Barack Obama beichtet beim Pfarrer der Nation

17. August 2008, 17:44
186 Postings

Demokratischer Kandidat sprach von seinem Drogen- und Alkohol- konsum - Republikaner McCain empörte sich über Abtreibung und das Böse in Gestalt Osama Bin Ladens

Der Moderator trägt ein Freizeithemd, blau-weiß kariert. Sehr bequem sitzt er in seinem Sessel. Lächelnd lässt er die Zuschauer wissen, dass er mit beiden Gästen befreundet ist, mit Barack genauso wie mit John. Rick Warren, der einflussreichste Pfarrer der USA, bemüht sich um Lockerheit. Vorab hat er den Kandidaten versichert, nein, es gehe hier nicht darum, ihre Bibelfestigkeit zu testen. Dann stellt er ihnen Fragen, wie sie in Europa kaum vorstellbar wären bei einem Gespräch mit zwei Bewerbern ums höchste Staatsamt. "Gibt es das Böse?" "Was war Ihr größtes moralisches Versagen?"

Der Geistliche weiß um seine Macht. Mit der kalifornischen Saddleback Church hat er eine Megakirche aus dem Boden gestampft, die von der Sonntagsmesse samt Rockkonzert bis hin zur Schuldnerberatung ein Komplettprogramm bietet. Der Pastor kennt die Umfragen. 70 Prozent der Amerikaner wünschen sich einen Präsidenten, dem der Glaube wichtig ist. "Ich glaube an die Trennung von Staat und Kirche, aber nicht an die Trennung von Politik und Glauben", sagt Warren. Jeweils eine Stunde lang interviewt er die Bewerber, zuerst Barack Obama, dann John McCain.

Moralisch versagt? Ja, das habe er, räumt Obama ein und skizziert seine Biografie. Schonungslos offen beschreibt er den Teenager, der Drogen konsumierte und über die Maßen Alkohol trank. Ein "gewisser Egoismus" sei schuld gewesen. "Ich war so besessen von mir, dass ich mich nicht auf andere Menschen konzentrieren konnte." Der Senator aus Illinois spricht über Sünden und Sühne und über den Teufel, der sich auf Amerikas Straßen austobe. Er begründet seine Politik in der Sprache eines frommen Christen: "Was du für den geringsten meiner Brüder getan hast, hast du für mich getan".

Seit Jimmy Carter hat es keinen Spitzenmann der Demokraten gegeben, der so religiöse Töne anschlägt. 78 Prozent aller Christlich-Konservativen hatten vor vier Jahren für George W. Bush gestimmt. Jetzt hoffen die Demokraten darauf, zumindest einige von ihnen auf ihre Seite zu ziehen, zumal sich etliche Evangelikale schwertun mit McCain, dem Mann, der polternde Prediger einst "Agenten der Intoleranz" nannte. In der Saddleback-Kirche ist es aber McCain, der stehende Ovationen bekommt.

Abtreibung? Er werde ein Pro-Life-Präsident sein, verkündet er (Obama hatte ins eiserne Schweigen hinein das Recht auf Abtreibung verteidigt). Wann Babys Rechte haben? "Vom Moment der Empfängnis an." Wie man dem Bösen begegne? Er wolle Osama Bin Laden bis an die Tore der Hölle verfolgen, wenn es sein müsse. Von der Warte des Patrioten übt der Senator aus Arizona verdeckte Kritik an Parteifreund Bush. Es sei falsch gewesen, den Leuten nach 9/11 zu sagen, sie sollten nur fleißig shoppen. Besser, man hätte sie dazu ermuntert, "einer größeren Sache zu dienen", zur Armee zu gehen oder zum Peace Corps. Seinen Glauben stellt McCain mit einer Geschichte heraus, die jedes Schulkind in Amerika kennt. Während der Kriegsgefangenschaft in Hanoi boten die Vietnamesen ihm, dem Admiralssohn, die vorzeitige Entlassung an. Er lehnte ab, "es war die härteste Entscheidung meines Lebens". "Es hat vieler Gebete bedurft, vieler Gebete." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Barack Obama und John McCain standen erstmals während ihres Rennens um das Weiße Haus gemeinsam auf der Bühne. Pastor Rick Warren (Mitte) befragte sie getrennt voneinander.

Share if you care.