Wähler immer unberechenbarer

19. August 2008, 08:41
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Der Anteil der Wechselwähler liegt mittlerweile bei 60 Prozent - Davor war das österreichische Wahlverhalten 40 Jahre stabil - Prognosen deshalb immer schwieriger

Wien - Kaum jemand wagt derzeit Prognosen über den Ausgang der Nationalratswahl am 28. September. Dies liegt auch daran, dass das Verhalten der Wähler immer schwerer abschätzbar wird. Sie sind in den vergangenen 20 Jahren wesentlich beweglicher geworden. Mittlerweile geben in Umfragen sechs von zehn Wählern an, bereits unterschiedliche Parteien gewählt zu haben - während es Mitte der 90er-Jahre 40 Prozent, in den 60er Jahre überhaupt nur fünf bis zehn Prozent waren.

Dass die Wähler wesentlich mobiler geworden sind, zeigt sich deutlich an den Wählerbewegungen während der Ära Haider und den teils überraschenden Wahlergebnissen während der schwarz-blauen Koalition.

Lange Zeit stabiles Wahlverhalten

Gut 40 Jahre lang war das Wahlverhalten der Österreicher recht stabil: SPÖ und ÖVP lagen so gut wie immer über 40 Prozent, von 1945 bis 1966 die ÖVP, dann die SPÖ (mit drei Mal absoluter Mehrheit) vorne, die FPÖ zwischen fünf und zehn Prozent. Abgesehen von der KPÖ in den Anfängen der Zweiten Republik schaffte keine andere Partei den Einzug in den Nationalrat.

Mit der Geburt der Grünen in den 80er-Jahren und der Übernahme der FPÖ durch Jörg Haider im Jahr 1986 änderte sich dies vehement. Die FPÖ - 1983 mit nur rund 242.000 Wählern im historischen Tief - legte bis 1999 von Wahl zu Wahl zu. Mehr als eine Million Wähler wanderten zu den Blauen ab. 1,244.087 Stimmen hatte sie am Höhepunkt ihres Erfolges 1999, als sie knapp vor der ÖVP sogar zweitstärkste Kraft wurde.

Wählerschwund

Für die Großparteien bedeute dies einen Wählerschwund in ungeahntem Ausmaß, beide fielen deutlich unter die Zwei-Millionen-Grenze. 850.000 Wähler (40 Prozent) verabschiedeten sich zwischen 1983 und 1999 von der ÖVP, die 1999 mit 1,243.672 Stimmen erstmals nur mehr Platz drei schaffte. Etwas geringere Verluste erlebte die SPÖ: 780.000 Wähler (rund ein Drittel) weniger mit 1999 nur mehr 1,532.448 Stimmen war ihre Bilanz.

Die Grünen etablierten sich in dieser Zeit als vierte Kraft: Bei der ersten Wahl der Ära Haider im Jahr 1986 schafften sie den Einzug in den Nationalrat - und über die Jahre wuchsen sie langsam, aber sicher von rund 234.000 auf 1999 342.260 Wähler.

Zäsur durch schwarz-blaue Koalition

Die Bildung der schwarz-blauen Koalition nach der Wahl 1999 - die SPÖ war erstmals seit den 60ern in der Opposition - brachte die nächste Zäsur. Die FPÖ stürzte ab: Sie verlor bei allen Wahlen und kam bei der (wegen der FPÖ-Krise vorgezogenen) NR-Wahl 2002 nur mehr auf 40 Prozent der Stimmen von 1999, rund 491.000. Davon profitierte die ÖVP, die Karl-Heinz Grasser auf ihre Seite gezogen hatte: Sie legte um 830.000 auf über zwei Millionen Wähler zu und wurde erstmals seit 1966 wieder stimmenstärkste Partei. Aber auch die SPÖ wuchs wieder, um 260.000 auf 1,8 Mio. Stimmen.

Wie flexibel die Wähler mittlerweile sind, zeigte sich 2006: Die SPÖ wurde trotz BAWAG-Skandal und ÖGB-Krise überraschend wieder Erste, die Grünen erstmals Dritte vor der FPÖ. Das 2005 von der FPÖ abgespaltete BZÖ Jörg Haiders schaffte nur dank dem Kärntner Resultat den Einzug in den Nationalrat, nicht aber die bei der EU-Wahl 2004 erfolgreiche Liste Hans-Peter Martins.

Stimmenverluste für die Großen

ÖVP und SPÖ verloren bei dieser NR-Wahl wieder Stimmen: Von der ÖVP (sie kam auf 1,616.493) verabschiedete sich mehr als die Hälfte der 2002 dazugewonnenen Wähler wieder, die SPÖ fiel auf 1,663.986 Stimmen zurück. Die FPÖ unter ihrem neuen Chef Heinz-Christian Strache legte erstmals seit 1999 wieder etwas zu, die Grünen übersprangen erstmals die zehn Prozent.

Mit der Wiederauflage der Großen Koalition dürfte sich der Trend erneut geändert haben. Bei den bisher zwei Landtagswahlen (Tirol und NÖ) erlebte die SPÖ - die unter Schwarz-Blau bei allen Wahlen zulegte - ein Debakel, auch die Grünen verloren Stimmen. Die FPÖ erholte sich weiter, das BZÖ blieb bedeutungslos. In Tirol schaffte die Liste des ÖVP-Dissidenten Fritz Dinkhauser einen Überraschungserfolg.

Zahl der gültigen Stimmen stabil

Ob für ihn und das "neue" LIF auch im Bund Platz ist, wird die Wahl im September zeigen. Meinungsforscher geben Dinkhauser durchaus Chancen. Aber bisher schafften es abgesehen von SPÖ, ÖVP, FPÖ und Grünen nur das LIF (bei den Wahlen 1994 und 1995) und die KPÖ (1945 bis 1956) in den Nationalrat.

Vergleichsweise stabil geblieben ist den in den vergangenen zwei Jahrzehnten übrigens die Zahl der gültigen Stimmen - obwohl die Zahl der Wahlberechtigten in dieser Zeit um fast 15 Prozent wuchs (2006: 6,107.892). Die Wahlbeteiligung ging entsprechend - mit Schwankungen - in Summe zurück, 2006 erstmals auf unter 80 Prozent. Die "gültigen Stimmen" bewegten sich zwischen rund 4,622.000 (1999) und 4,910.000 (2002). 2006 waren es 4,708.000. (APA)

 

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