Alpine Altlasten: Verrostet, vergessen, bizarr

15. August 2008, 20:35
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Sie stören nicht nur das Landschaftsbild, sondern stellen auch eine massive Gefahr dar - Über das Beseitigen von alpinen Altlasten aller Art

Es fällt schwer, seinen Augen zu trauen: Mitten im einsamen Bergwald hängt ein rostiger Einersessel am Ast einer hohen Tanne. Wäre der Ort nicht so abgelegen, man würde die Installation für ein Beispiel von "Kunst im Wald" halten. Ein zweiter Fremdkörper lässt nicht lange auf sich warten - ein emailliertes Campari-Werbeschild, das einem auf jedem Trödelmarkt aus den Händen gerissen würde. Es ist fast vollständig in den Baumstamm eingewachsen, an den man es vor Jahrzehnten genagelt hatte. Schließlich stehen wir vor einem dschungelartig umwucherten Steinbau, aus dem abgerissene Stahlkabel ins Freie baumeln: eine ehemalige Seilbahnstation. Die notdürftig verrammelte Tür ist aufgebrochen. Drinnen hängen noch drei bunte Einergondeln am Seil - verrostet, vergessen, bizarr.

Die erste kuppelbare Kabinenbahn Italiens stand von Anfang an unter einem schlechten Stern: Zunächst stürzten zwei besetzte Gondeln vor der Bergstation in die Tiefe, wenig später schlug der Blitz ins neue Panoramarestaurant ein, und es brannte aus. Das improvisierte Leichtbaudach brach dann gleich im ersten Winter unter den Schneemassen zusammen.

Das war vor 35 Jahren. Seither hat sich niemand mehr für das verrottende Ensemble interessiert. Die Seilbahnstation im Monte-Rosa-Gebiet ist ein besonders drastisches Beispiel dafür, dass sich für aufgegebene Wintersportanlagen niemand mehr verantwortlich fühlt - für Mountain Wilderness ein Skandal, der nicht länger hingenommen werden dürfe.

Skiliftrelikte

Diese Umweltschutzvereinigung der Bergsteiger fand allein im deutschen Alpenraum 13 Skiliftrelikte. In der Schweiz wurden mehr als 60 Anlagen geortet, die funktionslos vor sich hin gammeln. Sie beeinträchtigen nicht nur das Landschaftsbild, sondern stellen auch eine Verletzungsgefahr dar. Warum sie nicht demontiert werden, ist klar: Die Sache ist kostspielig - und niemand will dafür zahlen. Die Gemeinderäte waren seinerzeit heilfroh, wenn ein Investor auf den Plan trat und ihr Bauerndorf in ein Wintersportdorado zu verwandeln versprach. Ihn vertraglich auf einen späteren Rückbau zu verpflichten, hätte da als Undankbarkeit erscheinen können - und als fortschrittsfeindlich. In den Goldgräberzeiten des Wintersports konnte man sich noch nicht vorstellen, wie schnell sich glanzvolle Symbole des Fortschritts in Überbleibsel von gestern verwandeln können.

Es gibt aber noch einen zweiten handfesten Grund für die Omnipräsenz des Überflüssigen: Da es im Alpenraum inzwischen nicht mehr einfach ist, neue Lifttrassen genehmigt zu bekommen, halten sich die Gemeinden mit der stillgelegten Anlage die Option auf einen Neubau an gleicher Stelle offen. Fragt man nach, so raunt der Bürgermeister stets etwas von einem Investor, mit dem man gerade in Verhandlungen sei. In der Regel ist das gelogen. Die Anlagen dämmern auch im nächsten und übernächsten Jahr unverändert vor sich hin.

Kampagne gegen Altlasten

Aus diesem Grund hat Mountain Wilderness eine Kampagne zur Beseitigung von alpinen Altlasten aller Art gestartet, gleich ob sie aus der Wintersportindustrie, der Elektrizitätswirtschaft oder vom Militär stammen. Nicht zuletzt durch einen Wettbewerb, bei dem man für die Meldung einer "installation obsolète" einen Preis bekommen konnte, sind die Büros der Bergschutzorganisation zur wichtigsten Anlaufstelle in dieser Sache geworden. Das Projekt ist allerdings keine bloße Alteisensammelaktion. Die Organisation, die 1990 mit dem Beseitigen von Bergsteigermüll am K2 weltweite Aufmerksamkeit erzeugte, verfolgt vielmehr auch pädagogische und politische Ziele. Zum einen soll die Öffentlichkeit für die Problematik ungenutzter Anlagen sensibilisiert werden, zum anderen sollen die zuständigen Stellen zur Zusammenarbeit gedrängt werden. Schließlich möchte die NGO auch die Erfahrung weitergeben, die sie bisher auf diesem Gebiet gesammelt hat - wie etwa die Einbauten umweltgerecht entsorgt werden können. Almlandschaften sind nämlich höchst sensible Biotope, in denen selbst die Demontage von Fremdkörpern den Charakter eines Eingriffs hat.

Große Begeisterung konnten die Alpenschützer bei den Verantwortlichen bisher nicht wecken, nicht einmal bei den Touristikern, obwohl sie im Grunde ähnliche Interessen haben wie die Naturschützer: die wichtigste Natur- und Erholungslandschaft Mitteleuropas für das Auge des Betrachters so attraktiv wie möglich zu erhalten, die künstlichen Einbauten also auf ein notwendiges Minimum zu beschränken.

Die größten Erfolge meldet Mountain Wilderness aus Frankreich, wo schon etliche Rückbaumaßnahmen durchgeführt wurden. Dies gelang deshalb, weil die Alpenschützer mit den Parcs naturels einen zuverlässigen Bündnispartner gefunden haben, aber auch, weil sie - wie damals am Hindukusch - selbst mitanpackten. Wo immer man zur Tat schritt, fehlte es nicht an Rückhalt aus der Bevölkerung.

Sauberland Schweiz

Im Sauberland Schweiz konnte die Kampagne jetzt gesichert werden - dank einer größeren Spende. Mit dem Geld wurde eine befristete Teilzeitstelle geschaffen, von der aus man "die Verantwortlichen in die Pflicht nehmen" will, wie Geschäftsleiterin Elsbeth Flüeler es formuliert: "Es muss gelingen, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen: Behörden, touristische Anbieter, Wasserkraftkonzerne, Militär, Denkmalpfleger und Rückbaufirmen." Das sei nötig, weil es um nichts Geringeres gehe als um die Entwicklung von zukunftsfähigen Alternativen zum Skisport.

Einen Vorstoß machten die Schweizer Alpenschützer auch auf der Ebene der nationalen Gesetzgebung. Ein Drittel der Ratsmitglieder unterstützt ihre Forderung nach einer Rückbauversicherungspflicht für Anlagenbauer. Das ist zwar zu wenig, um politisch wirksam zu werden, zeigt aber, dass das Problem erkannt wird.

In Alpenstaaten wie Italien ist von solchen Initiativen keine Spur. Was hier einmal installiert wurde oder nach einer der beliebten Out-door-Sportgroßveranstaltungen übrig bleibt, bleibt stehen. Angesichts der Winter-Olympiade, die im Februar 2006 in den Turiner Bergen stattfand, ist die Sorge groß: Am Rande des Naturparks im oberen Chisonetal stehen nun fünf Skisprungschanzen aus Kunststoff im Bergwald, die niemand mehr braucht, weil diese Sportart in Piemont keinerlei Tradition hat. Vorschläge von Naturschützern, die Anlagen aus Holz zu konstruieren, um sie nach den Spielen wieder mühelos demontieren zu können, wurden in den Wind geschlagen.

Fremdkörper in der Bergnatur

Aber es gibt auch immer wieder gute Gründe, Fremdkörper in der Bergnatur zu akzeptieren. Schon seit rund 1000 Jahren sind die Alpen eine Kulturlandschaft. Zeugnisse der angepassten Wirtschaftsweise der Bergbauern sind überall zu finden: Terrassierte Hänge, hohe Trockenmauern, Ruinen ehemaliger Almgebäude und Wassermühlen. Auch die Wiesenlandschaften unter der Baumgrenze sind kein Produkt der Natur; sie verdanken sich großflächigen Rodungen, die zwischen dem elften und dem 15. Jahrhundert alpenweit stattfanden - und dem Gebirge erst den ästhetischen Reiz verschafften. Aus Respekt vor diesen Kulturleistungen hat Mountain Wilderness diesen ganzen Bereich ausgeklammert.

Hier gibt es einen Interessenkonflikt mit den Denkmalpflegern, die Zeugen einer früheren oder auch nur sehr speziellen Nutzung erhalten sehen wollen. Auch bei Militärhistorikern löst man mit dem Motto "Rückbau zur Wildnis" die Alarmglocken aus. Bunker und Festungen aus beiden Weltkriegen sollen für die Nachwelt bewahrt wer- den.

Unterstützung bekommt Mountain Wilderness von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL). "Dinge, die aus kollektiver Sicht keinen Sinn mehr haben, müssen schleunigst entfernt werden", sagt Geschäftsleiter Raimund Rodewald, "vor allem in großer Höhe und an exponierten Stellen". Ziel sei aber nicht die Wiederherstellung von Wildnis im strengen Sinne. Es gehe darum, einen Zustand "vergleichsweiser Ursprünglichkeit" herzustellen - "einen Zustand, der den Besondernheiten der Bergnatur insofern Rechnung trägt, als er den temporären Charakter des menschlichen Aufenthalts in dieser Höhe spiegelt."

Es müsse sorgfältig abgewogen werden zwischen Zeugnissen der alpinen Kulturgeschichte und Zeichen eines unsorgsamen Eingriffs. Landwirtschaftliche Gebäude, die vor dem 20. Jahrhundert erbaut wurden, sollen jedenfalls in Ruhe verfallen dürfen. "Sie zerfließen in der Landschaft und eröffnen damit die Dimension der Zeitlichkeit, die aus den Zentren der Zivilisation längst vertrieben wurde", erklärt der promovierte Biologe.

Memento mori

In gewisser Weise tun das natürlich auch die ausgemusterten Skisportanlagen, weswegen es unklug wäre, wenn man sie ausnahmslos beseitigen würde. Gerade die allmächtige Wintersportindustrie braucht heute ein Memento mori, eine Erinnerung daran, dass auch Skistationen sterblich sind. Besonders braucht sie es unter den Bedingungen der Klimaerwärmung, die schon bald einige der modernsten Anlagen in wertlosen Schrott verwandelt haben wird.

In den Goldgräber-zeiten des Wintersports konnte man sich noch nicht vorstellen, wie schnell sich Symbole des Fortschritts in Überbleibsel von gestern verwandeln können. (Gerhard Fitzthum/DER STANDARD-Printausgabe, 16.8.2008)

 

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    Relikte aus vergangenen Zeiten: Alpine Altlasten, für die sich niemand mehr verantwortlich fühlt.

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