Britischer Kaukasus-Experte Winrow: "Die Russen haben viele Leute in Alarm versetzt"

18. August 2008, 17:27
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Stabilisiert sich die Lage in Georgien, gibt es einen Rückschlag für Russland, meint der britische Kaukasus-Experte Gareth Winrow - Alternative Pipeline-Projekte erhalten Auftrieb

STANDARD: Wie sieht Russlands Einmarsch in Georgien von der Türkei aus betrachtet aus?

Winrow: Premier Erdogan ist gleich nach Tiflis und Moskau gereist und hat die Idee von einem Stabilitätspakt für den Kaukasus wiederbelebt. Was die Türken vermeiden wollen, ist die klassische Konfrontation mit Russland wie zu Zeiten des Kalten Kriegs und davor.

STANDARD: Einen Tag vor Ausbruch des Kriegs in Georgien am 7. August haben kurdische Rebellen einen Anschlag auf die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline verübt. Ist das Stoff für Konspirationstheorien?

Winrow: Es wäre schon sehr viel und sehr perfekte Koordination zwischen Kurden, Osseten und Russen notwendig, damit eine solche Verschwörungstheorie funktioniert. Das kann ich nicht glauben, auch wenn einige Medien darauf eingestiegen sind.

STANDARD: Es zeigt nichtsdestotrotz, wie Energie- und Militärfragen in diesem Konflikt ineinandergreifen.

Winrow: Oh ja - es gibt nun eine ganze Reihe von Problemen: Die BTC-Pipeline war in den vergangenen zwei Wochen stillgelegt, unabhängig von dem Konflikt im Kaukasus. Zeitweise war aber auch die Baku-Tiflis-Erzurum-Gaspipeline geschlossen, ebenso die Baku-Supsa-Ölpipeline. Dann wurde die Eisenbahnbrücke bei Kaspi in Georgien zerstört, was Öltransporte aus Aserbaidschan und Kasach_stan beeinträchtigt.
Die langfristigen Folgen sind wichtig. Dabei gibt es zwei Sichtweisen. Die eine besagt: Dieser Konflikt wird große Investitionsvorhaben in der Region wie etwa die „Nabucco"-Pipeline ernsthaft gefährden. Unternehmen werden Abstand davon nehmen, in eine so unsichere Gegend Geld hineinzustecken, und gehen lieber nach Russland.
Die andere Schlussfolgerung lautet: Nein, Russland hat sich als aggressive Macht gezeigt, die andere einschüchtern will. Wir können es uns nicht erlauben, von Russland abhängig zu sein, uns erpressen zu lassen - also nicht „South Stream" (das jüngste Gaspipelineprojekt der russischen Regierung, Anm.) unterstützen im Vergleich zur teureren „Nabucco"-Pipeline.

STANDARD: Welche Theorie wird sich als richtig erweisen?

Winrow: Die Russen mögen sich nun zurückziehen auf die Separatistengebiete, aber man kann nicht so tun, als ob nichts geschehen wäre. Es wird nun vielleicht ein koordinierteres Vorgehen der EU in der Region in Fragen der Sicherheit und der Energieversorgung geben. Alternative Pipelineprojekte außerhalb des russischen Zugriffs könnten Auftrieb bekommen.

STANDARD: Den Russen wäre es dann nicht gelungen, mit diesem Krieg auch die Energiepolitik im Kaukasus in ihrem Sinn zu ändern.

Winrow: Das hängt alles davon ab, wie sich die Lage in Georgien entwickelt. Bleibt es dauerhaft instabil, richten die Russen große Pufferzonen um die Separatistengebiete ein - dann wird es in der Tat keine bedeutenden Investitionen geben. Doch wenn sich die Lage stabilisiert, könnte es zu dieser Gegenreaktion gegen Russland kommen. Die Russen haben viele Leute in Alarm versetzt. Es ist schwer vorstellbar, dass die EU nun noch abhängiger von Energielieferungen aus Russland werden möchte.

STANDARD: Welchen Anteil hatten wohl energiepolitische Überlegungen für die Entscheidung der Russen zum Krieg?

Winrow: Es war immer im Hintergrund präsent. Die Russen hatten die BTC-Pipeline nie gemocht, auch wenn sie ihren Bau am Ende nicht verhinderten. Aber der unmittelbare Auslöser des Kriegs waren der Streit um die Separatistengebiete und wohl auch Georgiens Kandidatur für den Nato-Beitritt. Für den Ausbruch der sogenannten „eingefrorenen Konflikte" kann man vielen Seiten verantwortlich machen - auch die EU, die sich in der Region nicht so engagiert hat, wie es vielleicht nötig war. (Markus Bernath, Printausgabe, 19.8.2008)

 

  • ZUR PERSON: Der Politikwissenschafter Gareth Winrow (48) lehrte zehn Jahre an der Istanbul Bilgi University und ist auf Energie- und Sicherheitsfragen in der Schwarzmeerregion spezialisiert. Er kehrt nun zurück nach Großbritannien.
    foto: privat

    ZUR PERSON: Der Politikwissenschafter Gareth Winrow (48) lehrte zehn Jahre an der Istanbul Bilgi University und ist auf Energie- und Sicherheitsfragen in der Schwarzmeerregion spezialisiert. Er kehrt nun zurück nach Großbritannien.

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