Neugeborene sind mit zahlreichen Kompetenzen ausgestattet - zur empathischen Kommunikation zwischen Mutter und Säugling
Der Säuglingsforschung jüngeren Datums ist ein Paradigmenwechsel zu verdanken, der die
Sicht auf Säuglinge grundlegend neu definiert. Neugeborene sind nicht durch Defizite
gekennzeichnet, sondern mit zahlreichen Kompetenzen ausgestattet. Einer dieser
Kompetenzen widmet sich Georg Greifs Diplomarbeit, nämlich der vorsprachlichempathischen
Kommunikation des Säuglings mit den primären Bezugspersonen - hier vor
allem der Interaktion zwischen Mutter und Kind.
Ohne Frage ein bedeutsames Thema, dessen Behandlung allerdings nicht ganz
unproblematisch ist, da die fehlende empirische Überprüfbarkeit des Forschungsgegenstandes
einen analytischen Zugang mit wissenschaftlichen Methoden unmöglich macht. Dieser
Schwierigkeit ist sich der Autor bewusst, weshalb dem eigentlichen Thema, nämlich der
existenziellen Bedeutung empathischer Kommunikation zwischen Mutter und Säugling ein
nur vergleichsweise geringer Teil der Diplomarbeit gewidmet ist, während der Schwerpunkt
auf einem Überblick aktueller Säuglingsforschung und Entwicklungspsychologie, spezifischer
kommunikationswissenschaftlicher Theorien, liegt. Diese interdisziplinäre Betrachtungsweise
ist zwar gerade in Bezug auf diese komplexe Thematik sinnvoll, löst aber die Erwartungen,
die der Titel suggeriert, leider nur bedingt ein.
Einfühlsames Verstehen als Ausgangspunkt
Greif stellt zu Beginn Befunde aus der Säuglingsforschung vor, die nahe legen, dass Kinder
von Geburt an eine Art holistische Realitätsauffassung und eine ausgeprägte Bereitschaft zur
Aufnahme und Produktion sozialer Signale besitzen. Da das Repertoire vorsprachlicher
Äußerungen von Säuglingen noch sehr gering ist, ist die Dekodierung kindlicher Laute durch
die Bezugspersonen und damit ein einfühlsames, also empathisches Verstehen um so
wichtiger. Empathie wird hier als eine intuitiv-emotionale Reaktion auf die Äußerungen des
Kindes verstanden, die es der Bezugsperson ermöglicht, Ausdrücke des Kindes 'mitzufühlen'
und erst in einem weiteren Schritt auf der kognitiven Ebene zu bearbeiten. Diese Erfahrung ist
vielen Eltern im Zusammenleben mit Säuglingen vertraut, können sie doch schon nach kurzer
Zeit aufgrund kleinster Differenzierungen der Laute ihres Kindes die Bedeutung fast intuitiv
erfassen und entsprechend beantworten.
Wesentlich für eine empathische Beziehung ist die eigene Biographie. Wer selbst kein
Verständnis in emotionaler Hinsicht als Kind erfahren hat, wird auch kaum
Lernmöglichkeiten erhalten haben, sich im mitfühlenden Verstehen zu üben. Hierzu führt
Greif einige wissenschaftliche Belege an, die zeigen, dass eine fehlende Einfühlung in die
neue Rolle als Mutter/Vater oder depressive Phänomene auf das Neugeborene deutliche
Auswirkungen zeigen, da Säuglinge über keine Affektbeherrschung verfügen und daher auf
Außenreize und Stimmungslagen unmittelbar reagieren. Demnach werden indifferente oder
ablehnende Gefühle durch die Mutter vom Säugling ungefiltert aufgenommen, was sich bei
längerem Anhalten vor allem auf die Bindungsfähigkeit des Kindes zur Mutter negativ
auswirken kann und die Entwicklung empathischer Kommunikation hemmt.
Über 'echte Gefühle' und 'falsches Lächeln'
Authentisches Verhalten ist untrennbar mit empathischem Verstehen verbunden. Empathische
Kommunikation zwischen Mutter und Säugling stellt einen Prozess dar, der sich der
bewussten Steuerung entzieht, sondern ausschließlich auf der Ebene der Intuition und
Emotion stattfindet. Um Empathie zu lernen ist es daher für den Säugling entscheidend,
Gefühlsäußerungen durch die ihn betreuenden Personen mitzuerleben und nachvollziehen zu
können. Wie aus der von Greif zitierten Literatur deutlich hervorgeht, stellt die so genannte
Affektspiegelung durch die Mutter bzw. Eltern hierbei einen zentralen Aspekt dar. Dabei wird
ein kindlicher Affekt (staunen, lachen, erschrecken, etc.) vom Erwachsenen aufgegriffen und
in betont übertriebener Weise an das Kind zurückgespiegelt. Dadurch kommt es in der Regel
zu einer Nachahmung oder 'Gefühlsansteckung' durch das Kind, wodurch die Affekte für den
Säugling nachvollziehbar werden. Das Teilhaben an den Affekten des anderen ermöglicht
gleichzeitig das Lernen von Empathiefähigkeit.
Wesentlich dabei ist, dass die Gefühlsäußerungen echt, also authentischen Ursprungs sind und
nicht vorgetäuscht werden. Hierzu verweist Greif auf eine interessante Studie, die belegt, dass
bereits Säuglinge in der Lage sind, zwischen 'echtem' und 'falschem' Lächeln eines
Erwachsenen zu unterscheiden und durch 'Falschheit' der Gefühlsäußerungen das für den
Säugling notwendige 'Feedback-System' mit der Mutter unterbrochen und das Verstehen
eigener und fremder emotionaler Äußerungen deutlich erschwert wird.
Philosophische Betrachtungsweisen: "Existenz ist nicht, sondern wird" (Jaspers)
Die von der Säuglingsforschung vertretene Annahme, dass eine authentische Begegnung eine
notwendige Bedingung für die Entwicklung und Entfaltung des Selbst darstellt, bildet die
Verbindung zum philosophischen Teil der vorliegenden Arbeit. Greif stellt hier Gedanken
Karl Jaspers, Martin Bubers und Emmanuel Levinas' näher vor. Alle drei gehen davon aus,
dass das der einzelne Mensch nie getrennt vom anderen verstanden werden kann.
Empathische Kommunikation spielt hierbei eine wichtige Rolle, da nach dieser Auffassung in
der kommunikativen Begegnung (verbal und nonverbal) die Grundlage der
Existenzverwirklichung zu finden ist. Die echte, offene und somit empathische Zuwendung
der Mutter zum Kind bilden die Basis für eine Beziehung zwischen dem Ich und dem Du
(Buber) wodurch dem Säugling die Entwicklung eines Bewusstseins über sich selbst
ermöglicht wird.
Ausgehend von dieser Betrachtungsweise schlägt Greif abschließend eine Brücke zur
Gegenwart und führt mit Richard Sennett, Arno Gruen und Peter Glotz drei weitere Denker
ein, die einen gesellschaftsrelevanten Kontext zum Thema herstellen sollen. Besonders die in
diesem Abschnitt angeführten Befunde sind leider nicht immer schlüssig dargestellt. Zwar
konstatieren die angeführten Philosophen allesamt eine gesellschaftliche Realität, die der
Herausbildung einer empathischen Atmosphäre entgegensteht, allerdings werden von Greif
hier kaum Anknüpfungspunkte zwischen dem behaupteten zunehmenden Verlust von
Empathie in der modernen Gesellschaft und der kindlichen Entwicklung geboten. Der
Hintergrund, auf dem die drei letztgenannten Philosophen das Thema Empathie behandeln ist
zudem äußerst unterschiedlich (Empathie als im Alltag hinderliche Sentimentalität,
Empathische Kommunikation im Zusammenhang mit Medienkritik oder Verlust von
Mitgefühl durch steigende ökonomische Zwänge) und so bleibt unklar, was der Autor konkret
mit dieser Darstellung bezweckt.
Auch wenn nicht alle Abschnitte der Arbeit ein kohärentes Bild liefern, bietet die vorliegende
Diplomarbeit einen vielschichtigen Einblick über die Bedeutung des Sich-Mitteilens und
Mitfühlens im Säuglingsalter für das Entstehen von empathischen Empfindungen und die
Entwicklung unseres Selbst. Gerade dieser Aspekt scheint in der gängigen Literatur die
werdenden oder jungen Eltern zur Verfügung steht unterrepräsentiert, so dass die Lektüre
dieser Arbeit eine gute Ergänzung liefert.
Die Diplomarbeit "Die existenzielle Bedeutung empathischer Kommunikation in der Begegnung zwischen Mutter und Säugling" ist im Volltext nachzulesen.
Der Autor
Georg Greif (Mag.phil, Jg.1972) studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften
und Politikwissenschaften an der Universität Wien. Seit 2001 Betreuung von Menschen mit
Behinderungen in einer Wohngemeinschaft des Vereins GIN und Mitarbeiter des Vereins
textfeld.
Die Rezensentin
Mag. Christa Wieland studierte Erziehungswissenschaften und Philosophie an der Universität
Salzburg und arbeitet seit 2000 als Pädagogische Mitarbeiterin in der Erwachsenenbildung.