Das Duell um die Glaubwürdigkeit

19. August 2008, 09:50
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Am Freitag starten die TV-Konfrontationen der Spitzenkandidaten. In den Parteizentralen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren - dabei sind 80 Prozent der Wähler die Diskussionen praktisch egal

Von der Wahl der Themen bis zur Farbe der Krawatte: Bevor die Spitzenkandidaten der Parteien bei den TV-Konfrontationen am Küniglberg aufeinandertreffen, zerbricht man sich in den Parteizentralen über alle Eventualitäten den Kopf. "Massiven Optimierungsbedarf" gebe es bei jedem einzelnen Spitzenkandidaten, sagt Tatjana Lackner, die in Wien die "Schule des Sprechens" leitet: "Niemand ist so gut, dass ich sagen würde: Zieh dir einen Anzug an und geh ins Fernsehen."

Für solch eine Optimierung bleibt der FPÖ und dem BZÖ nicht mehr viel Zeit, schon am Freitag treten Heinz-Christian Strache und Jörg Haider gegeneinander an. Bis unmittelbar vor der Wahl wird jeder Spitzenkandidat mit jedem an einem Tisch sitzen (s. Termine), moderieren wird Ingrid Thurnher.

Rein wissenschaftlich betrachtet werden die Konfrontationen aber überschätzt, meint Politologe Fritz Plasser. Nur bei drei bis fünf Prozent jener, die eine TV-Diskussion gesehen haben, würde diese zu einer echten "Konversion" führen, sprich: "Jemand, der vor einer Fernsehkonfrontation in Richtung Partei A tendiert, will danach Partei B wählen." Bei zehn bis zwölf Prozent der Seher wird eine bereits vorhandene Tendenz geschärft. Für über 80 Prozent der Zuschauer ändert das TV-Duell aber gar nichts, sie sehen den von ihnen bereits im Vorfeld favorisierten Kandidaten als "Gewinner". Alle Studien zu diesem Thema, sagt Plasser, zeigen dasselbe Muster.

Die Diskussionen können aber mobilisieren, meint der Politologe. Bei einem geringeren Prozentsatz haben sie den genau gegenteiligen Effekt: "Es gibt Personen, die dann nicht wählen, weil sie die Fernsehkonfrontation als lästige Streitsituation sehen", meint Plasser.

Politikberater Christian Scheucher ist "überzeugt davon, dass die überwältigendeMehrheit der Leute auf der Straße nicht einmal weiß, dass die TV-Duelle jetzt beginnen". Er erwartet, dass das Publikumsinteresse beim "wahlentscheidenden" Duell zwischen SPÖ-Spitzenkandidat Werner Faymann und seinem ÖVP-Pendant, Vizekanzler Wilhelm Molterer, das am 23. September stattfindet, besonders hoch sein wird. "Das hat immensen Impact, allein schon, weil es sich alle einreden", glaubt Scheucher.

Neugierig auf Faymann

Die Erwartungen an SPÖ-Chef Faymann seien besonders groß, glaubt Politologe Plasser: "Er wird mehr bieten müssen als konsensual zu sein." Die Neugierde fokussiere sich auf den Neuling Faymann, glaubt auch Scheucher: "Abgesehen von der immensen Krone-Kampagne ist er ja ein unbeschriebenes Blatt." Auch fürMolterer sei die "Einser-Rolle" aber neu. "Ich würde ihm zu einer Angriffsstrategie raten", sagt der Politikberater. Von Faymann erwartet er, dass dieser "eher in Richtung Umarmung" gehen werde. Aber Harmonie sei gefährlich, glaubt Scheucher - "allein wegen dem Unterhaltungswert". Besonders an Strache und Haider seien die Erwartungen groß: "Wenn das nicht ein riesiger Fight wird, dann sind die Leute enttäuscht. Die beiden müssen sich sehr gut überlegen, wie sie diese Stunde inszenieren."

In den Parteizentralen werde der große Fernsehauftritt jedenfalls "hochgradig wichtig genommen", meint Scheucher. "Man muss viel vorbereiten lassen, Planspiele machen, mit Dummy-Kandidaten trainieren, und so weiter." Trainerin Lackner rät, sich den "Feind" genau anzuschauen und so eine Strategie für die "rhetorische Kriegsführung" zu entwickeln. Trotz aller Trainings muss der Mensch aber authentisch bleiben, betontLackner: "Der Spin Doctor darf nicht durchscheinen, der Politiker darf nicht wirken wie ein dressiertes Afferl." Gleichzeitig müsse man möglichst wenig Raum für die Interpretation der Zuschauer bleiben: Schwitzt etwa ein Kandidat, so soll er ruhig thematisieren, dass es im Studio heiß ist.

Beim Outfit können Männer zwar weniger falsch machen als Frauen, meint Lackner. Sie hält es dennoch für "superwichtig".

Diese Meinung teilt Politologe Plasser nicht - "das wäre auch eine Unterschätzung der Rationalität der Wähler". Und es handle sich bei den Spitzenkandidaten nicht um "Boxer, die in den Ring steigen, sondern um zwei Kandidaten, die Chefkommunikatoren ihrer Partei sind". Vermitteln müssten sie aber vor allem eines: Glaubwürdigkeit. (Andrea Heigl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2008)

 

  • Der rote Neuling: Werner Faymann muss die Karten auf den Tisch legen.

    Der rote Neuling: Werner Faymann muss die Karten auf den Tisch legen.

  • Der schwarze Neuling: Wilhelm Molterer ist im Wahlkampf erstmals in der Einser-Rolle.

    Der schwarze Neuling: Wilhelm Molterer ist im Wahlkampf erstmals in der Einser-Rolle.

  • Der grüne Routinier: Alexander Van der Bellen macht gerne Nachdenk-Pausen.

    Der grüne Routinier: Alexander Van der Bellen macht gerne Nachdenk-Pausen.

  • Der blaue Routinier: Die Erwartungen an Heinz-Christian Strache sind hoch.

    Der blaue Routinier: Die Erwartungen an Heinz-Christian Strache sind hoch.

  • Der orange Wiederkehrer: Jörg Haider hat die TV-wirksamen Taferln "erfunden".

    Der orange Wiederkehrer: Jörg Haider hat die TV-wirksamen Taferln "erfunden".

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