"Bewundere Mut von Chinesen, die mit uns über heikle Themen sprechen"

19. August 2008, 10:26
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China-Korrespondentin Cornelia Vospernik über Folterstühle zur Abschreckung, mutige Chinesen, ausgehandelte Ehen und einen rapiden gesellschaftlichen Aufholprozess

Als "besten Job, den sie je hatte," bezeichnet Korrespondentin Cornelia Vospernik ihren Einsatz als Korrespondentin in China. Dabei haben es JournalistInnen im Land alles andere als leicht. Sie persönlich werde regelmäßig "bei der Arbeit beobachtet und überwacht" oder bei Polizeikontrollen schikaniert. Es sei allerdings ein Trugschluss des Westens zu glauben, dass die Chinesen nach Information gierten.

Vospernik ist überzeugt davon, dass die chinesische Führung mit guten Argumenten von vielem überzeugt werden könnte, "mit Druck allerdings von nichts". Und sie stellt die Frage in den Raum, was der Aufstieg eines nichtdemokratischen Landes wie China für unsere Demokratien bedeutet könnte: "Wenn ein Land, das nicht demokratisch ist, so erfolgreich sein kann, kann das in Demokratien, die stagnieren, schnell dazu führen, dass jemand nach der starken Hand und weniger Mitbestimmung ruft."

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derStandard.at: Der STANDARD-Korrespondent Johnny Erling hat den Eindruck, dass die chinesischen Behörden mittlerweile um einiges routinierter mit der internationalen Aufmerksamkeit auch an "Nebenschauplätzen" der Olympischen Spiele umgehen. Wie sehen Sie das?

Vospernik: In der Gesamtheit betrachtet kann ich diesen Eindruck leider nicht teilen, aber das mag auch damit zu tun haben, dass wir als Fernsehleute viel auffälliger unterwegs sind und eine Kamera immer als größere Bedrohung wahrgenommen wird als ein Notizblock. Es stimmt, dass einige Beamte mittlerweile erkannt haben, dass man auch mit Höflichkeit und einem Lächeln nach Dokumenten fragen kann, das ändert aber nichts daran, dass man bei der Arbeit beobachtet und überwacht wird und es immer noch genügend Betonköpfe gibt. Und diese schaden China mehr als sie nützen.

Ich bin gerade aus Xinjiang zurückgekommen, wo wir unsanft in eine Polizeistation gebeten wurden, damit man sich unsere Pässe und Presseausweise ansehen kann. Die Tür zum Nebenraum stand offen. Und in diesem Nebenraum sahen wir einen Uiguren, der offensichtlich schwer verletzt war, mit Händen und Füßen an einen Stuhl gekettet. Die Tür wurde zwar schnell geschlossen, aber als wir die Polizeistation dann wieder verlassen durften, stand der Folterstuhl mit den integrierten Hand,- und Fußschellen deutlich sichtbar auf dem Gang. Wenn man Journalisten in eine Wachstube bittet, in der gerade jemand gefoltert wird, sagt das für mich alles über die Selbstverständlichkeit, mit der in China immer noch Menschenrechte verletzt werden und es sagt auch alles darüber, wie wenig man von freier Pressearbeit versteht.

derStandard.at: In einem Interview vor den Olympischen Spielen haben Sie davon berichtet, dass die Menschen teilweise nicht mit ausländischen Journalisten sprechen, weil ihnen das zu gefährlich ist. Waren InterviewpartnerInnen von Ihnen je Repressionen ausgesetzt?

Vospernik: Ich meinte vor allem ein Phänomen, das erst im Vorfeld der Olympischen Spiele wirklich sichtbar geworden ist: völlig unbeteiligte Passanten bringen sich bei Drehs ein und verbieten anderen Passanten, dass sie mit uns sprechen. "Ich bin ein Chinese, sie sind Ausländer", hören wir dann immer wieder, als wäre das ein Argument. Ich hoffe, dass sich diese Nervosität nach den Spielen wieder legt. Uns ist einmal geschehen, dass ein Interviewpartner unmittelbar nach unserem Besuch zur Polizei gebeten wurde. Ich bewundere den Mut von Chinesen, die mit uns über heikle Themen sprechen. Und ich versuche, sie nicht zusätzlich in Gefahr zu bringen. Ich hielte es für wenig zielführend, auf den Tiananmen-Platz zu gehen und dort zu fragen:"„Wissen Sie eigentlich, was 1989 hier geschehen ist?". Das bringt nichts, keine Antworten, dafür aber ein großes Problem für denjenigen, den ich vor das Mikrophon bekommen habe, ungeachtet dessen, ob er jetzt antwortet oder nicht.


derStandard.at: Welche Tricks verwenden Journalisten in China, um die Zensur zu umgehen?

Vospernik: Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich über den Stand der IT in unserem Büro nicht ins Detail gehen will. Aber prinzipiell kann man über Proxyserver jeder Site öffnen. Auch in China. Chinesen, die sich wirklich informieren wollen, wissen, wie das geht. Man muss bei all der berechtigten Kritik an der Zensur des Internets schon auch sagen, dass viele Sites nicht gesperrt sind. Manchmal entsteht der Eindruck, als könne man hier nichts lesen und der stimmt einfach nicht. Ein Chinese, der zum Beispiel Fremdsprachen kann, kann sich sehr wohl über das informieren, was wirklich in der Welt geschieht. Ich kann sämtliche deutsche, englische und italienische Zeitungen lesen, auch von zu Hause aus. Keine einzige ist gesperrt. Die des Standard auch nicht.

derStandard.at: Welche Rolle spielt hier das Internet und die stärker werdende Bloggerszene mittlerweile?

Vospernik: Das Internet ist in China nicht nur ein Mittel, das die Führung für sich entdeckt hat. Es ist das Informationsmedium schlechthin. Blogger sind in China eigentlich die einzigen freien inländischen Journalisten. Sie hören von etwas, fahren hin, schreiben darüber, dann werden sie wieder abgedreht und dann finden sie andere Wege, ihre Nachrichten zu verbreiten. Schon oft haben Berichte von Bloggern dazu geführt, dass Parteisekretäre Fehler eingestehen mussten oder Vorfälle erst untersucht worden sind. Das Risiko, festgenommen zu werden, nehmen sie in Kauf. Erst kürzlich wurde einer unserer jüngsten Interviewpartner, der Blogger Zola, festgenommen und dann wieder freigelassen.

Im Internet gibt es sehr wohl die Verbreitung von Nachrichten, die sich in den anderen Medien nicht finden. Im Westen, so glaube ich, unterliegen wir dabei aber zwei Trugschlüssen: Der erste ist, dass jeder Blogger ein Dissident ist. Das sind sie nicht zwingend, sie können es sein, aber die meisten Blogger verstehen sich als Online-Journalisten. Der zweite ist, dass ganz China nach freier Information giert. Das ist leider westliches Wunschdenken. Sie müssen nur in ein Internetcafe gehen, um zu sehen, was die Chinesen im Internet am liebsten machen: Spielen und Shoppen. Aber das ist bei uns wohl nicht anders.


derStandard.at: Wie lebt die viel zitierte "neue Mittelklasse" Chinas und existiert sie überhaupt?

Vospernik: Die neue Mittelklasse Chinas gibt es, und sie lebt genau so wie die Mittelklasse bei uns, In Wohnungen, die man sich erarbeitet hat (oder für die man noch einen Kredit abzuzahlen hat), mit einem Auto, mit Urlaub und mit einem Kind und mit genau „unseren" Hoffnungen für dieses Kind, das es einmal noch besser haben soll. Die Mittelklasse shoppt in westlichen Läden, aber sie ist nicht so groß, wie es den Eindruck hat, wenn man in den Städten Chinas unterwegs ist. Schätzungen gehen von etwa 100 Millionen Chinesen aus, die zur Mittelklasse gehören, wobei die Definitionen, ab welchem Einkommen man zur Mittelklasse gehört, unterschiedlich sind.

derStandard.at: Was kann man sich unter dem "bescheidenen Wohlstand" am Land vorstellen, den die chinesische Regierung propagiert?

Vospernik: Ich glaube, die Floskel vom "bescheidenen Wohlstand" soll im Grunde so etwas wie ein Trost sein. Auf dem Land leben die Chinesen wie im vergangenen Jahrhundert, ohne Fließwasser in den Häusern, mit Toiletten im Freien, die nicht aus mehr bestehen, als einem in die Erde gegrabenen Loch und gekocht wird über offenem Feuer. Wir haben Kinder gedreht, die allein leben, weil die Eltern Wanderarbeiter sind. In solchen Häusern ohne Fließwasser kann man aber zuweilen sehr wohl einen Computer sehen. Man kann in völlig armseligen Landkrankenhäusern auch ein ultramodernes Ultraschallgerät sehen. Das ist Teil der Vielschichtigkeit dieses Landes und Ausdruck dafür, wie sprunghaft es sich entwickelt. Hier wird in wenigen Jahren aufgeholt wofür wir im Westen Jahrzehnte hatten. Und man muss fairerweise auch dazu sagen, dass China das größte Armutsbekämpfungsprogramm hinter sich hat, das es je gegeben hat. Seit Beginn der Reform,- und Öffnungspolitik wurden mehr Menschen aus der bittersten Armut geholt als irgendwo sonst.


derStandard.at: Wie ist die Situation der Frauen in China?

Vospernik: Die Rolle der Frauen in China ist sehr ambivalent. Für viele kommunistische und ex-kommunistische Staaten kann man auf der positiven Seite vermerken, dass sie Gleichberechtigung gebracht haben. Aber in China scheint diese in erster Linie auf dem Papier zu bestehen. Die Frauen sind zwar alle berufstätig, aber auf dem Land sieht man immer noch Plakate, die propagieren, dass man Töchter genauso gut behandeln soll wie Söhne. Alleinerzieherinnen gelten geradezu als Aussätzige. Dass sich Familien immer noch Ehen aushandeln, selbst in der Hauptstadt, hat mich sehr überrascht. In Peking gibt es sogar einen Park, in dem sich Eltern ohne Wissen ihrer Kinder treffen und blind dates ausmachen.

Also, das vorherrschende Frauenbild ist sehr traditionell: Eine Frau hat schön zu sein, soll den Mund zu halten, soll die perfekte Ehefrau und Mutter sein und auch noch Geld nach Hause bringen. Dabei gibt es jede Menge erfolgreicher Managerinnen und Akademikerinnen. Es scheint aber von Frauen immer noch erwartet zu werden, dass sie sich nicht nur über ihre eigenen Leistungen, sondern über einen Mann definieren. Eine Künstlerin, die lang in Deutschland gelebt hat, hat es mir einmal so erklärt: In China gilt immer noch der Spruch: "Wenn Du einen Hahn heiratest, wirst Du ihm folgen und wenn Du einen Hund heiratest, dann folgst Du ihm auch."

derStandard.at: Sehen Sie positive Veränderung in China? Letztes Jahr konnte ja die Mittelschicht beispielsweise ein Eigentumsrecht durchsetzen. Man hört Berichte über die steigende Anzahl erfolgreicher Menschenrechtsanwälte.

Vospernik: Ich sehe viele positive Veränderungen in China. Und ich finde es schade, dass ein gewisser Grad an Offenheit gerade durch die Olympischen Spiele, von denen man sich Öffnung versprochen hat, gestoppt wurde. Ich denke aber, dass die gesellschaftliche Entwicklung nicht aufzuhalten ist, sie vollzieht sich eben nur in ihrem eigenen Tempo. Das sozialistische China arbeitet an Dingen, die im Sozialismus eigentlich selbstverständlich sein sollten: Die Grundschule für Kinder auf dem Land wurde gratis, für Bauern gibt es eine Gesundheitsversicherung. Und innerhalb der Partei gibt es sehr wohl Diskussionen darüber, wie man die Strukturen demokratisieren kann. Die Zukunft wird den Chinesen mehr direkte Mitbestimmung geben.

Gearbeitet wird auch an einer Justizreform. Eine wirklich unabhängige Justiz wäre ein ganz großer, wichtiger Schritt hin zu einer wahren Gewaltenteilung. Aber China setzt keine großen Schritte bei seiner gesellschaftlichen Entwicklung. Es sind viele kleine. Man muss China dabei zugute halten, dass es sehr lernfähig und in der Wahl der Modelle eigentlich auch sehr flexibel und undogmatisch ist. Man sieht sich genau an, welches Modell wo in der Welt wie funktioniert. Und wenn etwas in China nicht funktioniert, ändert man es dann auch wieder. Die Kommunistische Partei Chinas ist zwar totalitär und an Machterhalt interessiert, aber sie hat eigentlich, so sonderbar das klingen mag, keine ideologischen Scheuklappen. Deshalb glaube ich auch, dass die chinesische Führung mit guten Argumenten von vielem überzeugt werden könnte, mit Druck allerdings von nichts.

derStandard.at: Was wird sich ihrer Einschätzung nach China in den kommenden Jahren verändern?

Vospernik: Für die nächsten 10 bis 20 Jahre würde ich sagen, China wird seinen Aufschwung fortsetzen, China wird als gleichberechtigter Partner am Tisch sitzen, und das ist auch richtig so, weil die globalen Probleme der heutigen Zeit ohne China nicht gelöst werden können. Es wird eine vorsichtige Demokratisierung, auf unterster Ebene geben und innerhalb der Partei, es wird sich ein Modell entwickeln, das wahrscheinlich unter dem Namen "Demokratie chinesischer Prägung" verkauft werden wird. Aber mindestens ebenso spannend wie die Frage, wie demokratisch China wird, finde ich eigentlich die Frage, was der Aufstieg eines nichtdemokratischen Landes wie China für unsere Demokratien bedeutet. Wenn ein Land, das nicht demokratisch ist, so erfolgreich sein kann, kann das in Demokratien, die stagnieren, schnell dazu führen, dass jemand nach der starken Hand und weniger Mitbestimmung ruft. (Manuela Honsig-Erlenburg/derStandard.at, 19.8.2008)

Zur Person: Cornelia Vospernik, 1969 in Villach geboren, wuchs zweisprachig (Deutsch/Slowenisch) auf und studierte Dolmetsch für Slowenisch und Italienisch. Ab Jänner 2000 war Cornelia Vospernik als Auslandskorrespondentin in London, wo sie zwei Jahre das Korrespondentenbüro leitete. Seit Jänner dieses Jahres leitet Vospernik das ORF-Korrespondentenbüros für China und den fernöstlichen Raum mit Sitz in Peking. Vospernik ist auch Buchautorin, Ende September erscheint ihr aktuelles Buch "China live - Alltagsleben zwischen Tradition und Hightech".

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    Cornelia Vospernik: "Chinesen, die sich wirklich informieren wollen, wissen, wie das geht."

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