Die Opfer des Zorns: Angriffe nach Lappalien

18. August 2008, 20:30
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Messerattacken im Linienbus, Pfefferspray in der U-Bahn: Immer häufiger kommt es aus nichtigem Anlass zur Aggression gegen Unbekannte - Auslöser ist oft Lärm

Wien - Sonntagnacht, Wien-Favoriten, ein Bus der Linie 68A. Ein 18-Jähriger steigt gleichzeitig mit zwei älteren Männer ein und setzt sich in den hinteren Teil des Busses. Die beiden Männer in den vorderen. Eine Alltagssituation - bis plötzlich einer der beiden Männer während der Fahrt aufsteht, nach hinten geht und den Teenager mit einem Messer attackiert.

Warum, müssen die Beamten des Kriminalkommissariats Süd noch ermitteln. Ob es bereits zuvor zu einem Streit gekommen ist, sich die drei kannten oder die Attacke grundlos erfolgt ist. Die Männer, 59 beziehungsweise 42 Jahre alt, flüchteten aus dem Bus, konnten aber kurze Zeit später festgenommen werden. Das Opfer, das in den Oberschenkel und den Bauchbereich gestochen wurde, erlitt Fleischwunden und konnte in häusliche Pflege entlassen werden.

Dass Gewalt im öffentlichen Raum scheinbar grundlos oder aus einer Lappalie heraus ausbricht, ist kein Einzelfall mehr. Der jüngste Vorfall ist bereits der vierte in den vergangenen dreieinhalb Monaten in öffentlichen Verkehrsmitteln Wiens.

Lärm spielt dabei oft eine Rolle. Wie Ende Mai, als sich ein Mann von einer telefonierenden Frau in der U-Bahn derart gestört fühlte, dass es zu einem Streit mit anschließendem Handgemenge kam. Die Frau stieg aus, drehte jedoch wieder um und begann ihren Kontrahenten mit Pfefferspray zu besprühen. Das Reizmittel setzte den Mann nicht außer Gefecht, sondern verletzte 17 Volksschulkinder im Waggon und die Angreiferin selbst.

Anfang Juni ging ein Unbekannte in einem Bus mit einem Messer auf eine Gruppe von sieben Jugendlichen los und verletzte zwei davon. Motiv: Dem Mann war ein Telefonat eines der Teenager auf die Nerven gegangen. In einem anderen Fall regte sich ein 33-Jähriger in der U-Bahn furchtbar darüber auf, von einem anderen Fahrgast angesprochen worden zu sein. Er wurde vom Fahrer aus dem Zug geschmissen - und schlug diesen auf dem Bahnsteig bewusstlos.

Fataler Faustschlag

Verkehrsmittel sind nicht der einzige Risiko-Ort. Der furchtbarste Fall heuer war die Attacke zweier 20-Jähriger auf den Wiener Bezirkspolitiker Gottfried Natschläger Ende April. Die beiden betrunkenen Männer waren aus der Straßenbahn geworfen worden, wo sie randaliert hatten. Unmittelbar darauf schlug einer von ihnen dem unbeteiligten Passanten Natschläger mit der Faust in das Gesicht. Das Opfer stürzte, schlug mit dem Kopf auf der Gehsteigkante auf und starb einige Tage später an den Verletzungen.

Übersteigerte Aggressionen finden sich auch im Straßenverkehr, betroffen sind alle Schichten. Wie der Fall eines Universitätsprofessors zeigt, der in Wien erst einen anderen Autofahrer "geschnitten hat" und diesen dann, als der bei einer Ampel ausstieg, um ihn zur Rede zu stellen, mit Pfefferspray einnebelte. Der Mediziner entging schließlich dank Diversion einer Vorstrafe.

Speziell beim Zorn rund um das Auto sind Männer überrepräsentiert. Beim ÖAMTC erklärte man dies im Jahr 2005 in einer Studie damit, dass Männer häufiger und länger fahren und dadurch öfter Unfälle und Aggression der anderen erleben. 23 Prozent von 1000 Befragten sahen sich bei dieser Untersuchung als "dynamische Fahrer" - die sich überdurchschnittlich ärgern, wenn sie am Vorwärtskommen behindert werden. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 19. August 2008)

 

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    Jung, alt, Männer, Frauen: Im öffentlichen Raum mehren sich die Angriffe, die nach einer Nichtigkeit ausbrechen.

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