Das erste Beschnuppern

18. August 2008, 18:30
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Teamchef Brückner freut sich auf Österreich vs Italien am Mittwoch in Nizza. Er hat seine Mannschaft endlich kennengelernt. Auch Paul Scharner, der bei null beginnen darf und muss

Wien - Paul Scharner schaute "wie ein Auto" . Er hätte auch "wie ein Autobus" sagen können, das hat der 28-Jährige aber bewusst oder auch nur unbewusst vermieden. Man hätte ihm das als Größenwahn auslegen können. Der Scheibbser Scharner ist sicher nicht von Wigan nach Wien gekommen und zum Nationalteam gestoßen, um goschert zu sein oder gar die Kollegenschaft zu beleidigen. Nein, er will am Mittwoch in Nizza gegen Italien mittun (verteidigen). "Ich freue mich riesig, ich stelle keine Ansprüche, werde mich einfügen. Jeder Einzelne muss Verantwortung übernehmen, speziell ich."

Zwei Jahre lang ist Scharner weg gewesen, aus eigenem Verschulden. Er hatte nach dem 1:2 gegen Ungarn erklärt, im österreichischen Team verlerne man das Fußballspiel. Und das sei weder Sinn noch Zweck, er, Scharner, müsse auf sich selbst schauen, schließlich wolle er in der tollen Premiere League bestehen. Josef Hickersberger erfüllte ihm den Wunsch, er berief ihn nicht mehr ein. Scharner bestand in England.

Die Einsicht

Irgendwann im Herbst 2007, sagte Scharner am 18. August 2008, sei er in sich gegangen, "Ich bin draufgekommen, dass das dumm war. Ab diesem Moment fehlte mir das Team. Man wird halt gescheiter." Hickersberger blieb stur. Die drei EURO-Partien hat der Einsichtige im Fernsehen verfolgt. "Die Österreicher haben körperlich mit der Spitze mitgehalten, das war beachtlich. Sie hätten öfter ins Tor treffen müssen." Nun heißt es wieder: "Wir müssen öfter ins Tor treffen."

Am Samstagabend klingelte das Telefon, Scharner hatte die Mailbox eingeschaltet. Und hörte später die Stimme von Andreas Herzog ab, die um einen dringenden Rückruf ersuchte. "Da ahnte ich, dass ich dabei bin." Die Bestätigung folgte. René Aufhauser musste wegen einer Verletzung absagen. Scharner: "Ich freute mich riesig." (Anmerkung: Natürlich nicht über Aufhausers Ausfall.) Der Wigan-Legionär wird sich der internen Vergangenheitsbewältigung, sollte Bedarf sein, stellen. "Ich beantworte alle Fragen." Der neue Teamchef Karel Brückner hält das für notwendig, "damit man bei null beginnen kann" . Brückner hatte einen sanften "Na endlich geht's los" -Blick" aufgezogen, der hatte maximal am Rande mit Scharners Rückkehr zu tun. "Nach 25 Pressekonferenzen ist es an der Zeit, endlich zu trainieren und die Mannschaft kennenzulernen." Um 12.30 Uhr haben sich Brückner und sein Assistent Jan Kocian vorgestellt (Herzog ist ja ein alter Bekannter), um 16 Uhr wurde auf einem richtigen Fußballplatz Fußball gespielt. Zwei weitere Einheiten sind bis zum Italien-Match vorgesehen. "Man kann auch in kurzer Zeit viel sehen."

Die Aufstellung

Brückner konnte die Irritationen um Marc Janko, der ursprünglich nicht im Kader stand, deshalb traurig war, und der am Sonntag doch noch einberufen wurde, nicht nachvollziehen. "Das hab ich als tschechischer Teamchef oft gemacht. Manchmal sind fünf Spieler nachnominiert worden. Man hat Leute in der Hinterhand." Aufstellungen wird er übrigens nie und nimmer am Vortag verkünden, am Matchtag, rund vier Stunden vor Anpfiff, werden die Betroffenen informiert. Brückner meinte die Spieler, nicht die Journalisten. "Ich überlege bis zum Schluss."

Alexander Manninger wird gegen Italien sicher im Tor stehen. Andreas Ivanschitz wird Kapitän sein. Ob er die Schleife auch während der WM-Qualifikation tragen darf, ließ Brückner offen. "Dafür ist die Zeit jetzt wirklich zu kurz." Die Vermutung liegt nahe, dass Brückner einer Veränderung nicht gänzlich abgeneigt wäre. Er sagte noch, dass der Kader stark sei und er von einer guten Leistung ausgehe.

Paul Scharner freut sich jedenfalls "riesig" . Er sei zuversichtlich, schließlich stünden im ÖFB-Aufgebot 14 Legionäre. "Je mehr Österreicher im Ausland arbeiten, desto weniger Ausreden hat man daheim." Womit Scharner mit der Zukunftsbewältigung begonnen hat.
Rückkehrer Paul Scharner und der neue Teamchef Karel Brückner haben sich in Wien bereits angenähert. Im Sportcenter Donaucity, auf einem Fußballplatz in der Arbeiterstrandbadstraße. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 19. August 2008)

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    Rückkehrer Paul Scharner und der neue Teamchef Karel Brückner haben sich in Wien bereits angenähert. Im Sportcenter Donaucity, auf einem Fußballplatz in der Arbeiterstrandbadstraße.

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