Ein Festival für die Stars von morgen

17. August 2008, 19:53
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Internationales Filmfestival von Locarno: "März" des Tiroler Dramatikers Händl Klaus als bestes Debüt ausgezeichnet

Die Hauptwettbewerbe warteten heuer mit erfreulich vielen jungen Talenten auf.

Locarno - Nachdem der junge Mann einige Zeit versucht hat, sich für seine neue Arbeit mit seriöser Vorbereitung zu rüsten, gibt er auf. Er habe einfach keine Meinung und könne schlichtweg nicht zwischen guten und schlechten Werken unterscheiden.

Der junge Schweizer (Robin Harsch) ist Filmkritiker wider Willen, die Hauptfigur von Lionel Baiers geglückter Tragikomödie Un autre homme. Welche Qual es für ihn bedeutet hätte, aus 18 Wettbewerbsfilmen einen Gewinner küren zu müssen, will man sich lieber gar nicht ausmalen.

Die Aufgabe haben ihm ohnehin andere abgenommen und den Hauptpreis des 61. Internationalen Filmfestivals der mexikanischen Produktion Parque vía zuerkannt, dem Langfilmdebüt des 31-jährigen Spaniers Enrique Rivero. Einer zurückgenommenen Erzählung, die den Routinen eines alten Mannes folgt, welcher eine leere Villa instand hält und mit dem Verkauf des Gebäudes plötzlich allen Halt zu verlieren droht.

Ein anderer Regiedebütant durfte sich auch über Anerkennung freuen: Der österreichische Schauspieler und Dramatiker Händl Klaus erhielt den Preis fürs beste Erstlingswerk für März - eine ruhige Studie von Situationen im Umfeld und im Nachwirken einer unerklärlichen Tat.

Ebenfalls prämiert: der türkische Schauspieler Tayanç Ayaydin, der in Ben Hopkins' The Market einen schlitzohrigen Schwarzmarkthändler spielt. Mihram hat es Mitte der 1990er-Jahre im türkisch-aserbaidschanischen Grenzgebiet geschafft, sich als Ein-Mann-Betrieb sowohl von mafiösen Syndikaten als auch von Großunternehmen unabhängig zu halten.

Geschäft mit der Moral

Aber der Spielraum wird enger, das Geld knapp, ein zweites Kind ist unterwegs. Eine neue Technologie ist auf dem Vormarsch, und Mihram erkennt das Geschäftspotenzial. Für die Anzahlung auf den eigenen Handyladen lässt er sich auf eine Veruntreuung ein. Die Geschichte um den Konflikt zwischen individuellen Interessen, Moral und Businessregeln erzählt der Regisseur mit feiner Komik und einer schön physischen Komponente im Spiel, wenn die Figuren ihre Rede oder ihr Begehr mit markigen Gesten und mimischen Schnörkeln unterstrichen.

Die abendliche Freiluftschiene auf der Piazza Grande zeigte sich dagegen nach wie vor sehr unprofiliert. Die Retrospektive mit und von Nanni Moretti war zwar verdienstvoll, aber auch recht naheliegend. Dafür waren im Gegenzug die Hauptwettbewerbe in diesem Jahr mit Beiträgen wie den genannten (oder Sean Bakers unter Verkäufern von Markenfälschungen angesiedelte Tragikomödie Prince of Broadway, Daniel Villamedianas konzentrierte Bewegungsstudie El Brau Blau und andere) um einiges stringenter als zuletzt.

Und man meinte, bestimmte Vorlieben des nach 2009 ausscheidenden künstlerischen Direktors Frédéric Maire noch deutlicher wahrzunehmen. So ist man in Locarno, ähnlich wie etwa in Berlin, durchaus an Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Realitäten interessiert. Allerdings wird die Relevanz der Arbeiten zuerst an ihrer filmischen Qualität gemessen.

Damit setzte man sich einmal mehr den Diskussionen über fehlende Stars und die entsprechende, vor allem bei Sponsoren und Förderern gefragte Medienaufmerksamkeit aus. Dabei sollte man sich vielleicht mehr an jene Argumentation halten, die Locarno als eine Plattform für mögliche "Stars von morgen" sieht. So reiste etwa 1991 eine junge US-Produzentin mit einem unbekannten Filmemacher und dessen Debüt zum Festival ins Tessin. Der Film hieß Poison, der Regisseur Todd Haynes, und Christine Vachon, die zuletzt Haynes' Bob-Dylan-Variation I'm Not There produzierte, konnte sich heuer für ihre Verdienste einen eigenen Metall-Leoparden abholen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2008)

 

  • Gelungenes Jointventure: "The Market - A Tale of Trade", eine deutsch-türkisch-britisch-kasachische Koproduktion, inszeniert vom Briten Ben Hopkins. Tayanç Ayaydin (re.), erhielt den Darstellerpreis.
    foto: festival

    Gelungenes Jointventure: "The Market - A Tale of Trade", eine deutsch-türkisch-britisch-kasachische Koproduktion, inszeniert vom Briten Ben Hopkins. Tayanç Ayaydin (re.), erhielt den Darstellerpreis.

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