Gerüchte über den Abgang Musharrafs mehren sich

18. August 2008, 07:36
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Präsident Pervez Musharraf verhandelt bereits darüber, wie er gesichtswahrend aus dem Amt ausscheiden kann, heißt es aus Regierungskreisen

Indien fürchtet nun, dass in Islamabad bald das Chaos ausbricht.

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Neu-Delhi/Islamabad - Es scheint nur noch eine Frage von Tagen zu sein, bis er das Handtuch wirft. Angeblich ist Pakistans Präsident Pervez Musharraf nun doch bereit, zurückzutreten, um so einem Rauswurf in Schimpf und Schande zuvorzukommen. Das berichteten zumindest Zeitungen am Freitag. Auch Vertreter der Koalitionsregierung in Islamabad bestätigten die Meldungen, während sie Musharrafs Sprecher zurückwies.

Derzeit würden seine Getreuen mit der zivilen Regierungskoalition über einen sicheren und einigermaßen gesichtswahrenden Ausstieg für den 65-jährigen verhandeln, hieß es. Tatsächlich steht Musharraf mit dem Rücken zur Wand.

Berichten zufolge besteht er darauf, dass er nicht strafrechtlich verfolgt wird und in Pakistan bleiben kann. Dagegen sperrt sich Nawaz Sharif von der Muslim-Liga. Musharraf hatte den damaligen Regierungschef 1999 in einem unblutigen Putsch entmachtet. Nun will Sharif seinen Erzfeind vor Gericht sehen. Aber das mächtige Militär will eine solche Demütigung seines früheren Chefs nicht hinnehmen. Die zivile Regierung will nächste Woche ein Verfahren zur Amtsenthebung gegen Musharraf beginnen. Drei von vier Provinzparlamenten haben sich bereits gegen ihn gestellt.

Bush hebt nicht ab

Es ist einsam geworden um den ehemaligen Militärherrscher, dem die Menschen 1999 noch zugejubelt hatten. Über Jahre war er der wichtigste Verbündete der USA im Antiterrorkampf. Doch nun nimmt US-Präsident George W. Bush angeblich nicht einmal mehr seine Anrufe entgegen, alte Getreue setzen sich von ihm ab, und durch die Straßen schallt es: "Go, Musharraf, go" .

Auch auf seine alte Machtbastion, das Militär, kann er nicht hoffen. Der neue Armeechef Ashfaq Kayani will sich aus der Politik raushalten.

Seit er Ende 2007 als Militärchef zurücktrat, ist Musharraf faktisch machtlos und hielt sich nur noch, weil die USA ihn stützten. Vor zwei Wochen hatte US-Präsident George W. Bush seinen alten "Kumpel" jedoch fallengelassen und damit sein politisches Ende eingeläutet. Als machtloser Präsident war er für die USA nicht mehr wichtig. Als die starken Männer Pakistans gelten nun Asif Ali Zardari, der die PPP, die Partei der ermordeten Politikerin Benazir Bhutto führt, Nawaz Sharif und der neue Armeechef Kayani.

500 Tote bei Kämpfen

Die Ära Musharraf scheint sich damit dem Ende zuzuneigen. Im Nachbarland Indien sieht man dies allerdings mit Sorge. Indiens oberster Sicherheitsberater warnte, Pakistan könne in ein politisches Machtvakuum stürzen. Musharrafs Rücktritt "hinterlässt ein großes Vakuum, und wir sind sehr besorgt, dass dieses Vakuum dazu führt, dass radikale Extremisten freie Hand haben", sagte er.

Tatsächlich scheint der neuen zivilen Regierung die Kontrolle über das Land zu entgleiten.
Am Freitag meldeten die pakistanischen Behörden, dass bei zehntägigen Kämpfen in dem Stammesgebiet Bajur an der Grenze zu Afghanistan fast 500 Menschen getötet worden sind. Unter den Opfern sollen 460 Aufständische und 22 Soldaten sein. Nach Angaben der Behörden flohen 210.000 Menschen vor den Gefechten. In den Stammesgebieten an der afghanischen Grenze gewannen radikalislamische Gruppen wie die Taliban zuletzt immer weiter an Boden.

Auch an den jüngsten Kämpfen sollen Taliban beteiligt gewesen sein. Über weite Teile der Krisenregion hat die Regierung in Islamabad keine Kontrolle mehr. Die Gefechte begannen laut Darstellung Islamabads, nachdem Aufständische einen Posten der pakistanischen Armee überfallen hatten. (Christine Möllhoff/DER STANDARD, Printausgabe, 16.8.2008)

 

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