Shelly-Ann Fraser gewann Gold über 100 m, Sherone Simpson und Kerron Stewart rannten zeitgleich zu Silber - Weidlinger über 10.000 m abgeschlagen
Peking - Jamaika ist die neue Sprint-Großmacht. Die auf der Karibikinsel Geborenen waren immer schon flott, doch früher siegten sie für andere Länder, etwa für Kanada, die USA oder Großbritannien. In Peking 2008 gewannen sie für Jamaika. Am Tag nach dem Triumph des Usain Bolt feierten die Jamaikanerinnen gleich dreifach. Shelly-Ann Fraser spurtete in 10,78 Sekunden überlegen zur Goldmedaille, ihre beiden Mannschaftskolleginnen Sherone Simpson und Kerron Stewart belegten zeitgleich in 10,98 Sekunden Rang zwei und erhielten jeweils Silber. Bronze wurde nicht vergeben.
Nach minutenlanger Auswertung des Zielfotos konnte die Jury keinen Unterschied zwischen ihnen ausmachen, in 10,979 lagen sie auf die Tausendstel gleichauf. Es war das erste Sprint-Gold für Jamaikas Frauen und der erste Dreifach-Triumph für eine Nation auf der 100-m-Distanz, seit 1904 und 1912 jeweils drei Amerikaner Gold erlaufen hatten.
"Die Leute auf Jamaika flippen aus"
Schnellste Jamaikanerin aller bisherigen Zeiten bleibt freilich Merlene Ottey mit 10,74, die es zwar zu acht olympischen Medaillen (fünfmal Bronze, dreimal Silber) brachte, aber nicht zum Olympiasieg. Ottey, nunmehr 48 Jahre alt, lief zuletzt für Slowenien, scheiterte aber an der Qualifikation für die Spiele in Peking. Shelly-Ann Fraser ist 21, kommt aus Kingston, studiert in Florida und verbesserte sich seit Ende 2007 um genau eine halbe Sekunde.
"Wenn wir nach Hause kommen, wird richtig gefeiert, die Leute auf Jamaika flippen aus" , sagte Fraser nach einem weiteren Sprint in Olympias Geschichtsbücher. Bolt und Fraser sind das erste Gold-Paar über die 100 Meter aus einer Nation, seit Weltrekordlerin Florence Griffith-Joyner (10,49) und nachträglich Carl Lewis 1988 Gold für die USA erspurteten.
Entscheidung nach 30 Metern
Der Sieg von Fraser war schnell klar, schon nach etwa 30 Metern zog sie, deren Bestzeit bisher bei 10,85 Sekunden lag, unwiderstehlich davon. "Ich wollte hierher kommen und mein Bestes geben. Ich war voller Siegeswillen."
Eine schwere Niederlage musste erneut die Sprintnation USA einstecken. Die ehemalige Weltmeisterin Lauryn Williams landete nur auf Rang vier (11,03), knapp vor ihrer Mannschaftskollegin Muna Lee (11,07), die Fünfte wurde. Favoritin Torri Edwards, zwischenzeitlich wegen Dopings gesperrte Weltmeisterin von 2003 und Staffel-Weltmeisterin 2007, glaubte an einen Fehlstart und wurde nur Achte (11,20).
10.000 Meter: Bekele
Nach der kürzesten Bahndistanz für die Damen stand am Sonntag die längste für die Herren auf dem Programm. Und Weltrekordler Kenenisa Bekele aus Äthiopien wiederholte in Peking seinen Olympiasieg von Athen. Der Weltmeister verwies in 27:01,17 Minuten seinen Landsmann Sileshi Sihine (27:02,77) und Micah Kogo aus Kenia (27:04,11) auf die Plätze zwei und drei. Damit ging zum vierten Mal in Folge 10.000-m-Gold nach Äthiopien. Bekeles Landsmann Haile Gebrselassie, Sieger von 1996 und 2000, wurde in 27:06,68 Minuten Sechster.
Günther Weidlinger, vormals Spezialist über 3000 m Hindernis, war erwartungsgemäß chancenlos, belegte bei seiner dritten Olympia-Teilnahme und erstmals über diese Distanz binnen 28:14,38 Minuten Rang 29. "Es war ein solider, aber nicht überragend guter Lauf. Die Tempoverschärfung ist ein wenig zu früh für mich gekommen, da konnte ich nicht mit", so der Oberösterreicher, der zum dritten Mal bei den Spielen dabei war.
Weltrekord über 3000 m Hindernis
Für die beste Leistung des Tages sorgte die Russin Gulnara Samitowa-Galkina, die
über 3.000 m Hindernis in 8:58,81 Minuten siegte und damit als erste Frau der
Geschichte über die Steeple-Distanz unter neun Minuten blieb.
Hochklassig war
auch die Dreisprung-Konkurrenz der Frauen, in der Francoise Mbango Etone ihren
Olympiasieg von Athen 2004 wiederholte, den zweiten Weltrekord des Abends aber
knapp verpasste. Die Athletin aus Kamerun siegte mit der Jahresweltbestleistung
von 15,39 m vor der dreifachen Weltmeisterin Tatjana Lebedewa aus Russland
(15,32) sowie der der Griechin Hrysopiyi Devetzi (15,23).(red; APA; DER STANDARD Printausgabe 18. August 2008)