Bürger im Freiheitsdilemma

15. August 2008, 20:19
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Wie viel Selbstverwirklichung wollen wir für die Sicherheit hergeben? Der britische Historiker Quentin Skinner hat Thomas Hobbes neu gelesen

Sicherheit oder Freiheit - diese Alternative präsentieren Politiker der Gegenwart häufig ihrem Staatsvolk. Es soll wählen zwischen einem riskanten Beharren auf bürgerlichen Rechten und deren kalkulierter Verletzung. Freiheit geht zulasten der Sicherheit, Sicherheit gibt es nicht ohne Einbuße von Freiheit. Eine Kette von Assoziationen hängt an diesem Wechselverhältnis - offene oder geschlossene Gesellschaft, Gewaltenteilung oder Gewaltkonzentration, demokratische Prozeduren oder souveräne Entscheidung.

Es sind die Fragen, die sich in der europäischen Aufklärung immer wieder gestellt haben. Der englische Denker Thomas Hobbes hat dabei im 17. Jahrhundert eine Lösung für das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat gefunden, die in groben Umrissen schon in der Schule gelehrt wird: Die Menschen sind einander auf eine natürliche Weise gefährlich, sie müssen sich deswegen einem Souverän unterstellen, der sie in die Pflicht der Gesetze nimmt. Der Staat ist ein Bündnis, in dem Bürger ihre Freiheit für Sicherheit eintauschen.

Hobbes schrieb vor dem Hintergrund der englischen Bürgerkriege, in denen es um Religion ging, vor allem aber um das Verhältnis zwischen König und Parlament. Sein berühmtestes Buch über den Leviathan liegt in einer englischen und in einer lateinischen Fassung vor, wird vielfach aber nur in Gestalt des Titelbilds rezipiert. Ein Körper der Macht, gebildet aus den Körpern der Untertanen, ragt aus der Welt heraus. Das Gewimmel der Individuen wird in die Umrisse eines Souveräns gezwungen.

Vordenker der Erlösung

Hobbes wurde vor allem für konservative politische Denker zum Helden. 1937 schrieb Carl Schmitt über ihn: "Heute begreifen wir die unverminderte Kraft seiner Polemik, verstehen wir die innere Geradheit seines Gedankens und lieben wir den unbeirrbaren Geist, der die existenzielle Angst des Menschen furchtlos zu Ende dachte und die trüben Distinktionen der indirekten Gewalten zerstörte." Hobbes als Verfechter einer direkten Gewalt, als Vordenker der Erlösung von den ermüdenden demokratischen Prozeduren - dieses Klischee ist bis heute wirkmächtig.

Nun hat der bedeutende englische politische Philosoph und Historiker Quentin Skinner ein Buch vorgelegt, das schon im Titel deutlich macht, dass es um eine differenzierte Darstellung des Denkens von Hobbes geht: Freiheit und Pflicht. Hobbes' politische Theorie legt das Augenmerk nicht zuerst auf Konzepte der Souveränität, sondern auf die Frage nach der Freiheit angesichts der Pflichten, denen die Staatsbürger durch die Gesetze unterworfen werden.

Schon 1997, anlässlich seiner Antrittsvorlesung an der Universität Cambridge, hatte Skinner sich das Thema "Liberty before Liberalism" gestellt. Nun liest er Hobbes noch einmal direkt aus den Quellen der Zeit, er greift auf zeitgenössische Predigten, Pamphlete und politische Einlassungen zurück und rekonstruiert im Detail, wie sich das Denken der Freiheit immer wieder neu akzentuiert.

Hier öffent sich ein faszinierendes Panorama der Frühzeit der europäischen Demokratien. Im 17. Jahrhundert dachte man bei Freiheit sofort an die griechische Antike, an Athen und dessen Bürgerschaft (und Sklavenstand). Aus der Nikomachischen Ethik des Aristoteles war das Denkbeispiel von dem Geschäftsmann überliefert, der in Seenot gerät und seine Waren über Bord wirft, um sein Leben zu retten. Dieser Akt wurde eingehend analysiert und auf die politischen Verhältnisse übertragen: Ist ein lebensrettender Verzicht eine freie Handlung, oder geschieht dieser nicht vielmehr unter Zwang?

Hobbes entwickelte seine politische Theorie in mehreren Anläufen, wobei Skinner immer wieder darauf zurückkommt, wie sich das Konzept der Freiheit dabei verschiebt. Der Geschäftsmann auf seinem Schiff ist ein Bild dafür, dass auch ein Bürger, der sich den Notwendigkeiten beugt, dabei immer noch frei ist. Damit geht für Hobbes eine Legitimierung der Souveränität einher, die von den Menschen in Kauf genommen wird, weil sie nur auf diese Weise Schutz und Sicherheit erlangen können. Souveränität bedeutet Autorisierung, Übertragung von Freiheit. Der Staat muss gute Gründe geltend machen können, damit die Menschen sich mit seiner Herrschaft einverstanden erklären.

In den gegenwärtigen Demokratien ist das Bewusstsein von diesen Zusammenhängen in der Regel nur latent vorhanden. Es gibt jedoch einen Fall, der uns immer wieder darauf verweist: Bei einem Grenzübertritt in ein anderes Land sind wir niemals nur Individuen, sondern Angehörige eines Staatswesens, und als solche werden wir behandelt. Interessanterweise kam Hobbes in der späteren Phase, vor allem unter dem Einfluss der Naturwissenschaften, zu einer Auffassung von Freiheit, die in diese Richtung weist: "Abwesenheit äußerer Hindernisse" ist nun seine neue Definition, er beschäftigt sich mit der Freiheit von Körpern, sich ohne physische Hemmnisse zu bewegen.

Skinner ist zu sehr Historiker und Textwissenschafter, um sich auf vorschnelle Aktualisierungen einzulassen. Sein Buch handelt nicht von den EU-Außengrenzen, es gibt keine Verweise auf die Flüchtlingsboote vor den Kanarischen Inseln und Sizilien, obwohl Hobbes selbst einige Jahre lang als, wenn man so will, politischer Flüchtling in Paris gelebt hat. Skinner gewährt stattdessen mit akribischer Textarbeit einen Einblick in die theoretischen Bedingungen dessen, was bis heute die Schwierigkeiten staatsbürgerlicher Existenz ausmacht. Freiheit oder Sicherheit gehen häufig immer noch zulasten des jeweils anderen. Hobbes wollte zeigen, dass dieser Gegensatz einer Vermittlung zugänglich ist. Deswegen arbeiten sich die Denker des Politischen immer noch an ihm ab. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.8.2008)

 

Quentin Skinner, "Freiheit und Pflicht. Thomas Hobbes' politische Theorie. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2005". € 16,30 / 142 Seiten. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008

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