Liebessehnen im Unterwasser-Bordell

18. August 2008, 17:06
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Bei der Premiere von "Rusalka" gab es Jubel für das Ensemble und Dirigent Franz Welser-Möst - Protestiert wurde gegen die Inszenierung von Wieler und Morabito

Salzburg - Ob diese Rusalka, die aus dem "Haus für Mozart" jetzt einmal vorläufig ein Haus für Dvoøák macht, zwingend notwendig war, bleibe dahingestellt. Unter dem ziemlich geschwollen klingenden Festspielmotto - "denn stark wie die Liebe ist der Tod" - lässt sich von der Aida bis zum Fliegenden Holländer so ziemlich alles, was in der Opernliteratur gut und teuer ist, subsummieren. Natürlich auch die Rusalka von Dvoøák. Außerdem dürfte sich der tschechische Meister in seiner Festspielabsteige sehr wohl fühlen. Denn Franz Welser-Möst und sein Cleveland Orchestra machen seine einzige Oper, die sich auf den Spielplänen halten konnte, gemeinsam mit einem in allen Partien exzellent besetzten Ensemble zu einem ungetrübten Hörvergnügen.

Welser-Möst wollte überdies den gegen ihn hinter vorgehaltener Hand häufig geäußerten Einwand, er sei ein Tüftler und habe zu wenig dramatisches Temperament, entkräften und stellte dieses, wo die szenische Situation es zulässt, geradezu demonstrativ unter Beweis. Seine wahre Stärke liegt aber in der Entfaltung eines Stimmengewebes aus fein abgestimmten Klangnuancen, wobei ihm vor allem die in diesem Orchester glänzend besetzten Holzbläser, insbesondere das immer wieder mit viel Poesie aufklingende und mit der Klarinette duettierende Englischhorn, zugute kamen. Der opernfreundliche Normalverbraucher bleibt im Großen und Ganzen jedoch auf das "Mondlied" angewiesen, in dem Camilla Nylund mit vollendeter Stimmlyrik den Erdtrabanten sehnsüchtig anschwärmt. Der Rest ist hochkultivierte Opernromantik, die jedoch in keinem Augenblick wirklich betroffen macht.

Diese Rusalka ist nämlich die slawische Schwester der Undine, einer Nixe, die aus Liebe Menschengestalt annehmen möchte. Die Warnungen ihres Vaters, des Wassermanns, missachtend, geht sie zur Hexe Ježibaba, die ihr zu einem menschlichen Unterleib verhilft, dafür aber die Sprache nimmt. Ein Prinz trifft das Mädchen und nimmt es als Braut mit aufs Schloss, wo man sie, weil sie stumm ist, schief anschaut.

Sie wird Zeugin, wie sich der Prinz beim Hochzeitsfest von einer fremden Fürstin verführen lässt. Nun versucht Rusalka, wieder in die Welt der Nixen zurückzukehren, doch auch dies ist unmöglich. Als todbringendes Irrlicht existiert sie weiter. Sie begegnet wieder dem Prinzen, der auf der Suche nach Rusalka ist, und an ihrem Kuss sterbend zusammenbricht. Dass die szenische Umsetzung dieses heute ja nur noch begähnenswerten Handlungsverlaufs schwierig ist, liegt auf der Hand. Jossi Wieler und Sergio Morabito weisen Rusalka den Beruf eines Freudenmädchens zu, das offenbar endlich einmal lieben und geliebt werden möchte. Was, wie die Handlung beweist, schiefgeht.

Das Etablissement ist, weil Rusalka ja eine Nixe ist, natürlich unter Wasser, was zu Beginn durch überreichlich und ziemlich unreflektiert eingesetzte Darstellungen von Wasserflora und -fauna signalisiert wird. Und seine allfällige Klientel müsste in für die darin vorgesehene Tätigkeit höchst ungeeigneten Taucheranzügen anrücken. Doch im letzten Akt säuft sich nur der Wassermann darin an. Und die Hexe Ježibaba erweist sich als auf einen Krückstock gestützte Puffmami, die einen Küchengehilfen vernaschen möchte. Barbara Ahnes hat dazu eine drehbare Holzvertäfelung entworfen, in der sich auch die Schlossszenen gut unterbringen lassen, deren Gesellschaft Anja Rabes in Kostüme gesteckt hat, die Folklore und Zeitlosigkeit nach dem Muster der Musik stimmig signalisieren.

Tenoraler Schmelz

Eigentlich wirklich schade um die gute Besetzung. Die schon erwähnte Camilla Nylund findet in der Titelpartie auch zu erheblichen Intensitätsgraden und, soweit die Regie das zulässt, auch zu einiger darstellerischer Eindringlichkeit. Und Pjotr Beczala verfügt über so viel tenoralen Schmelz und so viel individuelle Färbung, dass man ihn nur allzu gerne als Rudolfo in La Bohème, die ja auch unter das Allerweltsmotto von Liebe und Tod passen würde, hören möchte. Seine Partie als Rusalka-Prinz ist nur höllisch schwer, doch ziemlich undankbar. Über dasselbe könnte Emily Magee klagen. Als fremde Fürstin ist die Wiener Marietta in Korngolds Toter Stadt eigentlich überqualifiziert.

Einzig Birgit Remmert hat in der Partie der Hexe Ježibaba eine stimmlich und darstellerisch einigermaßen lohnende Aufgabe gefunden. Und Alan Held, der den Wassermann sang, hat in Salzburg auch schon lohnendere Aufgaben zugewiesen bekommen, etwa als Pizarro im Osterfestspiel-Fidelio im Jahr 2003.  (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 19.08.2008)

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    Eine Nixe, die menschlich werden möchte: Camilla Nylund (als Rusalka).

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