Ein Schiller-Wohnheim ohne Tintenklecks: "Die Räuber"

17. August 2008, 20:25
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Mit der Salzburger Festspiel-Inszenierung auf der Halleiner Perner-Insel dimmt Regisseur Nicolas Stemann die Flammen der Empörung herunter: So furchtbar harmlos kann der Aufruhr sein

Hallein - Das Schauspiel Die Räuber (1781) des Internatszöglings Friedrich Schiller ist ein kühner Meisterstreich: Es berennt die Bastion der morschen väterlichen Autorität aus zwei entgegengesetzten Richtungen. Da ist Franz, die "Kanaille": Sie schwärzt ihren Bruder Karl beim gräflichen Vater an, um mit der Vernichtung der Familie auch gleich jedwede Ordnung zu stürzen. Und da ist der vergrübelte Karl, der, weil ihn vor der "Erschlaffung" der Autoritäten ekelt, als Anführer einer Bande von Mordbrennern in die "böhmischen Wälder" ausrückt.

Man könnte, mit Blick auf Nicolas Stemanns unverbindliche Deklamationsgruppenübung auf der Halleiner Perner-Insel ("nach Schiller"), auch sagen: zweierlei Ausprägungen des nämlichen männlichen Prinzips. Schiller, der baden-württembergische Karlsschüler, setzt den Absolutismus von innen und von außen in Brand. Er denkt dem größeren der beiden Schufte (Franz) die besseren Argumente zu. Er lässt den getäuschten und gedemütigten Vater bloß am Leben, um ihn als Gespenst bei lebendigem Leibe in einem Turm verfaulen zu lassen.

In der viel zu großen Salinenhalle der Perner-Insel steht der Hamburger Thalia-Theater-Schauspieler Christoph Bantzer in rutschenden Strümpfen allein in finsterster Geistesnacht. Regisseur Stemann hat ihm nicht je einen Franz und einen Karl auf den Hals geschickt. Er hat das zweifach wirksame Argument gleich vervierfacht.

Vier junge Herren stehen nämlich zu Beginn vor einer riesigen Wand aus Lamellen (Bühne: Stefan Mayer). Sie sind in gedecktfarbige Pullunder gepackt, wohl weil die Schliche des "bösen" Franz etwas Bürokratisches an sich haben. Sie hetzen durch Schillers Textmassiv und liegen dem gröblich getäuschten Vater in den schwerhörigen Ohren: Den Karl soll er verstoßen!

Wohl weil hier denkbar enge Verwandtschaftsbeziehungen vorliegen, geben die vier Herren auch gleich den alten Grafen. Kehren ihre Tiraden gegeneinander, laufen zusammen wie plappernde Bächlein, nicht sehr helle, tun sehr geschäftig - und illustrieren, ohne jemals besondere Wortdeutlichkeit zu erzielen, wie man sich eines komplizierten Textes auf summarische Weise plappernd und möglichst wegwerfend entledigt.

Ein "Wortkonzert" habe Stemann zur Aufführung bringen wollen, weiß das Programmheft zu berichten. Es herrscht lediglich der Triumph "chorischer" Unbedarftheit. Man spielt ins Festspielpublikum hinein, um sich der billig vorausgesetzten Zustimmung gefahrlos zu versichern.

Nichts darf hier brennen, nur ein bisschen Dekoration. Keine mühsam gewonnene Einsicht braucht zu schmerzen. Auf einem Tischchen stehen allerliebste Fachwerkhäuschen aus dem Modelleisenbahnladen. Eine Handkamera beleuchtet die Miniaturausgaben einer Welt, die, an die Rückwand projiziert, einen Begriff geben kann von der Verkleinerungssehnsucht ihrer "Theater-Interpreten".

Vermummung und Bier

Karl, Franz, Franz und Karl geben natürlich auch den Spiegelberg, den Schweizer, den Roller, und wie Die Räuber alle heißen. Sie frönen, so sie keine Vermummungsstrümpfe umfalten (RAF!?), dem Flaschenbier. Schlüsselbegriffe des Deutschen Idealismus wie "Geist" müssen sie sich im Mund erst zurechtkauen, Karls wasserleichnamsblasse Verlobte Amalia (Maren Eggert) dürfen sie vergewaltigen.

Keinen der vier Söhne (Philipp Hochmaier, Alexander Simon, Felix Knopp, Daniel Hoevels) muss man ins Herz schließen. Keinem möchte man zutrauen, dass er die Verhältnisse umzustürzen wünscht. Der Chor dieser freundlichen Wohlstandskinder erzählt von der schleichenden Ermüdung der Antriebe. Keine Kanaille in der Clique. Man entfaltet bloß den Charme einer autonomen Jugendgruppe. Wäre unser Jahrhundert bloß etwas "tintenklecksender"! (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2008)

 

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    Eine Art Jugendkulturtreffen in Schillers Namen: Wer ist hier Franz, wer nennt sich Karl in dieser Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater? Von links: Daniel Hoevels, Philipp Hochmaier, Alexander Simon und Felix Knopp.

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