"Ein großer Teil aller Straftaten wird nicht angezeigt"

15. August 2008, 19:11
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Dass auf 100 Fremde mehr Tatverdächtige kommen als auf 100 Österreicher hat vielfältige Gründe, sagt der Wiener Kriminalsoziologe Arno Pilgram

Standard: Wie kriminell sind Fremde nun eigentlich?

Pilgram: Die Frage ist, wie viele oder welche Straftaten jemand begehen muss, dass man ihn oder sie als "kriminell" bezeichnen darf. Bestimmte Straftaten, etwa nach dem Fremdengesetz, können überhaupt nur Fremde begehen.

Standard: Und wie sieht es mit der Kriminalität aus, die von In- und Ausländern begangen werden?

Pilgram: Das Spektrum der Fremden reicht von weltläufigen Spitzenmanagern, reichen niedergelassenen Pensionisten, Millionen Touristen bis zu ausländischen Arbeitskräften, deren Familien und irregulären Armutsmigranten. Kriminalität gibt es bei ihnen allen, wie auch in allen Schichten der österreichischen Gesellschaft, jedoch in unterschiedlicher Form.

Standard: Was sagt die Statistik?

Pilgram: Statistisch fallen auf 100 Fremde mehr Tatverdächtige als auf 100 Österreicher, was zu einem guten Teil auf die unterschiedliche soziale Zusammensetzung beider Gruppen zurückzuführen ist.

Standard: Unterscheidet sich "fremde" und "einheimische" Kriminalität?

Pilgram: Im längerfristigen Vergleich hat sich die angezeigte Kriminalität der Fremden jener der Österreicher immer mehr angeglichen. Aber auch heute noch ist der Anteil der Aggressions- und Sexualstraftäter oder der Drogenkonsumdelinquenten bei den Österreichern ein höherer. Dafür dominieren Fremde etwa beim Drogenstraßenhandel oder bei den gewerbsmäßigen Diebstahlsdelikten.

Standard: Gibt es dazu auch internationale Vergleiche?

Pilgram: Im Prinzip sind es überall Randgruppen, seien es ethnische Minderheiten oder eben Zuwanderergruppen, die sozial festgefahren sind, in unqualifizierten Berufen, in räumlichen Ghettos mit schlechter sozialer Infrastruktur, die strafrechtlich eher auffällig werden. Auf sie werden aber auch Abstiegsängste und Fantasien von Andersartigkeit projiziert, die sie von vornherein verdächtig und zum Objekt besonderer Kontrollen machen. In durchlässigeren Gesellschaften ist auch Kriminalität weniger an spezifischen Gruppen festzumachen.

Standard: Was könnten aus Ihrer Sicht Gründe für höhere Kriminalitätsraten in einzelnen Fremdengruppen sein?

Pilgram: Die Gründe sind wohl nicht andere als bei Österreichern. Nur dass bestimmte Extremsituationen bei Österreichern seltener auftreten. Völliges Abgeschnittensein von legalen Zugängen zu Lebensunterhalt und sozialer Hilfe und die Abhängigkeit von irregulärem und kriminellem Erwerb bleibt den Bürgern des österreichischen Wohlfahrtsstaates erspart. Nicht zu vernachlässigen ist auch, dass "Fremdheit" per se Alternativen zur Austragung von Konflikten ohne Polizei und Justiz erschwert.

Standard: Was bedeutet?

Pilgram: Es ist eine Tatsache, dass ein großer Teil aller Straftaten nicht angezeigt wird, weil man innerhalb sozialer Gefüge, etwa der Nachbarschaft Recht selbst wiederherzustellen versteht. Fehlen solche sozialen, kulturellen und sprachlichen Brücken, liegt der Ruf nach der Polizei auf der Hand.


Standard:
Gibt es Studien, ob und wie sich die Dauer des Aufenthalts auf die Kriminalitätsrate auswirkt?

Pilgram: Im Allgemeinen ist die erste Generation von Zuwanderern überangepasst und sogar weniger "kriminalitätsbelastet" als Inländer. Die nachfolgenden Generationen verhalten sich eher generationsspezifisch. Jugendliche, speziell männliche aus der Unterschicht, sind seit eh und je prädestiniert gewesen, strafrechtlich aufzufallen.

Standard: Wenn Fremde vor Gericht stehen: Gibt es Unterschiede in der Art der Bestrafung?

Pilgram: Vor Gericht macht es einen Unterschied, ob verfestigte soziale Bindungen im Land eine Strafverfolgung auf freiem Fuß, Kooperation bei Tatausgleich oder die Einbringlichkeit einer Geldstrafe denkbar erscheinen lassen. Wenn das nicht der Fall ist und es zur Untersuchungshaft kommt, resultiert eher eine Freiheitsstrafe, die dann oft mit der U-Haft auch schon verbüßt ist.

Standard: Gelindere Mittel sind unbeliebter?

Pilgram: Andere und gelindere Mittel, Diversionsmaßnahmen oder Geldstrafen scheiden für die Gerichte bei nicht verfestigt Niedergelassenen oft aus. Aber es kommt hier vielleicht auch die Philosophie der Rechtsanwender ins Spiel, dass Fremde, wie einfache Persönlichkeiten, nur drastische Lehren verstehen.

Standard: Was wären mögliche Maßnahmen, um die Kriminalitätsrate weiter zu senken?

Pilgram: Grundsätzlich wird die Bedeutung der Strafverfolgung und Bestrafung für die Prävention von Kriminalität überschätzt. Bei Fremden wird mit dem Strafrecht tendenziell auf "Feinde" reagiert. Feindbildabbau, Vertrauensbildung zwischen den Communities, Stärkung auch der Integrationskraft der Zuwanderergemeinden und Eröffnung von sozialen Aufstiegs- und Erfolgschancen in der österreichischen Gesellschaft sind hier die Stichworte.

Standard: Wie realistisch ist, Ihrer Einschätzung nach, die Sicht der Öffentlichkeit und der Medien auf die Problematik?

Pilgram: Fremdenkriminalität kommt auch in die Medien, weil und wenn sie Thema der politischen Auseinandersetzung ist. Dass es dabei emotionslos und sachlich zugeht und ein ungetrübter Blick möglich wäre, ist kaum zu erwarten. (Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 16.8.2008)

Zur Person:

Arno Pilgram, geboren 1946, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Insitut für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien. Foto: privat

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Österreicher, was zu einem guten Teil auf die unterschiedliche soziale
Zusammensetzung beider Gruppen zurückzuführen ist."
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