"Urban Outdoorsman" statt "Obdachloser"

17. August 2008, 17:32
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Die Zahl der Obdachlosen sinkt deutlich, melden offizielle Stellen in den USA zufrieden - Experten von NGOs glauben an statistische Trickserei

Im Gegenteil drohe der Mittelschicht immer häufiger Wohnungslosigkeit.

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In Venice in Kalifornien gleiten zwar keine Gondeln durch das Wasser, auch finden sich keine Palazzi. Doch der kleine Nachbar von Los Angeles verfügt wie Venedig über Kanäle, schmale Häuser und enge Gässchen. Mit ein Grund, warum es Nikoletta Skarlatos in die pittoreske Stadt zog.

In letzter Zeit zweifelt sie an der Entscheidung: Nächtlicher Lärm, Fäkalien im Hauseingang und Rostlauben vor der Tür nerven sie. Verantwortlich macht sie Leute wie Frank August, der in einem Wohnmobil mit zwei Hunden lebt - seit Jahren. Sein umgerechnet 1000 Euro teures Apartment musste er aufgeben. Angeblich, da sein Vermieter keine Vierbeiner mochte. Nun parkt er sein Vehikel "einmal hier, einmal da".

Er ist nicht allein. In den USA strengen immer mehr Menschen ihre Fantasie an, um ohne festen Wohnsitz zu überleben - und trotzdem nicht auf der Straße zu landen. Trotz Jobs reicht das Geld nicht für die Miete.
In Europa würde diese Menschen zum Großteil der Staat auffangen. In den USAsind sie nach dem Fall durch das löchrige soziale Netz schnell auf der Straße. Obdachlos sind sie nach Meinung des U.S.Department of Housing and Urban Development (HUD) aber nicht. Obwohl diese Menschen in früheren Jahren in die Statistik aufgenommen worden sind.

Doch im Wahljahr glänzt das HUD lieber mit Schlagzeilen wie "Obdachlosigkeit nimmt ab" . Um zwölf Prozent, so die jüngsten Daten, sei die Zahl der temporären Obdachlosen - rund 672.000 Menschen landesweit - zwischen 2005 und 2007 gesunken, die der ständigen Obdachlosen sogar um fast 30 Prozent auf 125.000.

Die Zahlen spiegeln nur kaum die Wirklichkeit, kritisieren Experten. Leistbarer Wohnraum für die untere Mittelschicht sei knapper den je in Metropolen. "Wir haben eine Menge Leute, die kaum als ständig obdachlos gelten, aber dennoch kein Dach über dem Kopf haben" , urteilt Chris Block von einer NGO in Santa Clara. Die Stadt liegt im Silicon Valley, wo Familien mit einem Jahreseinkommen von umgerechnet gut 82.000 Euro zur Mittelklasse zählen.

Wer hier abstürzt, packt besser gleich die Koffer - oder zieht wie Karen S. in sein Auto. Die 48-jährige alleinstehende Krankenschwester könnte leicht einen Job im Mittleren Westen finden, "wo die Mieten niedrig sind und das Wetter beschissen" . Aber sie will nicht weg und hat sich deshalb einen Pick-up-Truck mit Matratze zugelegt, den sie am Abend auf einem Wal-Mart-Parkplatz parkt. "Ist nur vorübergehend" , sagt sie tapfer. Aber "vorübergehend" ist schon mehr als ein Jahr.

Ganz Einfallsreiche wie Tom Sepa suchen Unterschlupf lieber im Gebüsch. Allabendlich zieht er sich in ein Zelt in einem Winkel des Golden Gate Park von San Francisco zurück - samt Handy, Laptop und iPhone. Obdachlos möchte er nicht genannt werden. Hat der Endfünfziger doch ein Dach über dem Kopf - auch wenn es nur aus Nylon ist. "Urban Outdoorsman" gefällt dem Telemarketer besser.

Eine vergleichbare Statistik gibt es in Österreich nicht. Die "Armutskonferenz", ein NGO-Netzwerk, rechnet mit bis zu 2000 akut Obdachlosen und rund 19.000 Menschen in sozialen Einrichtungen. Zum Vergleich: In der Stadt New York, die etwa dieselbe Einwohnerzahl wie Österreich hat, leben 5000 Menschen auf der Straße, 50.000 sind zumindest zeitweise ohne Wohnung. (Rita Neubauer aus Palo Alto/DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2008)

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