Unliebsame Schmarotzer

18. August 2008, 14:54
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Humanpathogene Würmer von Haustieren sind in Österreich weit verbreitet - Parasitologe: "Die meisten Ärzte wissen nicht einmal, dass es diese Spulwürmer überhaupt gibt"

"Die Durchseuchungsrate von Hunden und Katzen mit Spulwürmern ist enorm", berichtet Herbert Auer, Leiter der Abteilung für Medizinische Parasitologie des Klinischen Instituts für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität in Wien. Im Detail sind allein in Österreich fast 100 Prozent aller Welpen und 70 Prozent der Katzen von Toxocara canis (Hundespulwurm) beziehungsweise Toxocara cati (Katzenspulwurm) befallen. Ein Verbreitungsgrad mit Folgen, insbesondere für den Katzen- und Hundeliebhaber Mensch.

Fehlwirt Mensch

Der Mensch ist dem Spulwurm (Ascariden) beliebtes Domizil und Sackgasse zugleich. Mediziner sprechen vom Fehlwirt Mensch, in dem sich die kleinen Spulwurmlarven niemals zu erwachsenen Würmern entwickeln. Den unliebsamen Schmarotzern ist eine Vermehrung im menschlichen Organismus verwehrt, sie existieren über Jahre als Larven und sind dennoch nicht minder gefährlich.

Dabei beginnt alles ganz harmlos. Mit dem Katzen- und Hundekot gelangen die Wurmeier - das Toxocaraweibchen produziert bis zu 200.000 pro Tag - ins Freie. Dort bleiben sie entweder im Fell der Tiere haften oder kontaminieren umgebendes Erdreich. Zwei bis drei Wochen später sind die Eier erst infektiös. Der Mensch "verzehrt" sie über den Kontakt mit den Händen und die Junglarven schlüpfen im Dünndarm.

Auf Wanderschaft in den Organen

Ab jetzt wird es unter Umständen ernst. Die Toxocaralarven beginnen, nachdem sie den Darm durchbohrt haben, über das Gefäßsystem in verschiedene Organe zu wandern. Leber, Lunge, Zentralnervensystem und Augen werden bevorzugt besiedelt, bindegewebige Knötchen darin gebildet, Gewebe zerstört oder entzündliche Reaktionen hervorgerufen. Die gesundheitliche Beeinträchtigung ist mitunter erheblich. In Einzelfällen imitieren sie sogar ein Retinoblastom, ein Tumor des Auges, der zur Erblindung führen kann.

"Jedes beliebige Organ kann befallen werden", erklärt Auer und erzählt von einem Kind, dessen Herz infolge einer Toxokarose versagt hat. Ein drastischer Fall, der zwar nicht wirklich repräsentativ ist, jedoch Eines zeigt: Der Wurm verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Unter Medizinern unbekannt

"Die meisten Ärzte wissen nicht einmal, dass es Toxocara überhaupt gibt", weiß der Parasitologe und bedauert das folgenschwere Informationsdefizit. Speziell bei chronischer Eosinophilie und immer wieder kehrendem kindlichem Husten sollten Mediziner an Hunde- und Katzenspulwürmer denken. Die Vermehrung der spezifischen weißen Blutzellen (eosinophile Granulozyten) kann typisch sein für den Parasitenbefall. Zwingend ist der Blutbefund allerdings nicht, vor allem dann nicht, wenn die Larven in das Gehirn vorgedrungen sind. Zum Glück ist die cerebrale Besiedelung aber eher selten.

Bauernhöfe sind in besonders hohem Maße mit Toxocaraeiern kontaminiert. Einzig sinnvolle Prophylaxe ist die sorgfältige Händehygiene. Behandelt wird die Toxokarose mit Albendazol, dem einzigen Medikament, das laut Auer derzeit zur Verfügung steht.

Madenwurm bei Kindern

Bei aller verdienten Aufmerksamkeit für Spulwürmer, will der Wiener Experte den Madenwurm (Enterobius vermicularis) schlussendlich nicht unerwähnt wissen. Er gehört wie der Spulwurm zur Gattung der Nematoden (Fadenwürmer, Rundwürmer) und parasitiert weltweit bei über eine Milliarde Menschen im Dickdarm.

In unseren Breiten ist die Madenwurminfestation die häufigste Wurmerkrankung bei Kindern. Eine beängstigend unappetitliche Vorstellung, doch wenigstens ist dieser Wurm ein ganz harmloser Zeitgenosse. Seine Weibchen kriechen zur Eiablage aus dem After und verursachen dort den typischen nächtlichen Juckreiz. Heftiges Kratzen ohne anschließendes Händewaschen führt dann zu wiederholten Infektionen. Der Klebestreifentest bestätigt rasch den Verdacht. Die Wurmeier bleiben nach Betupfen des Analrandes mit dem Klebestreifen darauf picken.

Wurmbefreit durch Tabletteneinnahme

"Entscheidend ist immer die ganze Familie zu behandeln", erklärt Auer und ergänzt noch, dass Angaben über die Überlebensfähigkeit der Madenwurmeier weit auseinander gehen. Seine empfohlene Behandlung bei rezidivierender Infektion weicht daher, von der allgemeinen Empfehlung einer zweimaligen Tabletteneinnahme, erheblich ab. Seine Patienten schlucken über zehn Monate verteilt zwölf Tabletten mit dem Wirkstoff Mebendazol und sind dann auf Dauer von den Würmern befreit. (phr, derStandard.at, 18.8.2008)

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    Das Wissen um die Spulwürmer bei Haustieren lässt diese Schmuserei in einem anderen Licht erscheinen, denn die Larven können sich in menschliche Organe bohren

  • Toxocara-Larve
    foto: klinisches institut für hygiene und medizinische mikrobiologie/meduni wien

    Toxocara-Larve

  • Ei des Madenwurms (Enterobius vermicularis), natürliche Größe: circa 60 µm
    foto: klinisches institut für hygiene und medizinische mikrobiologie/meduni wien

    Ei des Madenwurms (Enterobius vermicularis), natürliche Größe: circa 60 µm

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