Wissenschaft - oder Kunst?

18. August 2008, 18:23
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Ein Kulturdelikt gilt es zu besprechen, und man muss unserer Innenministerin dankbar sein, von dem Begriff zur rechten Zeit genesen zu sein, obwohl Kultur gar nicht in ihr Ressort fällt

Ein Kulturdelikt gilt es zu besprechen, und man muss unserer Innenministerin dankbar sein, von dem Begriff zur rechten Zeit genesen zu sein, obwohl Kultur gar nicht in ihr Ressort fällt. Begangen haben es in einer sich über sieben Jahre erstreckenden Komplicenschaft zwei Personen, die nach landläufigen Vorstellungen für Kultur eher zuständig sein sollten als die Polizei und die es unter den Kampfnamen Strickliesl und Gió (Dschio) dank ihrer Zugehörigkeit zu einer Volkspartei zu Wissenschaftsministern gebracht haben. Intimkennern heimischer Wissenschaftspolitik sind ihre Vergehen nicht gänzlich unbekannt.

Aber das Verdienst, sie unter der bleiernen Tuchent medialen Desinteresses hervorgezogen zu haben, gebührt ausgerechnet dem Regierungsorgan "Wiener Zeitung", wo am Samstag unter dem Titel Ehrenkreuz für parawissenschaftlichen Unfug in einem fünfspaltigen Artikel dargestellt wurde, mit welchen Kapriolen die Genannten nicht nur das Ansehen der Republik, sondern auch jenes aller ernstzunehmenden Wissenschafter ins unbeschwert Heitere gezogen haben beziehungsweise ziehen, nur um einem Tiroler Sonderling, der die Ergebnisse seiner Forschung nach eigener Aussage auf seine guten Verbindungen zu Gott zurückführt, Antwort auf seine Fragen "von oben" bekommt, nachdem ihm vor 30 Jahren Jesus Christus erschienen ist.

Es handelt sich um Johann Grander, den Erfinder des "Granderwassers". Ihm hat im Jahre 2001 besagte Strickliesl unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, unter Hinweis auf mysteriöse wissenschaftliche Studien und offenbar im festen Glauben, dass die Wissenschaft nichts Würdigeres sein könne als eine Magd der Kirche, das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen. Anlass für die "Wiener Zeitung", der Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten statt bestimmungsgemäß deren Weisheit zu verkünden, war allerdings eine von lästigen Abgeordneten provozierte Aktion des Gió (Dschio) aus jüngster Zeit, der hinter der Strickliesl nicht zurückbleiben will.

Gegen deren Entscheidung hat sich zwar ein wenig Unbehagen geregt - weitgehend subkutan. Es gipfelte 2006 in einem Urteil des Oberlandesgerichtes Wien, das es erlaubte, bei Granders Wasserlassen von einem "aus dem Esoterikmilieu stammenden parawissenschaftlichen Unfug" zu sprechen. Das Wort Betrug sei nur deshalb unzulässig, weil aufgrund des dreimonatigen Rücktrittsrechts der Käufer von Grander-Utensilien eine Bereicherungsabsicht nicht zu erkennen sei. Dazu aus "Wikipedia": Die Firma Grander macht mit dem Vertrieb von Wassserbelebungsgeräten und Utensilien in Verbindung mit dem Granderwasser einen Jahresumsatz von etwa 13 Millionen Euro. Jesus macht 's möglich.

Im Juni 2008 richteten Abgeordnete von vier Parteien (welche fehlte?) an Gió (Dschio) die bescheidene Anfrage, ob er sich angesichts der Fakten und der Rechtslage eine Aberkennung des Ehrenkreuzes im Falle Grander vorstellen könne. So wie dessen Antwort ausfiel, hätten sie ebenso gut die Strickliesl fragen können, aber die Begründung, die sich Gió (Dschio) einfallen ließ, zeigt, welche Fortschritte auf dem Gebiet der Wissenschaft man in der ÖVP seit 2001 gemacht hat.

Tatsachen, so Gió (Dschio) in seiner Anfragebeantwortung, die zu einer Aberkennung eines Ehrenkreuzes führen könnten, hätten ohne Frage ernsthafte und schwerwiegende zu sein. Wie im Fall des NS-Euthanasiearztes Heinrich Gross. Sein Ministerium habe diese zwei Fälle - Gross und Grander - verglichen und Überlegungen über allfällige ernsthafte und schwerwiegende Gründe angestellt. Aus Gründen der Verhältnismäßigkeit der beiden Fälle zueinander komme eine Aberkennung nicht infrage. Die Antwort darauf, warum die Verhältnismäßigkeit nicht zwischen dem Quacksalber und etwa dem Nobelpreisträger Walter Kohn hergestellt wurde, blieb offen. Dass dieser und andere weltberühmte Persönlichkeiten das gleiche Ehrenkreuz tragen dürfen (müssen?), obwohl ihnen Jesus nicht erschienen ist, beweist, dass in Österreich Wissenschaftlichkeit niemandem zum Nachteil gereicht, wenn man nur kein Kindermörder ist.

Dennoch muss die Reaktion der "Wiener Zeitung" als unbedacht kritisiert werden. Heißt es nicht Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst? Wenn man mit einem solchen Schwindel 13 Millionen im Jahr macht, so viele Leichtgläubige hinters Licht führt und dafür auch noch zwei sogenannte Wissenschaftsminister zur Beihilfe einspannen kann - was sollte das sein, wenn nicht Kunst? (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 19.8.2008)

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