"Pupperl, geh was kochen"

19. August 2008, 19:04
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Fast alles war sehr anders, als wir jung waren. Aber wie?*

Als wir jung waren, trugen auch Frauen, die studiert und oft "die Hosen anhatten", wie meine Mutter, lange Zeit keine Hosen. Gar Hosenanzüge, Jeans oder Smoking. Als "Prinzessin" nur Abendkleider.

In meiner Kindheit waren Badeanzüge immer einteilig, bedeckten jedenfalls die Brüste und zumindest Teile des Hinterteils; String Tangas wären keine Kleidungsstücke gewesen. Es gab kein Recht auf "oben ohne". Wir Jungen hatten viel zu tun, um fremde nackte Frauen zu erspähen.

Selbst im liberalsten Gymnasium Wiens waren hautenge Keilschihosen verpönt; vielleicht weil sie zu sehr an die gerade aufkommenden, sündigen Strumpfhosen erinnerten. "Geh' nach Haus und zieh Dir was Anständiges an", so die wohlmeinende Russischlehrerin zu meiner Frau.

Faltenröcke, weder androgyne noch ultra-feminine Bekleidung war für Mädchen angesagt: Reifröcke à la Brigitte Bardot waren ebenso verboten wie Stöckelschuhe ("Bleistiftabsätze"), vorgeblich weil sie "Löcher in den Boden" aus Linoleum gebohrt hätten. Nur die ersten Strumpfhosen und Leggings waren, im Gegensatz zu den umstrittenen Petticoats und später Miniröcken, von keinem Bewusstsein revolutionären Bekleidungswandels begleitet.

Schon in der Volksschule entledigten wir uns am Schulweg peinlicher "langer Unterhosen" und "Kniestrümpfe". Doch keine Pubertierende wäre auch nur auf die Idee gekommen, ohne Unterwäsche in die Schule zu gehen – gleichgültig ob die Lehrer "drunter ohne" sehen hätten können oder nicht.

Auch als ich nicht mehr so jung war, waren nur Matrosen (die es in Österreich nicht gab) und Unterweltler tätowiert (KZ-Überlebende hatten Nummern in den Arm gebrannt). Piercings, Armreifen,Ohr-ringerln, Flinserln, Ketterln um Gelenke kamen erst in Mode, als ich dafür nicht mehr erreichbar war, und kein Mann – oder gar Finanzminister oder Manager - trug je dergleichen.

Kaum eine Frau rasierte sich die Achselhöhlen, Beine oder die Scham – und kein Mann (außer Häftlinge und später Neonazi-"Glatzen") den Schädel. Behaarung galt bei Frauen als "rassig", bei Männern als "männlich". Ein Mann rasierte sich das Gesicht, niemals Brust oder Beine. Keiner hatte einen feschen "3-Tage-Bart", nur Sandler und Hippies waren "unrasiert".

Es gab Schaumgummi-BHs und Doof-sprüche wie "was die Natur nicht gibt, gibt Semperit", keine Silikonbusen - und daher auch keine kindlichen Wetten über echte und falsche Brüste, sondern nur über versteckte und wahre Größen. Keine Geschlechtsumwandlung. Keine Schönheitsoperationen. Kein Lifting. Kein Botox. Keine wandelnden Mumien, sondern viele schöne oder "interessante" Alte.

Meine Mutter hatte, anders als die meisten Frauen ihrer Generation, früh einen Führerschein und chauffierte gut bis ins hohe Alter. Doch als junger Mutter am Volant, die einen Berufsfahrer anzuhupen gewagt hatte, wurde ihr, von dem gender-sensiblen LKW-Lenker zuerst ein mitgeführter Kochlöffel aus der Fahrerkabine gezeigt. Dann stieg er herab, pflanzte sich vor ihr und uns drei kleinen Buben im Fonds des Wagens bedrohlich auf, um ihr ein "Pupperl, geh was kochen" zuzuschmettern. Ausgerechnet ihr, die sie kaum kochte und sich bis heute lieber von meinem Vater, ihren Söhnen und im Restaurant bekochen lässt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2008)

* Siehe auch DER STANDARD 6.8., "Als ich jung war...."

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