Zählen ohne Zahlen

18. August 2008, 23:00
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Bestimmte Aborigines-Sprachen haben keine Zahlwörter, die Kinder dieser Völker können trotzdem zählen – was darauf hindeutet, dass wir einen angeborenen "Zahlensinn" haben

Melbourne/London - Es dauerte bis zum Jahr 1967, ehe das australische Gesetzbuch den Passus strich, wonach Aborigines nicht als menschliche Wesen zu gelten hätten. Benutzten Angehörige dieser ethnischen Gruppen ihre eigene Sprache, konnten sie bis dahin bestraft werden.

Heute leben in Australien und auf Tasmanien noch rund 380.000 Aborigines, deren verschiedenen Völker und Stämme zum Teil völlig unterschiedliche Sprachen sprechen. Eine dieser Sprachen (und zugleich eines dieser Völker) heißt Warlpiri und wird noch von rund 3000 Personen beherrscht, die in der Tanamiwüste im Norden Australiens leben. Das Besondere am Warlpiri: Es kennt keine Zahlwörter. Das gilt auch für die Anindilyakawa-Sprache, die auf der ebenfall in Nordaustralien gelegenen Insel Groote Eylandt in Verwendung ist.

Wie aber halten es die Angehörigen dieser indigenen Völker mit dem Zählen? Sind dazu nicht entsprechende Wörter nötig?

Gespür für Numerisches

Ein australisch-britisches Forscherteam hat nun das Zahlenverständnis von Kindern dieser beiden Volksgruppen untersucht und dabei Erstaunliches festgestellt: Denn obwohl die beiden Sprachen weder Worte noch Gesten für Zahlen haben, besitzen die Kleinen (im Vorschulalter) ein "numerisches Gespür", das in ihrem Fall auf Raum- und Mengenkonzepten beruht.

Ihre entsprechenden Fähigkeiten unterschieden sich um nichts von jenen gleichaltriger Aborigines-Kinder, die mit Englisch aufgewachsen waren. Das zeige, so Co-Autor Bob Reeve von der Universität Melbourne, dass "Zahlenverständnisse nicht einfach auf Kultur oder Sprache beruhen".

Die neue Studie, die in der Fachzeitschrift PNAS (18. 8.) veröffentlicht wurde, bestätigt damit indirekt, was britische Kollegen um Camilla Gilmore bereits vor einem Jahr herausgefunden hatten: dass Kinder einfache Rechenaufgaben schätzend lösen können, ohne es gelernt zu haben (Nature, Bd. 447).

Bob Reeve schließt aus seiner Untersuchung, dass wir Menschen ein angeborenes System für die Repräsentation von Mengenverhältnissen haben dürften. Und dass es nicht unbedingt Zahlen braucht, um zu zählen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2008)

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    Angeborener Sinn für Quantitäten: Aborigines-Kinder, die Sprachen ohne Zahlen sprechen, behelfen sich erfolgreich mit Raum- und Mengenkonzepten.

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