"Politiker sind schwer verkäuflich"

15. August 2008, 17:05
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Der Österreicher Thomas Osterkorn führt den "stern" - Im STANDARD-Interview erklärte er, warum er in "News" eine "andere Welt" sieht - eine der großen Verhaberung

Der Österreicher Thomas Osterkorn führt den "stern" , die große deutsche Illustrierte.
Dem STANDARD  erklärte er, warum er in "News" eine "andere Welt" sieht - eine der großen Verhaberung.

STANDARD: Als "Wundertüte" hat Henri Nannen den "stern" vor 60 Jahren konzipiert. Haben Sie diesen Anspruch heute auch noch?

Osterkorn: Ja, wenn auch anders definiert. Manche Leute scheuen den Begriff Illustrierte. Ich hingegen finde ihn gut, denn das heißt, dass wir auf die Kraft des Bildes vertrauen, und das in Kombination mit guten Texten - auf eine Mischung aus Information und Unterhaltung.

STANDARD: Die Illustrierten "Quick" und "Revue" sind eingestellt. Machen Sie sich denn da überhaupt keine Sorgen um den "stern"?

Osterkorn: Nein, der stern war nie ein reines Klatsch- und Unterhaltungsblatt, aber auch nie eine hartes, anstrengendes Info-Magazin.

STANDARD: Sie sähen lieber Boris Beckers Hochzeitsbild auf dem "stern" -Titel als Angela Merkel?

Osterkorn: Nicht unbedingt. Der stern kann viele verschiedene - populäre wie auch politische - Themen aufgreifen. Eine Serie zu den Weltreligionen geht genauso wie Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete". Ob Boris Becker heute noch ein stern-Titel wäre, weiß ich nicht. Eines ist aber sicher: Politiker auf dem Titel sind meist schwerverkäufliche Kost für die Leser. Da kann die Auflage im Einzelverkauf um fünf bis zehn Prozent sinken. Dennoch machen wir immer wieder auch Politik auf dem Titel, weil es eine Frage der Positionierung ist und auch Ausdruck unseres journalistischen Selbstverständnisses.

STANDARD: Dennoch gilt der "stern" als eher unpolitisch.

Osterkorn:
Der Vorwurf trifft nicht zu. Die Zahl der politischen Titelthemen sagt nichts über die politischen Inhalte im Heft aus. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger. Auch die Menschen interessieren sich manchmal mehr für Politik und manchmal weniger. Das müssen wir im Blick haben.

STANDARD:  Auf dem Cover haben sie aber doch lieber Wohlgefühl statt Weltpolitik?

Osterkorn: Am besten etwas Emotionales, was einen Bezug zum Leben der Leser hat. Ein Gegenbeispiel: So verrückt der Krieg in Georgien ist, er hat wenig Bezug zum alltäglichen Leben der Menschen in Deutschland. Natürlich berichten wir darüber, aber ein Titel wäre das nicht.

STANDARD:  Internet gibt es rund um die Uhr, Tageszeitungen liefern Hintergrund zu aktuellem Geschehen gleich mit. Welche Berechtigung hat ein Wochentitel heute?

Osterkorn: Der stern muss noch stärker als früher herausragende Bilder und Analysen bieten - und zwar auf Augenhöhe der Leser. Wie können nicht mehr einfach berichten, was passiert ist - wir müssen erklären, warum es passiert ist und was es bedeutet. Wir müssen unseren Lesern in der Flut der täglichen Bilder und Informationen wie ein Leuchtturm Orientierung bieten.

STANDARD:  1983 trieben die falschen Hitler-Tagebücher den "stern" fast in den Ruin. Werden Sie diese Geschichte je los?

Osterkorn: Die gefälschten Hitler-Tagebücher sind sicherlich der größte GAU in der deutschen Pressegeschichte. Der stern hat diese Krise aber aufgearbeitet. Heute sind die Hitler-Tagebücher längst bewältigte Pressegeschichte, an die man sich lediglich in der historischen Rückblende "runder Jahreszahlen" erinnert.

STANDARD:  Könnte so etwas wieder vorkommen?

Osterkorn: Nein. Heute gibt es eine klare Trennung zwischen Redaktion und Verlag. Wir Chefredakteure sind alleinverantwortlich für den Inhalt der Blätter, und der Verlag nimmt keinen Einfluss darauf. Außerdem wird jeder stern-Artikel von unseren Dokumentaren und von externen Juristen geprüft. Aber wenn Medien betrogen werden sollen, gibt es heute viel subtilere Methoden. Schauen Sie, wie die Presse vor dem Irakkrieg mit gefälschten Beweisen manipuliert wurde. Unfassbar, wie viele Journalisten da ihren kritischen Verstand abgeschaltet haben.

STANDARD: Österreich hat keinen "stern". Wäre das eine reizvolle Aufgabe für Sie?

Osterkorn: Früher waren die deutschen Magazine in Österreich viel stärker vertreten. Aber mittlerweile hat Österreich einen eigenständigen Medienmarkt. Ein deutsches Zeitschriftenkonzept kann man nicht einfach übertragen - und umgekehrt funktioniert es auch nicht.

STANDARD:  Woran merken Sie das?

Osterkorn: Wenn man außerhalb von Österreich etwa die Zeitschrift News liest, wirken viele Geschichten wie aus einer anderen Welt. Man kennt viele der Politiker, der Wirtschaftsführer, Sportler und Promis in Deutschland überhaupt nicht. Was man aber merkt, ist das Phänomen der Verhaberung. Jeder scheint mit jedem irgendwie zusammenzuhängen. Das ist bei uns in diesem Ausmaß nicht möglich. (Birgit Baumann, DER STANDARD; Printausgabe, 16./17.8.2008)

Zur Person
Thomas Osterkorn (54), Jurist aus Linz, arbeitete bei der "Landeszeitung für die Lüneburger Heide" und als Polizeireporter beim "Hamburger Abendblatt" ; ab 1986 beim "stern" , den er seit 1999 mit Andreas Petzold als Chefredakteur leitet. Den "stern" lesen 7,5 Millionen. Wie "News" gehört er zum Magazinkonzern Gruner + Jahr.

Link
stern.de

  • "Was man aber merkt, ist das Phänomen der Verhaberung.Jeder scheint mit jedem irgendwie zusammenzuhängen"  - Thomas Osterkorn, "stern" -Chefredakteur aus Linz, über Österreichs Medien.
    foto: stern/volker hinz

    "Was man aber merkt, ist das Phänomen der Verhaberung.
    Jeder scheint mit jedem irgendwie zusammenzuhängen" - Thomas Osterkorn, "stern" -Chefredakteur aus Linz, über Österreichs Medien.

  • Vor 60 Jahren erschien erstmals Henri Nannens Magazin gewordene „Wundertüte" „stern", auf dem Cover Hildegard Knef.
    foto: stern

    Vor 60 Jahren erschien erstmals Henri Nannens Magazin gewordene „Wundertüte" „stern", auf dem Cover Hildegard Knef.

  • Der Journalist Gerd Heidemann hält am 25. April 1983 bei einer Pressekonferenz 
in Hamburg ein Exemplar der vermeintlichen Hitler-Tagebücher in der Hand. Zehn Tage und 
einige Gutachten später war der Fund als plumpe Fälschung 
entlarvt.  "Sicherlich der größte GAU in der deutschen Pressegeschichte", so Osterkorn.

    Der Journalist Gerd Heidemann hält am 25. April 1983 bei einer Pressekonferenz in Hamburg ein Exemplar der vermeintlichen Hitler-Tagebücher in der Hand. Zehn Tage und einige Gutachten später war der Fund als plumpe Fälschung entlarvt.  "Sicherlich der größte GAU in der deutschen Pressegeschichte", so Osterkorn.

  • Das aktuelle Cover des "stern".
    cover: stern

    Das aktuelle Cover des "stern".

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