Der ORF, Faymann und die „Krone"

18. August 2008, 18:33
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Mit der Einsetzung von Wrabetz als ORF-Generaldirektor hat sich die Information im ORF verbessert - Diese Errungenschaft ist nun wieder in Gefahr

Im Sommer vor zwei Jahren verdichtete sich der Unmut über die politische Einflussnahme der ÖVP im ORF zu einer Koalition, die die damalige Führung durch die Generaldirektion Wrabetz ersetzte. Es war viel zynisches Taktieren dabei - die SPÖ verband sich mit FPÖ und BZÖ, die zusammen mit den Grünen eine Mehrheit im ORF-Wahlgremium lieferten -, aber auch echter Unmut und echter Unabhängigkeitswillen von ORF-Journalisten.

Seither hat sich die Information im ORF verbessert (nicht der ORF insgesamt), wer kritischen Journalismus auf sachlicher Basis betreiben wollte, konnte das im Großen und Ganzen tun. Diese - fast einzige- Errungenschaft des Führungswechsels im ORF ist nun wieder in Gefahr. Ein Beitrag über die Rolle der Kronen Zeitung, die neben ihrem Anti-EU-Amoklauf nun massiv zugunsten des SPÖ-Kanzler-Kandidaten Werner Faymann in den Wahlkampf eingreift, wurde trotz Ankündigung abgesetzt. Er sei „inhaltlich noch nicht fertig" gewesen, hieß es von der Informationsstelle des ORF. Die Redakteursvertreter widersprachen dem allerdings vehement.

Übergeordnete Instanz

Die Krone versteht sich immer schon als eine der repräsentativen Demokratie übergeordnete Instanz. Die Weltsicht des 87-jährigen Herausgebers Hans Dichand ist von seiner Jugend in der Nazi-Zeit mitgeprägt, das Konzept der „Volksgemeinschaft" versucht er in ein Konzept der „Volkszeitung" zu übertragen. Er besteht immer darauf, die Krone sei kein Boulevardblatt, sondern eben eine Volkszeitung. In der NS-Volksgemeinschaft galt der scheinbare kollektive Wille des „Volkes", allerdings durch Drohung und Bestechung manipuliert von den Gewaltherrschern. Die Krone versucht, sich und ihre vor Unwahrheiten strotzenden Kampagnen als den einzig wahren Volkswillen darzustellen, obwohl es bestenfalls, wie im Fall der Anti-EU-Kampagne, der Wille einer, wenn auch nennenswerten, Minderheit ist - oder der von einer Handvoll hysterisierter und obskurer Leserbriefschreiber .

Das ist ein demokratiepolitisches Problem erster Ordnung, auch wenn manche unpolitischen Charaktere und/oder klammheimlichen Bewunderer dieser Methoden meinen, man solle davon doch nicht so viel Aufhebens machen. Wenn aber der Vorsitzende und Kanzlerkandidat der SPÖ, Faymann, sich dem Krone-Diktat per Leserbrief unterwirft, müssen alle Alarmglocken schrillen. Es ist die Aufgabe der kritischen Medien, solche Strukturen herauszuarbeiten. Der ORF ist verpflichtet, die angemaßte Rolle der Krone als Wahlkampfpartei zu thematisieren. Hier darf es kein Herumzittern mit einer Absetzung von kritischen Beiträgen geben.

Die ORF-Führung sagt, es habe keine Intervention von außen gegeben. Umso schlimmer, wenn man aus eigenem Antrieb gegenüber der Krone und deren Schützling Faymann eine windelweiche Linie einschlägt. Die Ausstrahlung des Beitrags war für Montagabend geplant, aber das Malheur ist schon passiert.

Die Wiederherstellung der journalistischen Bewegungsfreiheit ist eine der wenigen Errungenschaften der Direktion Wrabetz. Wenn das jetzt auch noch den Bach hinuntergeht ... (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2008)

 

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