Zwei Arten der Musikargumentation

15. August 2008, 19:32
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Die Philharmoniker mit Riccardo Muti, das RSO Wien unter Bertrand de Billy

Salzburg - Eine grandiose Klangwolke, aus der Augenblicke der Transparenz heraus glänzten: So wirkte das "Deutschen Requiems" von Brahms beim Karajan-Gedächtniskonzert im Großen Festspielhaus. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor fand währen der Aufführung zu immer mehr gemeinsam abgesprochenen Konsonanten ("Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden" hat aber auch wirklich gemein viele aneinanderstoßende "s" und "d"/"t"). Der Sopran blieb durchwegs eher eng und metallisch. Wie locker und leise die Tenöre klingen können zeigte sich im Chor "Wie lieblich sind deine Wohnungen ...", wo das feine Pizzikato der Geigen hörbar wurde.

"Freude und Wonne werden sie ergreifen", heißt es gegen Ende der zweiten Nummer: Hier schien ein paar Phrasen lang befreit und befreiend musiziert zu werden, ohne glatt polierte "Gedenk-Konzert-Patina". Auch wenn das Brahms-Requiem ohne "Tag des Zornes" auskommt, müsste die Mahnung "Denn alles Fleisch es ist wie Gras" wenigstens ein paar Kälteschauer hervorrufen. In diesem Falle war man indes von Riccardo Muti eingeladen, sich in das faserschmeichlerweiche Paukensolo sinken zu lassen.

Peter Mattei sang mit Klarheit: ein Prophet, der weiß, dass auch die "Botschaft" rüber kommen soll. Genia Kühmeier sang das exponierte Sopran-Solo "Ihr habt nun Traurigkeit" ebenso zurückhaltend und strahlend in der Höhe.

Zwei "Erstbegegnungen" brachte das Konzert des RSO-Wien unter der Leitung von Bertrand de Billy in der Felsenreitschule: Beethovens bekanntes Violinkonzert wirkte in der überwältigen Interpretation von Christian Tetzlaff ganz neu, und Schönbergs Symphonischer Dichtung "Pelleas und Melisande" op. 5 wird selten gespielt. Einzelne Effekte sprechen zwar schon von einer eigenen Handschrift, in Summe war Schönberg 1902 noch ganz der Klangsprache einer übermächtigen Tradition verpflichtet.

Aber zurück zu Tetzlaff! Er musiziert technisch brillant und souverän, gleichzeitig scheint er mit größter Natürlichkeit und Schlichtheit vom Frühling, vom Glück, von Jubel zu erzählen. Und immer wieder erinnert er, in oft nur kleinsten Wendungen daran, dass alle Schöpfung endlich ist. Atemberaubend leise das Larghetto, stellenweise durchaus bocksbeinig kam dagegen das Rondo daher, übermütig, musikantisch. Also keine Sentimentalität. Zudem: Bertrand de Billy und das RSO-Wien waren nicht nur feinsinnige Begleiter, sondern auch geschliffen argumentierende Dialogpartner. (Heidemarie Klabacher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.8.2008)

 

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