Wegen Verletzung musste Chinas populärster Sportler seinen Traum von der erfolgreichen Titelverteidigung schon vor dem Vorlauf über 110 m aufgeben
Peking - Liu Xiangs großer Traum, Olympia-Gold von Athen in der Heimat erfolgreich zu verteidigen, hat am Montag ein jähes Ende gefunden. Der Weltmeister und Olympiasieger gab nach einem Fehlstart schon vor dem Vorlauf über 110 m Hürden verletzt auf. Laut Angaben seines Trainers Sun Haiping laboriert Liu an einer Achillessehnenentzündung und einer Oberschenkelverletzung. Schon in der Vorbereitung war der 25-Jährige von gesundheitlichen Problemen zurückgeworfen worden.
Die Enttäuschung der chinesischen Fans im Nationalstadion war fast ebenso groß wie jene von Liu, der gemeinsam mit Basketballer Yao Ming das größte Sportidol Chinas darstellt. Der Hürden-Star hatte als größte Hoffnung der Chinesen auf Leichtathletik-Gold gegolten. Der Olympiasieg von Athen 2004 war der erste eines männlichen chinesischen Leichtathleten gewesen, hatte aber auch den Druck auf Lius Schultern ins Unermessliche wachsen lassen.
Bestverdienende Sportler Chinas
Liu ist mit etwa fünf Millionen Euro der bestverdienende Sportler Chinas. Seit Wochen hatte das 1,3-Milliarden-Einwohner-Volk dem Hürden-Finale entgegengefiebert, dort ist nun der kubanische Weltrekordler Dayron Robles der ganz große Favorit. Denn auch der Olympia-Zweite von Athen, der US-Amerikaner Terrence Trammell überstand die erste Runde nicht. Der 29-Jährige erlitt im Vorlauf einen Muskelfaserriss im Oberschenkel. Ein kleines Drama - überstrahlt vom großen um Liu Xiang.
Der Athlet aus Shanghai war das gesamte Olympia-Jahr über von Verletzungen geplagt worden. Seit 24. Mai, der Eröffnung des "Vogelnest"-Stadions in Peking, hat Liu kein Rennen mehr bestritten. Auf Adduktoren- folgten Oberschenkelprobleme und schließlich schmerzte die Achillessehne. "Er hat zwei Verletzungen, eine an seinem Fuß und eine an seinem Bein", erklärte sein Coach und Mentor Haiping. "Eine davon ist eine schleichende Verletzung. Er würde niemals leichtfertig aufgeben. Das hat er noch nie gemacht."
Liu humpelte aus dem Stadion
Schon vor dem Start hatten die unzähligen Kameras den Star mit schmerzverzerrtem Gesicht eingefangen. Liu stand dann zwar in den Startblöcken. Nachdem der Franzose Samuel Coco-Viloin einen Fehlstart fabriziert hatte, humpelte der Chinese aus dem Stadion. Danach saß der 25-Jährige umringt von unzähligen verzweifelten Offiziellen enttäuscht in einer Ecke. Auch zahlreiche der 91.000 Zuschauer im Stadion vermochten ihre Tränen nicht zurückzuhalten. Entscheidend für die Aufgabe von Liu Xiang war ein Problem am Ansatz der Achillessehne am Fersenbein. Der Hürden-Star schlägt sich bereits seit Jahren mit dieser Verletzung an seinem Sprungbein herum. "Das Problem ist sechs oder sieben Jahre alt. Es kommt und geht. Aber ich befürchte, dass er das ganze Jahr keine Rennen mehr wird laufen können", erklärte sein Trainer Sun Haiping unter Tränen in einer Pressekonferenz. Auch sein Schützling sei "sehr traurig und deprimiert", weil er ein Kämpfer sei.
"Liu würde niemals aufgeben, wenn der Schmerz nicht unerträglich wäre. Diesmal gab es keinen anderen Weg", versicherte auch Chinas Leichtathletik-Cheftrainer Feng Shuyong. Erst am Samstag war das Problem neuerlich aufgetreten. "Bis dahin war alles in Ordnung. Die Ärzte haben ihn behandelt, sind aber nicht davon ausgegangen, dass es so schlimm sein würde", sagte Feng. "Heute Morgen ist der Schmerz stärker geworden, dennoch hat er alles versucht. Ich hoffe, dass die Menschen in China das verstehen."
Eine Operation sei laut ersten Informationen nicht notwendig. "Die Untersuchungen haben kein Problem am Knochen ergeben", sagte Feng. Dass der Superstar am Druck der Öffentlichkeit zerbrochen sei, wollte im chinesischen Team niemand eingestehen. Auch nicht, dass die anhaltenden Achillessehnenprobleme eine Folge von Überbelastung seien. Dabei hatte selbst Lius Mutter Ju Fenhua, die täglich mit ihrem Sohn telefoniert, Bedenken geäußert, dass dieser zu viel trainiert. Jahrelang hatte sich Liu akribisch auf den Tag X vorbereitet, um seine Landsleute nicht zu enttäuschen. Sein Körper war dem Programm nicht gewachsen.
Bolt im 200 Meter Vorlauf verhalten
In den anderen Vorkämpfen hatten sich die Favoriten problemlos durchgesetzt. 100-Meter-Olympiasieger Usain Bolt zog über 200 Meter locker in 20,64 Sekunden in die zweite Runde ein. Der 21-jährige Jamaikaner erzielte damit zwar nur die 17. Zeit, schien für seine Verhältnisse aber nur zu traben. Über 100 Meter hatte der neue Sprint-Superstar in 9,69 Sekunden neuen Weltrekord erzielt, obwohl er 20 Meter vor dem Ziel abgestellt hatte.
Bolt kommt ursprünglich von den 200 Metern, seine Bestzeit steht seit Juli bei 19,67 Sekunden. In den ersten Peking-Vorläufen war Brian Dzingai aus Simbabwe in 20,25 der Schnellste. Über 400 m gab sich Favorit Jeremy Wariner keine Blöße. Der 24-jährige US-Amerikaner qualifizierte sich als 15. in 45,23 souverän für das Halbfinale, die beste Zeit markierte Christopher Brown von den Bahamas in 44,79. Wariner will in Peking nicht nur Olympia-Gold von Athen verteidigen, sondern auch den Weltrekord seines Landsmannes Michael Johnson (43,18) angreifen. (APA/AFP/Reuters/dpa)