Notruf aus Ostdeutschland: Ösis, bitte kuriert die Ossis

18. August 2008, 18:49
203 Postings

Weil in Ostdeutschland Ärztemangel herrscht, buhlt man dort gezielt um österreichische Mediziner - Mit wachsendem Erfolg: Immer mehr Österreicher entscheiden sich für eine Karriere in der Ex-DDR

Patrick Hausn hat mit seinem österreichischen Akzent etwas, um das ihn so mancher Animateur im Club Med beneidet: "Bei Ihnen komme ich mir vor wie im Urlaub", schwärmen seine Patienten immer wieder. Dabei ist der 35-jährige Steirer gar kein Touristenunterhalter auf Mallorca, sondern Arzt. Einer jedoch, der fern seiner Heimat arbeitet: In der kleinen sächsischen Kreisstadt Aue im Erzgebirge. "Die meisten Leute hier verbinden Österreich ja mit ihren Ferien. Dass sie in Sachsen jetzt auch ein österreichischer Arzt behandelt, finden sie nicht schlecht", sagt Hausn zum Standard.

Er selbst kann über den neuen deutschen Arbeitgeber, die Helios-Kliniken, auch nicht klagen: "Ich mache hier seit einem Jahr meine Facharzt-Ausbildung für Neurologie und Psychiatrie und kann bereits eine Abteilung mit 23 Patienten leiten." Für den Österreicher sind das geradezu paradiesische Zustände. "Wir sind hier ja keine Bittsteller. Im Gegenteil: Die brauchen uns", sagt Hausn. In Wien hätte er nach dem Medizinstudium erst einmal drei Jahre auf einen Turnusplatz warten müssen. Und dann, ist sich Hausn sicher, hätte die Jobbeschreibung für die begehrte Stelle zunächst so gelautet: "Arbeiten, Mund halten, Blutdruck messen." So weit aber ließ er es gar nicht kommen. Auf einer Jobmesse in Wien, bei der sich deutsche Kliniken präsentierten, war auch sein jetziger Arbeitgeber. Hausn: "Bevor ich in Österreich Taxi fahre, bilde ich mich lieber in Sachsen ohne Zeitverlust weiter."

Auf diese Einstellung österreichischer Mediziner setzen immer mehr Kliniken und Ärztekammern in den neuen deutschen Bundesländern. "Wir schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe", sagt Knut Köhler von der Sächsischen Ärztekammer: "Die Österreicher bilden sich bei uns weiter, und wir können die freien Stellen besetzen." Derer gibt es in Ostdeutschland genug. Die jüngeren deutschen Bundesländer erleben gerade eine Pensionierungswelle in der Ärzteschaft. Viele junge Mediziner wollen außerdem lieber in Westdeutschland oder gleich im Ausland praktizieren, wo die Verdienstmöglichkeiten besser sind.

Der begehrliche Blick der Ossis auf die Ösis beschränkt sich jedoch nicht auf Jobmessen. Im November 2007 unterzeichneten das sächsische Sozialministerium und die Österreichische Ärztekammer ein "Freundschaftsabkommen". In diesem wird für die österreichischen Studienabsolventen, die ja noch über keine Approbation verfügen, der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt geregelt. Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zogen nach, im September folgt noch der Vertrag mit Sachsen-Anhalt.

"Arbeitsgebiet verdoppelt"

"Dadurch haben wir das Arbeitsgebiet für österreichische Ärzte mindestens verdoppelt", freut sich Peter Gschaider vom Internationalen Büro der Österreichischen Ärztekammer und verweist auf die 264 ostdeutschen Kliniken, die nun den Ösis offenstehen. Er kennt noch weitere Gründe, warum es immer mehr Österreicher in die Ex-DDR zieht: "Die Spitäler dort sind alle nach der Wende neu ausgestattet worden, sind also von modernster Bauart. Außerdem gibt es in Ostdeutschland sehr viele Kindergärten, das ist für viele auch ein Argument." 28 Österreicher waren im Jahr 2002 in Ostdeutschland tätig, 2007 waren es bereits 164. Bis September 2008 rechnet Gschaider mit 200 und meint: "Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht."

Auch Katja Barth hat ihren Umzug von Wien nach Dresden nicht bereut. "Klar, man lässt Freunde und Familie zurück", sagt die 37-jährige Allgemeinmedizinerin. "Aber meinen Traum von der eigenen Praxis konnte ich mir nur hier erfüllen." In Österreich hätte sie vier Jahre darauf warten müssen, in Dresden, in der kleinen Praxis am Stadtrand, wurde Bartha mit offenen Armen empfangen: "Die Leute dort waren froh, dass es überhaupt weiterging." Als ihr Vorgänger in Pension ging, hatte sich in Dresden selbst niemand gefunden, der die Ordination übernehmen wollte. Bartha griff zu, renovierte auch gleich und verdoppelte die Anzahl der Patienten auf 1200.

"Der rasende finanzielle Gewinn ist das für mich nicht, aber ich verdiene hier mit der eigenen Praxis doch mehr als im Angestelltenverhältnis in Österreich. Die Lebenshaltungskosten sind in Ostdeutschland ohnehin niedriger", bilanziert sie nach zweieinhalb Jahren in Dresden. Die Sachsen mag sie mittlerweile auch gern: "Das sind nette Leute, die den Burgenländern sehr ähnlich sind." (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2008)

 

 

  • Vor allem Ostdeutschland ist vom Ärztemangel stark betroffen. Die Mediziner gehen lieber in den Westen ...
    Foto: AP Photo/Martin Meissner

    Vor allem Ostdeutschland ist vom Ärztemangel stark betroffen. Die Mediziner gehen lieber in den Westen ...

  • ... oder gleich ins Ausland und machen so Platz für ihre österreichischen Kollegen. Dagegen protestieren Ärzte wie bei einem Aktionstag in Kassel.
    Foto: Uwe Zucchi dpa/lhe

    ... oder gleich ins Ausland und machen so Platz für ihre österreichischen Kollegen. Dagegen protestieren Ärzte wie bei einem Aktionstag in Kassel.

Share if you care.