wird auch nicht so schnell, wenn überhaupt, in Vergessenheit geraten.

Dabei waren die Voraussetzungen für die einzigartige Karriere der Modeschöpferin alles andere als rosig. Eigentlich waren sie gar nicht vorhanden. Als uneheliche Tochter einer insgesamt sechs Kinder umfassenden Familie wurde Coco, geborene Gabrielle Chanel, gerade zwölf Jahre alt, nach dem Tod der Mutter von ihrem Vater in ein von Nonnen geführtes Waisenhaus gesteckt. Dieses eher finstere Kapitel ihres Lebens, das sie übrigens in ihrer Biografie gerne geschönt und interessanter gestaltet hat, dürfte ihre Vorliebe für schlichte und zweckmäßige Kleidung mitgeprägt haben.

Doch bis es soweit war, erwies sich ihr Erfolgsweg in den ersten Jahren als steinig. Nach einer Lehre in einem Nähzubehörgeschäft in Moulins - damals erhielt sie den Spitznamen "la petite Coco" - lernte sie mit 25 Jahren den reichen Offizier Etienne Balsan kennen, der sie in die Gesellschaft einführte und finanziell unterstützte. 1910 konnte sie sich als Modistin mit autodidaktischer Ausbildung in Paris selbständig machen. Sie kreierte üppig mit Spitzen, Kunstblumen, Schärpen, und Raffungen beladene Hüte, die sie selbst nie getragen hätte. Während die reichen Damen auf diese Weise geschmückt, bei den Pferderennen auftauchten, erschien Coco Chanel in schlichtester und für damalige Begriffe ungewöhnlicher Eleganz: wollener Raglanmantel über knöchellangem Bahnenrock, Herrenhemd mit Krawatte und einem einfachen Strohhut.

Casual wear aus Jersey und Baumwolltrikot

1913 und 1915 konnte sie mit Hilfe von Balsan und dessen Freund Arthur Capel, "Boy" genannt, der ihr späterer Geliebter werden sollte, zwei weitere Modegeschäfte - in Deauville und Biarritz - eröffnen. Dort setzte sie ihren sportiven Stil um, kaufte preiswerten Rodier-Jersey und bis dahin nur für Unterwäsche verwendete Baumwollwirkware und schneiderte Kostüme mit lose hängenden Jacken samt Stoffgürtel und großen aufgesetzten Taschen, knöchellange Röcke, Matrosenjacken, Sweater und gerade geschnittene Hemdblusenkleider mit tiefliegender Taille. Diese "casual wear" wurde daraufhin prompt vom amerikanischen Harper's Bazar mit Begeisterung präsentiert.

Chanel selbst war ihr bestes Mannequin. Ihre schmale Statur, die natürliche Bräune, ihr kurzes Haar und die Weigerung, ein Korsett anzulegen, vertraten ihren Stil authentisch und dadurch äußerst erfolgreich.

Nachdem ihr Liebhaber "Boy" Capel 1919 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, kehrte Coco Chanel nach Paris zurück und gründete in der Rue Cambon den Modesalon, der noch heute als Stammhaus bekannt ist. Obwohl sie anfänglich von Schnitt- und Nähtechniken nur wenig Ahnung gehabt und sich damit beholfen hatte, die Stoffe auf einer Schneiderpuppe zurechtzustecken, vermochte sie es, einige wesentliche Basics zu schaffen, die nicht mehr aus dem Kleidungssortiment wegzudenken sind: das kleine Schwarze, das Chanel-Kostüm, lässig bequeme Hosen, das Twin-Set etc.

Schmuck und Parfum als integrative Bestandteile

Eine weitere Erfindung, die ihr zu verdanken ist, betrifft den Einsatz von Modeschmuck als integrativen Bestandteil der Kleidung. Coco selbst lieferte mit vielreihigen, oft unechten Perlketten zum simplen Jumper getragen, ein Exempel. Und auch ihr bereits 1921 kreiertes Parfum "Chanel N' 5" zählt bis heute zum Duft der Düfte.

Während des Zweiten Weltkriegs musste sie, wie die meisten Pariser Haute Couture-Häuser, ihren Salon schließen. Doch 1954, bereits 70-jährig, startete Coco Chanel erneut durch. Mitauslöser war sicherlich ihre Abneigung gegen die wiederkehrende Taillierung, die "Frauen einengt" und "zu püppchenhaft" wirken lässt: "Diese schweren Kleider, die nicht einmal in einen Koffer passen, lächerlich...", sagte sie damals und meinte in erster Linie Christian Diors "New Look".

Besonders in ihren späten Jahren hatte sie den Ruf, "eine schwierige, egozentrische Dame zu sein, die ihre Modeschauen immer von der Treppe ihres Salons aus kritisch beobachtete", wie Ingrid Loschek in "ModeDesigner. Ein Lexikon von Armani bis Yamamoto" (Beck'sche Reihe 2002) schreibt.

"Es ärgert mich, wenn ich hören muss, ich hätte eben Glück gehabt. Niemand hat härter gearbeitet als ich", resümmierte sie gerne über ihre berufliche Laufbahn. Und wahrlich arbeitete sie bis kurz vor ihrem Tod. Coco Chanel starb am 10. Jänner 1971 während der Vorbereitungen für ihre nächste Kollektion im Alter von 87 Jahren in Paris. (dabu/dieStandard.at, 19.08.2008)

Gabrielle Chanel
Geboren am 19. August 1883 in Saumur/Frankreich
Gestorben am 10. Jänner 1971 in Paris

  • Das berühmte Man Ray-Porträt von 1935: Coco Chanel mit ihrem Markenzeichen Perlenketten
    Foto: Archiv

    Das berühmte Man Ray-Porträt von 1935: Coco Chanel mit ihrem Markenzeichen Perlenketten

  • Die französische Modeschöpferin verfolgt auf der Treppe ihres Salons sitzend idie Präsentation ihrer Frühjahr- und Sommer-Kollektion für das Jahr 1969
    Foto: APA

    Die französische Modeschöpferin verfolgt auf der Treppe ihres Salons sitzend idie Präsentation ihrer Frühjahr- und Sommer-Kollektion für das Jahr 1969

  • Coco Chanel, undatierte Aufnahme
    Foto: Archiv

    Coco Chanel, undatierte Aufnahme

  • Chanel-Ausstellung im Metropolitan Museum of Art in New York, 2005.
    Foto: AP/HIROKO MASUIKE

    Chanel-Ausstellung im Metropolitan Museum of Art in New York, 2005.

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