HRW-Beobachterin Lokschina: "Niemand nahm Rücksicht auf Zivilisten"

18. August 2008, 16:16
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Sowohl Georgier als auch Russen gingen mit schweren Waffen auf Zivilisten los - Die Opferzahlen sind aber mehr Propaganda als Wahrheit, erklärt Tatjana Lokschina, die für HRW vor Ort war - ein derStandard.at-Interview

Nur wenige unabhängige Stimmen können von dem berichten, was in Südossetien und Georgien tatsächlich vor sich geht. Tatjana Lokschina vom Moskauer Büro von Human Rights Watch hat Tage in der zerstörten südossetischen Hauptstadt Zchinwali verbracht, mit Ärzten und Überlebenden gesprochen und sich ein Bild jenseits der Propaganda gemacht. Erst heute ist sie vom Krisengebiet nach Moskau zurückgekehrt. Im Gespräch mit derStandard.at schildert sie, was sie dabei sah.

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derStandard.at: Der Krieg in Georgien war und ist auch ein Krieg der Informationen. Sie waren vor Ort. Sind die Opferzahlen, die von beiden Seiten genannt wurden, ernstzunehmen?

Tatjana Lokschina: Ich glaube nicht, dass diese Zahlen seriös sind. Die international übliche Formel lautet, dass die Zahl der Verwundeten durch drei dividiert jene der Toten ergibt. Die Ärzte, mit denen wir im Krankenhaus von Zchinwali gesprochen haben, geben an, dass die Zahl der Verletzten bei 273 liegt, Zivilisten und Angehörige des Militärs zusammengefasst.

derStandard.at: Beide Seiten warfen einander Genozid, also Völkermord, vor. Lässt sich dieser schwere Vorwurf vor Ort erhärten?

Tatjana Lokschina: Was wir in Südossetien gesehen haben, lässt sich nicht als Genozid einstufen. Da gibt es ja ganz klare internationale Definitionen dafür. Es geht im Moment auch nicht darum, ob die eine Seite der anderen Genozid vorwerfen kann oder nicht, sondern um eine schnelle und dauerhafte Lösung des Konflikts.

 

derStandard.at: Ging die russische Armee im Krieg gegen Georgien wie behauptet "maßvoll" vor?

Tatjana Lokschina: Wie ich von meinen Kollegen, die auf der anderen Seite der Grenze (zwischen Georgien und Südossetien, Anm.) arbeiten, gehört habe, macht die russische Armee in der Wahl ihrer Waffen keinen Unterschied, ob es sich um Zivilisten oder militärische Ziele handelt. Vor allem die Mehrfachraketenwerfer des Typs Grad, die mit Cluster-Geschoßen bestückt sind, haben in dicht besiedelten Gebieten großen Schaden unter der Zivilbevölkerung angerichtet. Auf der anderen Seite haben die Georgier ebenfalls Grad-Geschütze verwendet und wir sahen Wohnhäuser in Südossetien, die von georgischen Panzern beschossen wurden, inklusive der Keller, wo sich die Bewohner versteckt hielten. Unserer Ansicht nach benutzten beide Seiten wahllos Waffen, niemand nahm Rücksicht auf Zivilisten.

derStandard.at: Jüngst wurde über Strafaktionen in Südossetien berichtet, bei denen etwa Georgier die Straßen Zchinwalis säubern mussten. Wurden Sie Zeugin derartiger Racheakte?

Tatjana Lokschina: Was wir mit unseren eigenen Augen gesehen haben, spricht schon dafür, dass nun Zivilisten in Südossetien für diesen Krieg bestraft werden. Milizen haben dutzende georgische Dörfer angezündet und geplündert. Auf der anderen Seite hat das russische Militär jetzt aber Straßensperren errichtet, um die Milizen davon abzuhalten, mit ihren Plünderungen weiterzumachen. Wie ich gesehen habe, mit Erfolg. (flon/derStandard.at, 18.8.2008)

Zur Person: Tatjana Lokschina ist Vize-Direktorin des Moskauer Büros von Human Rights Watch, einer internationalen Menschenrechtsorganisation. Zuvor arbeitete die Moskauerin in verschiedenen NGO, etwa "Demos" und der russischen Helsinki-Gruppe.

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