Gedränge um den Ferrari-Zug

15. August 2008, 20:54
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Die Staatsbahnen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz bewerben sich um den Hochgeschwindigkeitszug der privaten Bahngesellschaft Nuovo Trasporto Viaggiatori

Das geplante Bahn-Projekt von Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo stößt auf großes internationales Interesse.

Die Deutsche Bahn, die französische SNCF und angeblich auch die Schweizer Bahngesellschaft bewerben sich darum und wollen ihr Know-how in die private Hochgeschwindigkeitsbahn einbringen. Verhandlungen mit den drei Staaten seien bereits im Gang, konkrete Vereinbarungen gebe es noch nicht, ließ man bei NTV (Nuovo Trasporto Viaggiatori) durchblicken. Das Unternehmen wird sich ab dem Jahr 2011 auf den Hochgeschwindigkeitsverkehr zwischen Italiens Ballungszentren konzentrieren.

Die private NTV hat erst vor kurzem 25 Garnituren des neuen Hochgeschwindigkeitszugs und TGV-Nachfolgers AGV bei der französischen Alstom bestellt. Gemeinsam mit den Wartungsarbeiten beläuft sich der Auftragswert auf 1,5 Milliarden Euro. Das Design der Züge erinnert stark an die Ferrari-Boliden. Sie sollen nicht nur mit Ledersitzen, Internetzugang, Stereoanlage und Minibar ausgestattet, sondern auch schnell sein: Ihre Geschwindigkeit soll 360 Stundenkilometer erreichen.

An NTV sind der Fiat- und Ferrari-Chef Luca di Montezemolo, der Unternehmer und NTV-Generaldirektor Giuseppe Sciarrone, der Luxusschuhhersteller Diego della Valle und die Banca Intesa Sanpaolo beteiligt.

Plan des Unternehmens ist es, nicht nur der angeschlagenen Fluggesellschaft Alitalia bei ihren Inlandsflügen sondern auch der Ferrovie dello Stato (FS) auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken Konkurrenz zu machen.

Luxus-Konkurrenz für Staatsbahn

Wegen ihres Designs, der roten Farbe und der luxuriösen Innenausstattung werden die neuen Züge auch dem Luxus-Segment zugeordnet. Schließlich wird die Innenausstattung von Montezemolos Luxus-Möbelerzeuger Poltrona Frau (ihnen gehört auch Gebrüder Thonet) gestaltet.

Der Chef der italienischen Staatsbahn, Mauro Moretti, bringt die neue Konkurrenz nicht aus dem Gleichgewicht: "Je mehr Wettbewerb, desto besser", meinte der Bahnchef. Die Staatsbahnen planen, bereits ab 2009 auf der voll ausgebauten Hochgeschwindigkeitsstrecke Mailand-Rom (drei Stunden Fahrzeit) Züge im 30 -Minuten-Takt fahren zu lassen. Zweifellos werden die FS-Tickets günstiger sein als jene des roten Ferrari-Zuges.

Die FS wolle nach der Liberalisierung des europäischen Bahnverkehrs ab 2010 auch im Ausland aktiv werden, sagte Moretti zum Standard.

Brenner-Durchstich

Die FS ist derzeit auch darum bemüht, das Brenner-Durchstich-Projekt voranzutreiben. Moretti drängt die österreichische und italienische Regierung, die Zulassungsprobleme zu beseitigen und die Planung der öffentlichen Ausschreibungen voranzutreiben, damit der Durchstich planmäßig 2020 bis 2022 fertiggestellt werden kann. "Ich hoffe dass die beiden Regierungen diesbezüglich eng kooperieren damit die Termine eingehalten werden können. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Zeiten des Brenner-Tunnels jenen des Gotthard-Durchstichs entsprechen", sagte der Bahnchef zum Standard.

Derzeit steht Ferrovie dello Stato im Kreuzfeuer der Kritik, denn der dynamische Bahnchef war einer der ersten, der vom neuen Effizienzgesetz in der Staatsindustrie Gebrauch machte. Die Regierung in Rom will mit rigorosen Kontrollen der Arbeitszeit bei Staatsangestellten das Krankfeiern bremsen und die Effizienz erhöhen.

Moretti hat das bereits umgesetzt - und acht Bahnarbeiter, die ihre Zeitkarte durch Vertreter stechen ließen, entlassen. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.2008)

 

 

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