Ausge - Crocs - t

19. August 2008, 11:40
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Der meistkopierte Artikel der Welt ist ein Schlapfen: Crocs sind hässlich, bequem - und elektrostatisch, daher immer öfter verboten

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Deswegen ist die Frage müßig, ob die Plastikschlapfen nur eine Beleidigung fürs Auge sind - oder den Tatbestand eines tätlichen Angriffes auf den Sehsinn darstellen: Crocs - das bestreiten nicht einmal ihre Träger - sind wirklich hässlich. Punkt.

"Ja klar, schiach sind sie"

Punkt? Nein: Aber. Und dieses "aber" verstehen sogar Menschen, die beim Anblick der in China gefertigten Schlapfen aus Colorado Pickel auf der Netzhaut bekommen. Denn das klassische Crocs-Bekehrungsgespräch beginnt so: Einer, der plötzlich so ein Ding trägt, wird zur Rede gestellt - und windet sich: "Ja klar, schiach sind sie. Aber bequem. Saubequem. Und leicht. Und außerdem schwitzt man drin nicht." - "Wirklich nicht?" - "Nein, wirklich nicht." Dann kommt das Offert: "Mach die Augen zu und probier sie - das sieht eh keiner." Und Saulus ward Paulus.

Es war November 2002, als Lyndon Hanson, Scott Seamans und George Boedecker bei der Boat Show in Fort Lauderdale erstmals Crocs anboten. Knapp 2000 Paar hatten sie herstellen lassen. Binnen Tagen waren die grellbunten Schlapfen aus PCCR (Proprietary closed-cell resin) verkauft.

170-Gramm-Schuhe

2004 fanden 650.000 Paar der rutsch- und wasserfesten 170-Gramm-Schuhe Träger. Im Jahr darauf waren es sechs Millionen. Also wagte man den Sprung in den Rest der Welt - und an die Börse. Als man 2006 Aktien um 240 Millionen US-Dollar verkaufte, war das der höchste je für ein Schuhunternehmen erzielte Erlös.

Freilich scheint sich der Höhenflug des Gummischuhs seinem Zenit zu nähern: Die globalen Absätze stiegen heuer im zweiten Quartal um 20 Prozent - in den USA sanken sie um ein Fünftel. Prognosen, dass das Wachstum des angeblich meistkopierten Markenartikels der Welt enden würde, hatten zu Jahresbeginn den Kurs von 75 auf 28 Dollar stürzen lassen. Ob das, wie Spötter meinen, daran liegt, dass sich heute John McCain als Crocs-Fans outet, während früher Gisele Bündchen für die Schlapfen warb, darf bezweifelt werden.

Nichts Neues: Spitalsverbote

Auch das nun in Wiens Spitälern verhängte Verbot dürfte die Hersteller nicht panisch machen: Dass sich Crocs statisch aufladen könnten, wurde in Schweden schon 2006 diskutiert. Und Spitalsverbote sind anderswo nichts Neues.

Grundlage für die Entscheidung des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) vergangene Woche ist ein TÜV-Gutachten, wonach die Crocs nicht aus antistatischem und ableitfähigem Material bestehen. Sie könnten einen Schock im Herz auslösen, Röntgenfilme verblitzen, EDV-Geräte beschädigen und gar Explosionen auslösen. Bisher sei allerdings noch nichts passiert, wurde im KAV betont.

Doch da insgesamt nur ein kleiner Teil der Welt Krankenhaus ist, ging derlei spurlos an den hässlichsten Schuhen der Welt vorbei: Im zweiten Quartal 2008 machte man immer noch mehr als 90 Millionen Dollar Gewinn. (rott/Der Standard/Printausgabe/19/08/2008/APA)

 

 

 

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Weiterlesen über die Crocs unter Nun sind auch in Wien die kultigen Treter erhältlich.

  • Crocs in typischem Spitalsgrün.
    Foto: AP/ED ANDRIESKI

    Crocs in typischem Spitalsgrün.

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