Ein Griff in Großmutters Lebkuchenkiste

22. August 2008, 17:00
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Was herauskommt, wenn Einwohner einer Kleinstadt versuchen, sich bei der Fassadengestaltung ihrer Bürgerhäuser zu übertrumpfen, zeigt Telč

Im Winter vielleicht, ja, da mag die Welt in Telč noch eine Scheibe sein - eine kleine, lautend auf den Namen Puck, die hier in der beschaulichen Provinz Südmährens beim Eishockey die Leute aus der Reserve lockt. Ganz andere Formen und Farben sind es aber, die im Sommer so verlockend scheinen - wenngleich bislang nur für wenige Touristen.

Die 6000 Einwohner zählende Kleinstadt, im südwestlichen Zipfel der Böhmisch-Mährischen Höhen (Českomoravská vrchovina), jenes Höhenzugs, der Südböhmen von Südmähren trennt, ist ein urbanes Kleinod. Umschmeichelt von drei miteinander verbundenen Fischweihern, wird es zu Recht als "Seerose" gefeiert und zum Weltkulturerbe gezählt. Den blumigen Beinamen trug Telč bereits vor Jahrhunderten, als die Wasserstadt - ob der blühenden Schönheit ihres von pastellfarbenen Bürgerhäusern gesäumten Marktplatzes - bereits weithin bekannt war.

Wer diesen Platz heute durch eines der beiden unscheinbaren Stadttore betritt, wähnt sich plötzlich in einem schönen Märchen, eine solch heimelige Stimmung erzeugen die Häuschen beim Betrachter - sofern er nicht unter der buchstäblichen Platzangst leidet. Sind nämlich die Tagesgäste erst einmal abgereist, ist der trapezförmig geschlossene Platz, auf dem sich nur da und dort noch Einheimische tummeln, wie leergefegt. Nur die emsigen asiatischen Besitzer der Textilläden im scheinbar endlosen Laubengang wollen es noch nicht so recht glauben, dass das Geschäft für heute vorbei ist.

Bier und Salz auf halbem Weg

Trotz der Schläfrigkeit vermittelt das harmonische Gepräge der teilweise barockisierten Renaissancebauwerke noch ein südliches Ambiente, das man der Herrschaft des Landadeligen Zacharias von Neuhaus (Zachariáš z Hradce) verdankt. Telč hat er mit dem Bierbraurecht und dem Salzverkaufsrecht ausgestattet und als Handelsplatz auf halbem Weg zwischen Wien und Prag - etwa 150 Kilometer sind es jeweils in eine der beiden Hauptstädte -, zu seiner Residenzstadt gemacht.

Nach einer Feuerbrunst im Jahr 1530, der auch die gotischen Holzhäuser zum Opfer gefallen waren, lockte er, von einer Bildungsreise nach Italien mit einem Faible für die dortigen Schätze der Renaissance zurückgekehrt, italienische Baumeister ins mährische Hügelland, wo diese die verfallene Burg im Stil der Zeit zu einem repräsentativen Schloss umbauten. Dieses Prachtbauwerk, aus der Mitgift seiner Frau, Katharina von Waldstein, finanziert, sollte man unbedingt auch von innen sehen - allein der Goldene Saal mit seiner durch Schnitzereien verzierten Kassettendecke verzaubert.

Auch die Bürger ließen sich nicht lumpen, sondern machten aus dem Marktplatz ein Schmuckkästchen, indem sie, wie die Liebhaber einer reizvollen Dame, der Stadt eine hübsche Perle nach der anderen, ein attraktives Wohnhaus ums andere, zum Geschenk machten. So als wollte man die anderen Bauherrn übertrumpfen, wurden die ansehnlichen Fassaden, aufgemascherlt - und mit viel Blendwerk und durch einfallsreiche Giebelgestaltungen gekrönt. Auf welchem Objekt das Auge auch zur Ruhe kommt, es ist stets wie ein Griff in Großmutters Lebkuchendose, in der es nie zwei gleiche Stücke gab, die jedoch allesamt, mit buntem Zuckerguss bestrichen, wundervoll schmeckten.

Zum Glück lässt sich der hier gebotene Augenschmaus nicht verzehren, sonst wäre wohl nicht viel übrig. Stattdessen schlemmt man lieber feines Backwerk in der "Zlatá Cukrárna", speist in einem der urigen Restaurants, in denen der Bierernst der Kellner gelegentlich mit der Weinseele der Gäste kollidiert, oder raucht eine Wasserpfeife in der "Čajovna Scivias", einem Teehaus also, in dem es die Telčer Jugend blubbern lässt, als wollte sie die Welt retten.

Bilderbuch und eitel Wonne

So entspannt es hier zugeht, die angenehme Atmosphäre und der museale Glanz dieser Stadt wie aus dem Bilderbuch, täuschen wohl darüber hinweg, dass hier nicht alles eitel Wonne ist. Patricia, die seit einigen Jahren am Ende des Platzes eine kleine Pension betreibt, frohlockt zwar, wenn sie vom bunten Treiben und Sprachengewirr in den Sommermonaten erzählt, sie möchte jedoch auch die Strukturprobleme der Region nicht verhehlen. Kratertiefe Sorgenfalten graben sich ins Gesicht der freundlichen Frau, die sich gemeinsam mit ihrem Mann, einem Brückenbauingenieur, in Kalifornien Wohlstand erarbeitet hatte: Denn in diesem stillen, fast lyrisch anmutenden, von gemütlichen Alleen durchzogenen und von ruhigen Teichen beträufelten Landstrich gebe es nur wenige Arbeitsmöglichkeiten, für Junge sei kaum etwas zu holen. Die von den Hauptverkehrswegen abgelegene Gegend - der bescheidenen Durchschnittstemperaturen während der rauen Eishockey-Saison wegen "Mährisches Sibirien" genannt - müsse die Abwanderung der jungen Leute als bittere Pille schlucken.

Wenn es auch unangemessen klingen mag, man bliebe trotzdem gerne länger hier. Die Gelegenheit, auch ein unvermutet gut erhaltenes jüdisches Viertel zu besuchen, sollte man dann jedenfalls nützen. Neben der imposanten, im romanischen Stil erbauten St.-Prokop-Basilika, ist es die herausragende Besonderheit der fast 40.000 Einwohner zählenden Stadt Třebíč, die etwa 25 Kilometer östlich von Telč liegt. Das ehemalige jüdische Viertel, bestehend aus 123 Häusern und dem Friedhof mit nahezu 3000 Grabsteinen, gehört ebenso zum Weltkulturerbe wie das bedeutende christliche Gotteshaus.

Třebíč, eine heute quirlige, jedoch ihres alten Charmes durch gewagte sozialistische Architekturexperimente teilweise beraubte Bezirksstadt, war einst eines der lebendigsten Zentren der jüdischen Kultur in Mähren, die hier bis ins Jahr 1338 zurückverfolgt werden kann. Eingepfercht zwischen dem Hradekhügel (Hrádek), der Iglau (Jihlava) und dem christlichen Stadtteil, florierte ein jüdisches Parallelgemeinwesen, dessen Zeugnisse man heute auf einem Lehrpfad durch verwinkelte Gassen und Gänge erkunden kann.

Neben zwei Synagogen und dem Rabbinat, bekommt man Institutionen wie das Rathaus, das Spital, das Armenhaus, die Schule oder das Ritualschlachthaus zu sehen und erhält so einen profunden Einblick in das Leben der mährischen Juden, die sich - auf dem Friedhof ist es in Stein gemeißelt - den verschiedenen Sprachen und Kulturen dieses Raumes zugehörig fühlten. Heute sind es Romafamilien, die sich in den Gemäuern des alten jüdischen Viertels eingerichtet haben und dem, was tatsächlich nur mehr Freilichtmuseum ist, wieder Leben einhauchen. (Georg C. Heilingsetzer/DER STANDARD/Printausgabe/16./17.8.2008)

  • Was dabei herauskommt, wenn die Einwohner einer Kleinstadt versuchen, sich bei der Fassadengestaltung ihrer Bürgerhäuser gegenseitig zu übertrumpfen, zeigt Telč.
    foto: björn ehrlich/wikipedia.com

    Was dabei herauskommt, wenn die Einwohner einer Kleinstadt versuchen, sich bei der Fassadengestaltung ihrer Bürgerhäuser gegenseitig zu übertrumpfen, zeigt Telč.

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