Wolfgang "Pokerface" Schüssel

21. Februar 2003, 11:25
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Setzte zum zweiten Mal Regierung mit der FPÖ durch - Erstmals zeigen aber Parteigranden ihre Unzufriedenheit auch öffentlich

Wien - "Na schauen Sie sich einfach den Nationalrat an. Da sehen Sie den Unterschied", war am Donnerstag Wolfgang Schüssels von Lachen begleiteter Kommentar zur Frage, warum angesichts der bevorstehenden Neuauflage von Schwarz-Blau am 24. November überhaupt gewählt worden ist. Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren hat der ÖVP-Chef eine Regierungsbildung mit der FPÖ durchgesetzt. Freilich muss er dafür erstmals seit dem Beginn des schwarz-blauen Experiments und dem Erdrutschsieg bei der Nationalratswahl im vergangenen November auch öffentlich geäußerte innerparteiliche Kritik einstecken.

Schüssel hatte die als Juniorpartner in der rot-schwarzen Koalition dahindümpelnde ÖVP am 22. April 1995 übernommen. "Ich will mit Eurer Hilfe Bundeskanzler werden", sagte er damals. Zugetraut haben ihm das freilich nur wenige, und als die ÖVP im Sommer Neuwahlen vom Zaun brach, schien diese Skepsis bestätigt. In der Folge, bis zur Wahl am 3. Oktober 1999, ging es dann auch bergab, die ÖVP fiel erstmals hinter die Freiheitlichen auf Platz drei.

Die folgenden Wochen und Monate begründeten dann Schüssels Ruf als glänzender Verhandler mit Pokerface: Gegen den Bundespräsidenten, gegen die EU, gegen die öffentliche Meinung setzte er eine Koalition mit den Freiheitlichen durch und brachte der ÖVP erstmals seit 1970 wieder die Kanzlerschaft. Spätestens mit diesem Coup, als Dritter der Wahl an die Spitze der Regierung gekommen zu sein, hatte Schüssel auch in der Partei für neue Verhältnisse gesorgt. Oft mit viel Einsatz geführte Obmanndebatten waren einer klaren Führung der Partei durch den Kanzler gewichen.

Nicht einmal drei Jahre später, am 9. September 2002 beendete er dann die erste Auflage von Schwarz-Blau. Nur selten hatte der Kanzler selbst zuvor Meinungsverschiedenheiten der Koalitionspartner an die Öffentlichkeit getragen. Nach Knittelfeld musste aber auch der "Schweigekanzler" handeln: Der Regierungspartner habe "die Sacharbeit verunmöglicht". Und: "Ich will Klarheit schaffen."

Am 24. November des Vorjahres konnte er die Ernte für seine Taktik einfahren und führte die ÖVP wieder auf Platz eins. Innerparteiliche Kritik an seinem Kurs war in der Folge noch weniger als zuvor zu hören. Auch den oftmaligen Wechsel der Verhandlungs- und Sondierungspartner nahmen die Granden hin.

Erst am vergangenen Sonntag, nach dem Scheitern der "Charme-Koalition" mit dem Grünen ging mit Erwin Pröll dann der erste Landeschef an die Öffentlichkeit. Er trat vehement gegen Schwarz-Blau auf. An dieser Linie hielt Pröll, der im März Landtagswahlen schlagen muss, auch im Vorstand am Donnerstag fest. Neben Pröll stimmte aber auch sein oberösterreichischer Kollege Josef Pühringer - bei ihm wird im Herbst gewählt - gegen die Parteilinie. Auch Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl und Tirols Landeshauptmann Herwig Van Staa machten ihre Bedenken öffentlich.

Geboren wurde Schüssel am 7. Juni 1945 in Wien. Nach dem Jusstudium absolvierte er eine klassische Parteikarriere, die ihn über das Klub- und das Wirtschaftsbund-Generalsekretariat schließlich 1989 als Ressortchef ins Wirtschaftsministerium führte. Im April 1995 ging er als Kompromiss-Kandidat aus einem parteiinternen Gerangel als Nachfolger von Erhard Busek als Parteichef hervor. Der Bergfreak Schüssel ist verheiratet mit Gattin Gigi und Vater von zwei Kindern. (APA)

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    Wolfgang Schüssel, Bundeskanzler und ÖVP-Chef

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