Eine Predigt für Bekehrte

18. August 2008, 16:59
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Der große alte Hippie Neil Young verlautbarte im burgenländischen Wiesen meinungsstark die alten Ideale von einem besseren Leben in und mit der Natur und ihren Geistern

Autos mit Biosprit sind allerdings erlaubt.

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Wiesen - Ältere Menschen beharren mit der Zeit auf ihrem vermeintlichen Grundrecht, dass alles im Leben immer sich selbst ähnlich bleiben muss. Neue Erscheinungen werden verurteilt oder misstrauisch beäugt. Immer wieder dieselben Lieder. Immer wieder derselbe Käse. Das Bier mit Stammwürze, das Brot vom Stammbäcker. Die Wurst vom Bauernmarkt. Die alten Tomatensorten selbst gebrockt dank Samen aus der Arche Noah in Schiltern. Und den Rock'n' Roll zum Wohlfühlen und zum ein bisschen kritisch das Auge auf das Weltgeschehen Behalten kaufen wir bei Neil Young.

Das ist seit gut 40 Jahren so ziemlich die beste Adresse, wenn es darum geht, der Welt mit freundlichem wie sozialkritischem, mit hippie- und punkmäßigem, zivilisationskritischem Alte-Squaw- und Hottehü- und Auweia-, Landstraßen- und Sonnenuntergangs-, Holzfällerhemden- und Biosprit-, Big-Valley- und Down-so-low- oder auch Zerbrechlichkeits- und Abrissbirnenrock beizukommen.

Neil Young weiß zwar, dass man mit Liedern nicht die Welt verändern kann - wie er gegen Ende einer fulminaten zweistündigen Show im burgenländischen Wiesen singt. Trotz dieses Wissens um die Vergeblichkeit und das nutzlose Tun aber über Jahrzehnte gegen die anderen anzukämpfen, die alten Ideale vom Traum vom besseren Leben aufrechtzuerhalten, dafür zu singen und gegen das Böse in die Saiten zu dreschen, diesen beseelten Furor muss ihm erst einmal jemand nachmachen.

Zurzeit ist Neil Young mit seinen 62 Jahren mit seiner "Electric Band" auf Europatournee, um seinen Status als rechts von Bob Dylan und Leonard Cohen sitzender Übermittler der alten Ideale des Rock als auch spirituell gedeuteten Aufbruch zu predigen. Dass dies mit nicht ganz überraschend gespielten Titeln wie einem elfminütigen Love And Only Love, dem alten Herzensbrecher Hey Hey, My My, Cortez The Killer und Rockin' In The Free World geschieht, kommt nicht ganz unerwartet. Es ist trotz einiger Längen während der an und für sich länglichen und aufgrund ihrer Ähnlichkeit, sagen wir, über den Wiedererkennungswert identitätsstiftenden Gitarrensoli trotzdem immer noch eine Freude, ihm dabei zuzusehen.

"There's a long highway in your mind, the spirit road that you must find. It get you home to peace again, where you belong, my love lost friend." Spirit Road, der einzige im Burgenland gespielte Titel vom aktuellen Album Chrome Dreams II, eint auf stimmige Weise über einem gemütlich bei 70 km/h schunkelnden Landeier-Rhythmus das Programm. Mit Helpless, The Needle And The Damage Done, Heart Of Gold oder Old Man holt er dann im Mittelteil neben der Weltjugend auch noch den älteren Besucher auf seine sichere Seite.

Neil Young in seinem Nashville-Cowboy-Anzug stampft und schreit. Er torkelt wie eine Weide im Sturm der Frischluft verschaffenden Bühnenventilatoren. Er quält seine alte Gibson-Gitarre oberhalb des zwölften Bunds. Er bringt Powderfinger und Cowgirl In The Sand auf Touren. Als Zugabe wird Young dann modern. Der sensationell unwirsch dargebrachte Cut-up-Song A Day In The Life von den Beatles wird auf der Straße nach Nirgendwo ins bessere Leben gerumpelt. Eine Predigt für Bekehrte. Artikel über Neil Young müssen immer so aufhören: "Long may you run!" (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 19.08.2008)

  • Neil Young ebnet in Wiesen mit beinhartem Rock und friedvollem Folk den
Boden für die spirituelle Straße Richtung Bio-Gemüse, Landeiertum - und
Bio-Sprit: "Get back to the country!"
    foto: heribert corn

    Neil Young ebnet in Wiesen mit beinhartem Rock und friedvollem Folk den Boden für die spirituelle Straße Richtung Bio-Gemüse, Landeiertum - und Bio-Sprit: "Get back to the country!"

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