Mit Vollgas in die private Pleite

18. August 2008, 19:32
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Schuldenberatung Salzburg versorgt nun auch ländlichen Raum: Autokauf und Hausbau größtes Problem

Salzburg - Schon in jungen Jahren mit dem Handy in die Kontoüberziehung, mit 18 ein Auto, mit 19 einen Totalschaden; für das erste Auto noch zahlen und schon ein zweites kaufen, mit 20 in eine eigene Mietwohnung. "Da steht man schnell ganz tief in der Kreide." Peter Niederreiter, Leiter der Salzburger Schuldenberatung, kennt die typische Schuldnerkarriere am Land. Seit Montag gibt es nicht nur in der Stadt Salzburg und in St. Johann im Pongau eine Zweigstelle der Schuldenberatung, sondern auch auch in Zell am See. Die notorische Unterversorgung des ländlichen Raums mit Beratungsdiensten sollte damit beendet sein, sagt Niederreiter.

Zwei Ausgabenposten machen am Land besonders viele Probleme, berichtet Niederreiter - das eigene Auto und das eigene Haus: "Hier im Gebirge haben wir vermehrt Häuslbauer. Das Eigenheim hat hier einen ganz anderen Stellenwert als im städtischen Bereich." Das führe auch zu ganz anderen Summen. Der durchschnittliche Klient der bisher einzigen Beratungsstelle "innergebirg", also im Pinzgau, im Pongau und im Lungau, steht mit 100.000 Euro in der Kreide, wenn er sich an die Schuldenberatung wendet; in der Stadt Salzburg sind es durchschnittlich 65.000 Euro. Außerdem dauere es am Land länger, bis jemand professionelle Hilfe in Anspruch nehme - "die Bereitschaft, innerhalb der Familie auszuhelfen, ist am Land noch höher", sagt Niederreiter.

Monatelange Wartezeit

Bisher mussten Beratungswillige eine Wartezeit von vier bis fünf Monaten und Anfahrtszeiten bis zu zwei Stunden in Kauf nehmen, um einen Gesprächstermin in der St. Johanner Zweigstelle der Schuldenberatung zu bekommen. Beides soll sich durch die neue Filiale mit zwei Beraterinnen halbieren, sagt Niederreiter. Im Endausbau sollen etwa 250 Klienten in Zell am See betreut werden können. Ab Oktober wird man auch regelmäßig Sprechtage im Lungau abhalten.

Salzburg ziehe jetzt endlich mit benachbarten Bundesländern gleich, das letzte große räumliche "Versorgungsloch" wird damit geschlossen. Die neue Außenstelle in Zell am See wird zur Gänze vom Land Salzburg finanziert. Dass mit Soziallandesrätin Erika Scharer (SPÖ) die verantwortliche Politikerin selbst aus dem nahe gelegenen Kaprun stammt, "hat sicher nicht geschadet", sagt Niederreiter: "Das war früher immer eher ein Lippenbekenntnis, wenn jemand angekündigt hat, Beratungsstellen zu regionalisieren."

Die Schuldenberatung betreut ihre Klienten und Klientinnen nicht nur in psychosozialer Hinsicht; sie darf Verschuldete in Privatkonkursverfahren auch kostenlos vor Gericht vertreten. Im Vorjahr wurden in Salzburg etwa 2400 Klienten betreut, im Durchschnitt kommen auf einen Berater 140 Ratsuchende.

"Wirtschaftsunkenntnis" führt in den Statistiken seit Jahren die Liste der Gründe für Verschuldung an: "Die Klienten haben es nie gelernt - weder im Elternhaus noch in der Schule -, finanzielle Planungen anzustellen und Risiken abzuschätzen. Derzeit gibt's überhaupt keine finanziellen Mittel, um Präventionsarbeit zu leisten", bedauert der Leiter der Schuldenberatung.

Scharer habe ihn jetzt aber damit beauftragt, ein Konzept auszuarbeiten und Unterstützung in Aussicht gestellt. Der Landesrätin schwebt ein verpflichtendes Unterrichtsfach "Richtiges Konsumverhalten" vor, sagt sie: "Wünschenswert wäre das bereits in der ersten Klasse Hauptschule oder Gymnasium, denn in diesem Alter bekommen die Kinder meist ihr erstes eigenes Taschengeld oder ein eigenes Handy." (Markus Peherstorfer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.8.2008)

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