"Kronen Zeitung" rühmt sich ihres Einflusses in Wahlkämpfen

18. August 2008, 17:38
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Beispiel Kreisky und Waldheim - ÖVP moniert "Stimmungsmache" für SPÖ - Kalina sieht "Einklang zwischen Leser und Redaktion" - Schmidt: Schlechter Dienst für Demokratie

Die Rolle der "Kronen Zeitung", mit knapp drei Millionen Lesern Österreichs meistkonsumierte Tageszeitung, rückt zusehends in den Blickpunkt des laufenden Nationalratswahlkampfes. Pünktlich zu dem vom ORF zunächst nicht gesendeten und nun für Montagabend geplanten "ZiB 2"-Beitrag über die Macht der "Kronen Zeitung" (mehr dazu hier) rühmt sich das Blatt in der Montagsausgabe selbst seines machtvollen Einflusses in verschiedenen Wahlkämpfen der Vergangenheit - eines "Kampfes der 'Krone' für die Bürger gegen 'die da oben'", wie die Zeitung schreibt.

Beispielhafter Überblick

Innenpolitikredakteur Peter Gnam gibt einen beispielhaften Überblick, welche Politiker mit Hilfe der "Krone" Wahlen verloren beziehungsweise gewonnen haben. Von der Auseinandersetzung um den Wiener Sternwartepark, die zum Rücktritt des Wiener Bürgermeisters Slavik - "ein 'Krone'-Feind", so die "Krone" - geführt hatte, über die verlorene Wahl des einstigen SP-Kanzlers Bruno Kreisky, gegen den Österreichs größte Tageszeitung wegen der Sparbuchsteuer "aus vollen Rohren schoss", wie das Boulevardblatt selbst stolz schreibt, bis zur Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten, dessen Kandidatur von der "Krone" unterstütz wurde.

Im aktuellen Wahlkampf gehören die Sympathien des Blattes und ihres Herausgebers Hans Dichand SPÖ-Chef Werner Faymann. Von ihm gab es am Montag zur Rolle der "Kronen Zeitung" vorerst keine Stellungnahme. Hans Dichand war für eine Stellungnahme urlaubsbedingt nicht erreichbar. Kritisch fiel unterdessen die Reaktion vonseiten der ÖVP aus. Die "Krone" übe sich derzeit als "Stimmungsmacher" für SPÖ-Spitzenkandidat Faymann, monierte ÖVP-Mediensprecher Franz Morak im Gespräch.

Im Alter Macht demonstrieren

Dass sich die "Krone" positioniert, findet der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Auch im internationalen Vergleich sei es nicht überraschend, dass sich eine Zeitung, die sich selbst als unabhängig bezeichnet, auf die Seite einer Partei schlägt - "vielleicht nicht in so drastischer Form". Die Tatsache, dass das Blatt für die SPÖ dermaßen stark in die Bresche springt, erklärt Hausjell mit dem Alter von Herausgeber Dichand. Je mehr der erkennen müsse, dass das Leben endlich ist, umso stärker sei vermutlich der Wunsch, politisch noch einmal mitzumischen und Macht zu demonstrieren.

"Was die 'Krone' und Herr Dichand tun, ist, Faymann mit aller Gewalt bekanntzumachen", attestierte auch Morak. Das geschehe etwa durch gut platzierte, doppelseitige Artikel in der - am meisten gelesenen - Sonntagsausgabe, während die anderen Kandidaten wochentags auf weniger imageträchtigen Seiten vorkommen.

"Leicht zugänglich"

Dass gut platzierte Artikel in der "Krone" besonders stark zur Kenntnis genommen werden, weiß auch der frühere SPÖ-Bundesgeschäftsführer und Ex-"Krone"-Redakteur Josef Kalina. "Eine Doppelseite, auf der sich ein Politiker präsentiert, wird hier prozentual von den Lesern intensiver genutzt als in anderen Zeitungen." Das Geheimnis des Dichand-Blattes liege in der "Sprache, die der Zielgruppe leicht zugänglich ist". Außerdem schaffe es die "Kronen Zeitung" laut Kalina "wie keine andere Zeitung, eine innige Beziehung zu ihren Lesern herzustellen. Es herrscht ein besonderes Vertrauen und ein Einklang zwischen den Lesern und der Redaktion".

Eine besondere politische Schlagseite kann der ehemalige SP-Politiker bei der "Krone" nicht erkennen. Er hält die Zeitung für eine der "best gemachten, die es gibt" und widerspricht der Behauptung, die Gazette sei SP-nah. "Das ist nicht wahr." Allenfalls gegenüber dem Liberalen Forum (LIF) sei die Zeitung "negativ eingestellt", räumte Kalina ein.

Schmidt: Schlechter Dienst für Demokratie

LIF-Chefin Heide Schmidt weiß, wovon die Rede ist. Als Liberalen-Chefin war sie früher Opfer von "Krone"-Kampagnen. Im aktuellen Wahlkampf fühlt sie sich von der Zeitung so behandelt, "wie ich es mir erwartet habe". Die "Krone" maße sich an, Politik zu machen, sagte Schmidt. Damit erweise sie aber "nicht nur der Demokratie, sondern auch dem Journalismus einen schlechten Dienst".

Schmidt sieht die Schuld an der Kampagnen-Macht der "Krone" aber nicht nur bei den Machern der Zeitung, sondern auch bei der Politik und den Lesern. Die SPÖ habe etwa durch ihren Kniefall in Sachen EU-Politik die Un- und Halbwahrheiten gerechtfertigt, die die "Krone" lange Zeit über die EU verbreitet habe. Dadurch bekomme das Blatt erst seinen besonderen Stellenwert. Weiters liege es in der Verantwortung der Leser, "welche Art von Zeitung sie zulassen".

Schmidt sieht es - genau wie VP-Mediensprecher Morak - als Aufgabe des öffentlich-rechtlichen ORF an, einen Ausgleich zur Medienmacht der "Krone" zu schaffen und für Aufklärung und ein objektives Gegengewicht zu sorgen. Die LIF-Spitzenkandidatin fordert den ORF deshalb auf, zusätzlich zu dem geplanten ZiB-Beitrag über die Macht der "Kronen Zeitung" jene Dokumentation der Belgierin Nathalie Borgers über das Phänomen "Krone" zu senden. (APA)

 

 

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    Innenpolitikredakteur Peter Gnam gab in der Montagsausgabe einen beispielhaften Überblick, welche Politiker mit Hilfe der "Krone" Wahlen verloren beziehungsweise gewonnen haben.

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