Usain Bolt

17. August 2008, 17:55
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Laufende Verhöhnung der Konkurrenz

Vielleicht liegt es am Alter, dass Usain Bolt so lief, wie er eben gelaufen ist. Am Donnerstag wird der junge Mann aus Trelawny, Jamaika, 22 Jahre alt. Am Samstag übermannte ihn im schnellsten 100-m-Lauf der Geschichte der jugendliche Übermut. Zwar durchbrach er eine Schallmauer, fixierte in 9,69 Sekunden einen fantastischen Weltrekord, die letzten 15, 20 Meter glichen aber einer Verhöhnung der Gegner. Er lief nicht, er tänzelte über die Ziellinie, nachdem er sich zuvor umgeschaut hatte nach dem Feld.

Wie schnell er gelaufen wäre, hätte er die kindischen Spompanadln unterlassen, wollte er danach gar nicht wissen. Während seine Konkurrenten in Ehrfurcht erstarrt waren, meinte Usain Bolt bloß: "Der Weltrekord war mir egal, ich wollte ja nur gewinnen."

Auch Bolts sportlicher Werdegang gleicht im Grunde einer Demütigung der Konkurrenz. Nicht nur, dass der 1,96-m-Bursche nicht dem Mannsbild entspricht, das man sich in den vergangenen Jahren von einem Sprinter gemacht hat. Er selbst sieht sich gar nicht als Typ für die 100 Meter. Coach Glen Mills - der ihn einen "faulen Hund" nennt - musste ihn im Mai zum Antreten in New York erst überreden.

Im "Schnelligkeitstraining" für die 200 Meter drückte er dort den Weltrekord seines Landsmannes Asafa Powell auf 9,72. Und auch in Peking sieht er seine starke Strecke erst auf sich zukommen. Und natürlich die Staffel. Spätestens seit Samstag wären die von Vater Wellesley Bolt prophezeiten drei Goldenen für Usain keine Überraschung. Eher umgekehrt.

Bolts Gala litt und leidet freilich unter einem Generalverdacht. Zwar hat ein niederländischer Mathematiker unlängst gemeint, theoretisch wären 9,29 möglich. Aber Bolts Explosion nährt die Skepsis, die auch Wellesley Bolts Theorie, die berühmte Trelawny-Yamswurzel hätte den Junior so schnell gemacht, nicht wegwischen kann.

Herb Elliott, Jamaikas Teamarzt, kann die Hinweise auf Trevor Graham, Ben Johnson und Linford Christie, allesamt gebürtige Jamaikaner, allesamt Dopingsünder, nicht mehr hören. Nicht nur dieses Trio habe erst nach Verlassen des dopingfreien Hafens in der Karibik gesündigt. Bolt ist geblieben - und wurde in Peking siebenmal negativ getestet.

Also doch schnell durch Yams-Erdäpfel. Oder durch "Nuggets" , kleine Hühnerschnitzel à la viennoise, seine Lieblingsspeise. Gleich, ob von Mama Jennifer oder den Schwestern Lillian und Christine herausgebacken. (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD PRINTAUSGABE 18.8. 2008)

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