Nach dem Zerbrechen einer Ära

15. August 2008, 20:23
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Buchpublikation über das Schicksal der Wiener Individualpsychologen in Emigration und Exil

Clara Kenner hat in ihrem Buch "Der zerrissene Himmel - Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie" das Zerbrechen einer Ära und die daraus resultierenden Brüche im Leben der Menschen am Beispiel der Wiener Mitarbeiter und Schüler des Individualpsychologen Alfred Adler dargestellt. Die meisten von ihnen wurden durch die politischen Entwicklungen der 1930er gezwungen, ins Exil zu gehen. Auf die Bitterkeit dieser Erfahrung hat der Schriftsteller und Individualpsychologe Alfred Farau hingewiesen: "Der Emigrant, der wirkliche, ist der Hinausgeworfene, der Verbannte. Und das ist ein Lebensschicksal, das niemand verwinden kann." Die Erfahrung der Emigration konnte aber auch Neues ermöglichen, wie die Autorin meint: "Das Zerreißen des Himmels kann (...) auch mit einer aufreißenden Wolkenwand assoziiert werden, durch die sich ein Lichtstrahl stiehlt, Klarheit sich ausbreitet, ein Neubeginn denkbar wird."

Es ist der Autorin gut gelungen, Ausmaß und Umfang der Emigration und des Exils der Wiener Individualpsychologen zu rekonstruieren, und den Blick auf die einzelne Person, "ihre Menschlichkeit und Größe" zu lenken. Die Emigration begann schon in den frühen 1930er-Jahren (z. B. Alfred Adler, Alexandra Adler, Olga Knopf, Erwin Otto Krausz, Erwin Wexberg), und war nach den Februarkämpfen 1934 eindeutig politisch motiviert (Ernst Papanek, Edmund Schlesinger). Die eigentliche Auswanderungswelle setzte jedoch 1938 nach dem "Anschluss" ein. Von 63 Mitgliedern der Wiener individualpsychologischen Vereinigung blieben nur vier in Wien zurück (Ferdinand Birnbaum, Franz Scharmer und Oskar Spiel). Viktor Frankl, damals ein Anhänger Adlers, wurde im Jahr 1942 aus Wien deportiert und überlebte das KZ. Mehr als 50 Wiener Individualpsychologen und Individualpsychologinnen gelang die Flucht ins Exil, sechs von ihnen wurden Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik (Helene Bader, Margarethe Hilferding, Martha Holub, Stephanie Horovitz, Alexander Neuer, David Ernst Oppenheim).

Die Emigrationsbewegung war Teil eines "brain drain", eines nachhaltigen wissenschaftlichen und kulturellen Verlustes, den Österreich durch die Vertreibung von 140.000 Menschen erlitt. Was für alle Emigranten galt, galt auch für die Individualpsychologie: Nur wenige kehrten nach 1945 nach Wien zurück, und wenn, dann vorwiegend jene, die in der sozialdemokratischen Bewegung eine überdauernde Heimat hatten wie etwa Carl Furtmüller, der nach dem Krieg Leiter des Pädagogischen Instituts der Stadt Wien wurde.

Spannendes Panoptikum

Kenner untersucht die Wege und Stationen ins Exil, die sozialen Netzwerke der Emigranten, die Hilfestellungen bei der Flucht durch die Vereinigungen in den USA. Ausführlich wird der berufliche Werdegang in den Exilländern beschrieben. Kernstück des Buches sind 63 Biografien von Wiener Individualpsychologen und -psychologinnen. Kenner hat besonders sorgfältig alle publizierten Quellen und Archivmaterial zusammengetragen, sodass über die Lektüre der einzelnen Lebensgeschichten ein buntes und spannendes Panoptikum entsteht. Neben bekannten Persönlichkeiten werden auch bisher fast unbekannte Menschen und ihre Lebenswege vorgestellt. So etwa Klara Blum, 1904 in der Bukowina geboren, die als Kind nach Wien flüchtete, dort im Kreis um Alfred Adler aktiv wurde, sich den Kommunisten anschloss und auf abenteuerliche und zugleich tragische Weise über die Sowjetunion ins kommunistische China gelangte, wo sie 1971 in der Provinz Kanton als Zhu Bailan starb.

Kenners Buch besticht durch seinen luziden Stil. Es liest sich wie ein gut geschriebener Roman, ohne dass die Details und die wissenschaftliche Genauigkeit leiden würden. Durch die Kombination dieser Aspekte ist ein Text entstanden, den man gerne liest und der zugleich tiefe Einblicke in das Ausmaß und die Heterogenität der Emigration der Wiener Individualpsychologen und Individualpsychologinnen gibt. (Bernhard Handlbauer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.8.2008)

 


Clara Kenner, "Der zerrissene Himmel. Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie".
€ 28,70 / 239 Seiten. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2007

  • Artikelbild
    grafik: vandenhoeck und ruprecht
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