"Welches Land ist als nächstes dran?"

14. August 2008, 17:00
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Wiens georgische Community schaltet ihre Handys dieser Tage nicht mehr ab - Die Frustration über den Krieg in der alten Heimat sitzt tief

Es piepst. Ganz leise, so dezent, wie ein Handy-Klingelton nur sein kann. Und doch laut genug, um die Diskussion, die sich zwischen dem halben Dutzend Gäste einer Innenstadt-Weinbar entsponnen hat, jäh verstummen zu lassen. Nicht das erste Mal an diesem frühen Vormittag. Und wohl auch nicht das letzte Mal. Das Signal, soviel ist klar, verheißt Neues aus dem Osten. Die Köpfe werden zusammengesteckt, die Hälse gereckt, die Blicke auf das Mobiltelefon gerichtet. Lia Gulua, eine 28-jährige diplomierte Künstlerin mit dunkelblonden Locken und Brille, spielt die Botin. "Russische Panzer sind wieder in das Kodori-Tal eingerückt", liest sie vor, was in dem SMS aus Georgien steht. "Und sie haben die abchasische Fahne gehisst."

Lia Gulua ist nicht die einzige, deren Handy seit beinahe einer Woche in Dauerbetrieb ist. Alle paar Stunden, erzählt sie in akzentfreiem Deutsch, stecke ihr eine Cousine per Textnachricht Neuigkeiten aus Tiflis, der Heimatstadt der Wahlwienerin. Neues vom Krieg also, auch jetzt noch, wo langsam wieder Ruhe einkehrt im Südkaukasus. Wertvolle Informationen für die fünfköpfige Truppe, die sich in dem Lokal nahe des Wiener Stephansdoms versammelt hat. Aus erster Hand, direkt vor Ort. Nachrichten, denen man trauen kann. "Manche Medien berichten einfach von Moskau aus über den Krieg in Georgien. Dabei ist das tausende Kilometer weit weg", ärgert sich Guram Chokhonelidze. Ganz anders CNN. Der US-Sender ist, von den privaten SMS abgesehen, die heißeste Quelle, die den Wissensdurst der etwas mehr als 2.600 Köpfe zählenden Exilcommunity in Österreich stillt.

"Es ist so barbarisch"

Jusstudent Chokhonelidze hat jedenfalls genug gesehen. "Die Russen wollen uns zerstören, es ist so barbarisch", sagt er. Mit einigen Studienkollegen, die meisten Georgier wie er, hat der 26-Jährige am vergangenen Freitag einen Krisenstab eingerichtet, ein Megaphon gekauft und Demonstrationen angemeldet. Erst vor der russischen Botschaft in Wien-Landstraße, dann nahe der OSZE am Heldenplatz und schließlich am Stephansplatz. Nicht nur Exil-Georgier reihten sich ein, "auch Südosseten und Österreicher sind dabei", sagt Organisator Chokhonelidze. Dabei betrachtet sich der keineswegs als besonders politischen Menschen. "Ich war vorher noch nicht einmal auf einer Demo", gibt der 26-Jährige zu. Diesmal sei alles anders. "Ich musste einfach was tun." Wer wisse schon, übt er sich in düsteren Andeutungen, welches Land als nächstes dran sei.

Propaganda

Berichte über Massaker, begangen von Georgiern, für die Diskussionsrunde in der Innenstadtbar sind sie bloß Propaganda Marke Moskau. "Unsere Soldaten würden nie Frauen und Kinder umbringen. Das ist das letzte, was ein Georgier machen würde", ist Lia Gulua überzeugt. "Es ist ganz einfach", springt ihr Lasha Tsetskhladze, früher KSZE-Diplomat und Militärattache in Wien, bei. "Wir Georgier lieben unsere Frauen, und wenn es sein muss, verteidigen wir sie." Seit die Fluggesellschaften die Verbindungen nach Georgien eingestellt haben, ist der bullige Georgier zum Kampf um Öffentlichkeit verdammt. 16 Jahre lebe er schon in Wien, er liebe Österreich und die Demokratie, "trotzdem ist Georgien meine Heimat", beeilt sich der 44-Jährige zu betonen. "Aber hier habe ich erst gelernt, was demokratische Prinzipien bedeuten. Mit den Russen kann man über so etwas gar nicht reden."

Die in der Heimat nicht unumstrittene Politik von Michail Saakashwili kommt da deutlich besser weg. Zwar betrachten die georgischen Wiener ihren Präsidenten keineswegs unkritisch. Ihn jetzt, wo daheim eben noch geschossen wurde, zu kritisieren, kommt trotzdem nicht in Frage. In noch einem Punkt ist sich das Grüppchen am Stehtisch einig. Georgien, das Land, das für sie Heimat geblieben ist, habe sich als moralischer Sieger im Kampf gegen die russische Diktatur erwiesen. "Wieviele souveräne Staaten werden von den Russen noch bombardiert, bis die UNO und die EU sich bewegen", fragt Tstskhaladze. Eine internationale Friedenstruppe müsse her. Ohne Russen, versteht sich. Denn schließlich, setzt Lia Gulua noch einmal an, seien die doch an allem Schuld. "Wie würden die Österreicher reagieren", fragt sie in die Runde, "wenn italienische Seperatisten in Südtirol auf sie schießen würden?"

"Wir haben schon seit 1991 Angst"

Es ist nicht leicht, in den Tages des Kriegs besonnene Stimmen von Exil-Georgiern einzufangen. Dem Bildhauer Giorgi Okropiridse, den alle 'Gogi' nennen, gehört eine davon. Seit 1991 lebt der gebürtige Tifliser in Wien. Auf Einladung einer Galerie hat der heute 46-Jährige die Stadt zwei Jahre vorher zum ersten Mal besucht. Am Ottakringer Yppenplatz, zwischen türkischen Gemüsestandlern und Bobo-Cafetiers, hat er sein Atelier eingerichtet. "Es war klar, dass die Russen es nicht zulassen werden, wenn wir gegen die Separatisten vorgehen", sagt er. Dass es aber so schlimm kommen würde, hat Okropiridse dann doch nicht erwartet. "Wir haben schon seit 1991 Angst, wirklich ruhig war es in dieser Region ja nie." Ein bis zwei Mal pro Jahr fährt er noch in die alte Heimat, seine österreichische Frau und seine Kinder begleiten ihn. "Wenn man im Ausland lebt, wird man viel georgischer als in Georgien" sagt er und lacht.

Der Künstler, der sich im Sommer mit Metallrestaurationen ein Zubrot verdient, nimmt einen Schluck Soda Zitrone. Okropiridse vertraut auf das US-finanzierte, georgischsprachige Nachrichtenservice von Radio Liberty, das von Tiflis aus Entwicklungen im Krisengebiet beobachtet. Georgische Sender versucht der 46-Jährige zu meiden, Liberty sei objektiver, findet er. Ganz ohne direkten Kontakt nach Georgien kommt aber auch Bildhauer Okropiridse nicht aus. Bisher sei niemandem aus seinem Umfeld etwas zugestoßen, sagt er. Während die Bomber seiner Heimatstadt immer näher rückten, hat er in kurzen Abständen versucht, seine Verwandten und Freunde per Handy zu erreichen. Aber seit die Mobilnetze in dem Kaukasusland chronisch überlastet sind, gelingt es ihm nicht immer. Dann muss er darauf vertrauen, was das Freiheitsradio ihm sagt.

"Schnell wieder vergessen"

"Das, was in der Zeitung steht, und das, was den Menschen in Georgien tatsächlich passiert, sind manchmal zwei sehr verschiedene Dinge", sagt Tamara Tskhistavi. Die 34-Jährige lebt seit zwei Jahren in Österreich und hat an der Friedensakademie Stadtschlaining studiert. "Wenn Bomben auf die Heimat fallen, gehört jeder Landsmann zur Familie", erklärt sie. Derlei Erfahrungen machten die Georgier schließlich nicht zum ersten Mal. "Man hofft, dass es niemanden trifft, den man kennt. Ich hatte in den letzten Tagen große Angst, dass sich der Krieg auch nach Tiflis ausweitet." Dass sich die Ereignisse in Georgien ähnlich wie der Einmarsch in die Tschechoslowakei vor vierzig Jahren in die Köpfe der Österreicher einprägt, glaubt Tskhistavi nicht. "In ein paar Wochen spricht niemand mehr über diesen Krieg." Dabei, so ist sie überzeugt, seien gerade jetzt die westlichen Staaten gefordert, aus ihm zu lernen.

Demo-Organisator Guram Chokhonelidze hat sein Megaphon jedenfalls noch nicht wieder weggepackt. Sein Kampf für die georgische Sache ist noch nicht vorbei, Friedensvertrag hin oder her. "Wir demonstrieren weiter, so lange bis sich die Russen wirklich zurückgezogen haben." Vierzig Menschen, schätzt er, sind seinem Aufruf am Mittwoch gefolgt. (Florian Niederndorfer/ derStandard.at, 14.8.2008)

  • "Russland - Es ist Zeit zu gehen!": Slogans der pro-georgischen Demonstration am Wiener Stephansplatz.
    Foto: derStandard.at

    "Russland - Es ist Zeit zu gehen!": Slogans der pro-georgischen Demonstration am Wiener Stephansplatz.

  • "Im Ausland wird man georgischer als in Georgien selbst": Bildhauer Okropiridse (46) vertraut auf US-Nachrichten.
    Foto: derStandard.at

    "Im Ausland wird man georgischer als in Georgien selbst": Bildhauer Okropiridse (46) vertraut auf US-Nachrichten.

  • "Unsere Soldaten würden nie Frauen und Kinder umbringen", sagt die Georgierin Lia Gulua (zweite von rechts).
    Foto: derStandard.at

    "Unsere Soldaten würden nie Frauen und Kinder umbringen", sagt die Georgierin Lia Gulua (zweite von rechts).

  • "Der Westen muss aus diesem Krieg lernen", hofft Friedensforscherin Tamara Tskhistavi im Gespräch mit derStandard.at im Wiener Cafe Landtmann.
    Foto: derStandard.at

    "Der Westen muss aus diesem Krieg lernen", hofft Friedensforscherin Tamara Tskhistavi im Gespräch mit derStandard.at im Wiener Cafe Landtmann.

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