"Da reicht es, wenn jemand froher wirkt"

18. August 2008, 20:46
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Der Sozialarbeiter Thomas Fröhlich sieht mannigfaltige Gründe für die Zunahme von Gewalt gegen Passanten

Standard: Derzeit mehren sich Berichte über scheinbar völlig unmotivierte Angriffe auf Passanten. Ist das Zufall oder ist der Gewaltpegel in der Öffentlichkeit gestiegen?

Fröhlich: Er ist gestiegen, die Gewalt ist sichtbarer und spürbarer geworden. Aber neu ist sie, vor allem unter Männern, nicht. Ich glaube, dass es in den Städten immer weniger Raum gibt, um aggressives Verhalten schadlos abzureagieren. Also verschiebt sich das Phänomen in die Öffentlichkeit.

Standard: Und hier offenbar vermehrt in die öffentlichen Verkehrsmittel. Warum das?

Fröhlich: Vielleicht, weil die Bilder offener Gewalt dort inzwischen allgegenwärtig sind. Wenn ich mir die Infoscreens in der Wiener U-Bahn in Erinnerung rufe: Von ihnen ist über lange Zeit eine Dauerberieselung durch Bilder von Krieg und Tod ausgegangen. Einen Menschen, der schon "geladen" war, konnte das weiter aufheizen.

Standard: Sie meinen, dass die Infoscreens die Gewalt in den Öffis schüren?

Fröhlich: Ja, denn das, was man dort sieht, sieht man, ohne sich dafür entschieden zu haben. Also anders als das, was man konsumiert, wenn man zum Beispiel den Fernseher aufdreht oder eine Zeitung kauft. Es hat dann ja auch Vorsprachen von Wiener Bezirkspolitikern bei der Infoscreen-Betreibergesellschaft gegeben. Die Bildersprache der Screens ist jetzt milder.

Standard: Auffallend ist, dass bei den genannten Angriffen meist auf völlig Unbekannte losgegangen wurde. Wie erklären Sie sich das?

Fröhlich: Es ist weit einfacher, auf jemanden loszugehen, den man nicht kennt, weil man auf diese Person hemmungslos alle negativen Gefühle projizieren kann, die man in sich trägt. Da reicht es, wenn das unbekannte Gegenüber reicher oder froher wirkt, als man selber ist. Oder, dass dieser Mensch so aussieht, wie man sich einen Ausländer vorstellt - und schon ist der Hass voll da.

Standard: Was tun, um potenzielle Täter zu erkennen - und wie arbeitet man dann mit ihnen?

Fröhlich: Wichtig ist zum Beispiel, jungen Männern zu vermitteln, welche großen Körperkräfte sie in sich tragen. Viele meiner gewaltbereiten Klienten leiden an einer Art Selbstwahrnehmungsstörung: Sie wissen oft gar nicht, was sie alles anrichten können, wenn sie fest zuschlagen. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 19. August 2008)

 

ZUR PERSON

Thomas Fröhlich (48) arbeitet in der Wiener Männerberatung mit gewaltbereiten Männern. Im sechsten Wiener Gemeindebezirk ist er Mandatar auf der von den Grünen seit einem Jahr unabhängigen Grünen Plattform.

 

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