Karlsplatz: Ein Wiener Weg

17. August 2008, 18:40
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Wiens Drogenkoordinator Michael Dressel erklärt, warum der geplante Umbau der Karlsplatzpassage nicht reine Kosmetik ist und ein Alkoholverbot keinen Sinn macht und er Fixerräume für keine gute Idee hält - ein derStandard.at-Interview

Seit Wochen schreibt die Boulevardpresse von "Gewaltorgien" am Wiener Karlsplatz, der "fest im Griff Krimineller" sei. Gemeint sind damit die Trinker, die neuerdings vor dem Wettlokal in der Passage herumlungern. Ein Problem, das mit dem Umbau 2009 gelöst sein sollte. Grundsätzlich sei es in den vergangenen Jahren ruhiger geworden am Karlsplatz, sagt der Drogenkoordinator Michael Dressel. Dass sich manche Passanten trotzdem fürchten liege am "subjektiven Empfinden, nicht der objektiven Lage". Dressel findet, dass der so genannte "Wiener Weg" (Therapie statt Strafe) funktioniert und setzt auf die Weiterentwicklung der Substitutionsprogramme und die Zusammenarbeit mit der Polizei.

derStandard.at: Kommendes Jahr soll die Karlsplatzpassage umgebaut werden. Welchen Einfluss kann der Umbau auf die Drogenzene haben?

Michael Dressel: In Ansätzen sieht man das schon am umgestalteten Resselpark: der ist jetzt heller und übersichtlicher. Die objektive Sicherheitslage am Karlsplatz ist eigentlich auch jetzt schon hervorragend: es gibt praktisch keine Gewalt, wenn, dann fast immer unter Dealern. Allerdings entspricht das subjektive Empfinden nicht der objektiven Lage. Das kann man auch nicht ändern, indem man den Leuten sagt, es passiert eh nichts. Es geht dabei nicht um Hard Facts sondern um subjektive Wahrnehmung und deshalb ist die Furcht, die viele Menschen empfinden nicht unberechtigt.

Was auf jeden Fall etwas bringen wird, ist, die Nischen und Telefonzellen verschwinden zu lassen. Schließlich ist ein Suchtproblem kein Freibrief, um anderen auf die Nerven zu gehen. Hier muss man Grenzen ziehen und Suchtkranke halten sich eher an Regeln, wenn sie klar definiert sind.

derStandard.at: Die U1-Station Praterstern wurde gerade im großen Stil umgebaut, ganz verschwunden ist die Szene aber dennoch nicht.

Dressel: Das ist zum Teil auch ein Problem von Angebot und Nachfrage: schließlich wird dort bis spät Abends und auch am Wochenende Alkohol verkauft.

derStandard.at: Seitdem ein Wettlokal in der Karlsplatzpassage eröffnet hat, gibt es zunehmend Probleme mit Alkohol und Gewalt. Ursula Stenzel und Susanne Reichard, die ÖVP-Bezirksvorsteherinnen des 1. und 4. Bezirks fordern ein polizeiliches Alkoholverbot. Ist das realisierbar?

Dressel: Alkohol spielt am Karlsplatz in letzter Zeit eine stärkere Rolle. Von einem Prohibitionsansatz halte ich aber nichts. Wenn es nach Ursula Stenzel geht, wäre ja fast alles verboten. Ein Alkoholverbot wäre eine skurrile Maßnahme; schließlich bedürfte es dann auch Polizisten, die das Verbot exekutieren. Sinnvoller wäre es, einfach keine Lokale anzusiedeln, die Alkohol verkaufen. Wenn solche Lokale vorhanden sind, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sie genutzt werden.

derStandard.at: Warum hat sich der Karlsplatz zum Treffpunkt der Szene entwickelt und nicht der Südtirolerplatz oder der Westbahnhof, die über eine ähnliche Infrastruktur verfügen?

Dressel: Fast jeder Verkehrsknotenpunkt ist ein Anziehungspunkt für Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Das liegt an der Infrastruktur: es ist warm, man ist unter Leuten. Das ist auf allen Bahnhöfen der Welt so und der Karlsplatz ist mit mehr als 200.000 Passanten nun einmal der größte Bahnhof Wiens.

Der Treffpunkt Karlsplatz ist historisch gewachsen: Die Probleme dort sind Ende der 80er Jahre entstanden. Genauso wie in anderen europäischen Großstädten, etwa am Züricher Platzspitz. Dort haben sich täglich an die 3.000 Suchtkranke getroffen; das hat es in Wien so nie gegeben. Am Karlsplatz haben sich zu den stärksten Zeiten rund 300 bis 400 Leute am Tag getroffen; heute sind es nur noch zwischen 50 und 100.

Anfang der 90er Jahre hat man europaweit begonnen, Strategien zu entwickeln. Das waren größtenteils ordnungspolitische Maßnahmen, soll heißen, die Polizei hat die Süchtigen vertrieben. In Wien schlug man einen anderen Weg ein; hier versuchte man der Ursache mit niederschwelliger Versorgung entgegenzusteuern. Man sorgte dafür, dass diese Menschen eine Wohnung bekommen. Man darf sich das nicht so idyllisch vorstellen: Es macht ja schließlich keinen Spaß, auf der Straße zu leben. Heute steht Wien, was die Wohnversorgung betrifft, sehr gut da und wir sind stolz darauf.

derStandard.at: Seit August 2004 wird der Karlsplatz videoüberwacht und die Zahl der Anzeigen ist gestiegen. Was halten Sie von der Videoüberwachung?

Dressel: Die Videoüberwachung ist eine polizeiliche Maßnahme. Die Suchtkranken lassen sich davon aber nicht wirklich beeindrucken. Man darf den Effekt nicht überschätzen: Die Videoüberwachung ersetzt nicht die Polizei. Allerdings habe ich auch nicht geglaubt, dass die Schutzzone um die Schule funktionieren wird, aber die Suchtkranken halten sich daran. Trotzdem: Eine Schutzzone alleine bewirkt lediglich eine Verschiebung; die Leute hängen dann eben anderswo herum. Einzelne Maßnahmen bringen nichts.

derStandard.at: Die Wiener ÖVP forderte kürzlich „Aufenthaltsräume für Randgruppen", die Junge ÖVP will Konsumräume. Sie selbst stehen Fixerräumen skeptisch gegenüber. Warum?

Dressel: Wenn man sich die Situation in jenen Städten ansieht, wo es Fixerräume gibt, dann sieht man, dass sie von einer Nulltoleranzpolitik begleitet werden. Das heißt, dass jeder bestraft wird, der auf der Straße beim Fixen erwischt wird. Diejenigen, die Konsumräume fordern, wollen in Wirklichkeit in erster Linie Ruhe vor den Süchtigen. Sie wollen sie aus dem Straßenbild weghaben.

Konsumräume gibt es vor allem dort, wo es eine offene Szene gibt. Das ist in Wien aber nicht der Fall. Konsumräume funktionieren nur, wenn in der näheren Umgebung Drogen verkauft werden. Ein Junkie kauft beispielsweise nicht in Floridsdorf Drogen, und fährt dann in den ersten Bezirk um sich seinen Schuss zu setzen.

Außerdem bedürfte es einer Änderung des Bundesgesetzes: Nach der derzeitigen gesetzlichen Lage muss ein Polizeibeamter jedem Verdacht auf Drogenbesitz und -konsum nachgehen. Demnach müsste die Exekutive jeden, der einen Konsumraum aufsucht verfolgen. Selbst wenn man das Gesetz ändern würde, müsste man in der ganzen Stadt mehrere Konsumräume einrichten und diese polizeilich überwachen lassen, damit der Drogenhandel in der Umgebung nicht eskaliert. Die Wiener Szene ist aber nicht so groß, dass sich dieser Aufwand rechnen würde.

derStandard.at: Laut Jahresbericht zur Suchtmittelkriminalität, ist die Anzahl der Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz im Jahr 2007 in Wien mit -16,58% landesweit am stärksten zurückgegangen. Worauf führen Sie das zurück?

Dressel: Die Anzeigenstatistik ist mit Vorsicht zu genießen. Sie spiegelt immer die Arbeit der Polizei wider: Wenn viel gearbeitet wird, gibt es auch viele Anzeigen. Nur wenn die Anzahl der Polizeieinsätze konstant ist, ist ein Vergleich zum Vorjahr zulässig. Was den Vergleichszeitraum 2006/2007 betrifft, dürfte die Zahl stimmen. Die Situation hat sich tatsächlich verbessert. Vor fünf oder sechs Jahren hat der Straßenhandel auf der Linie U6 noch ein großes Problem dargestellt. Der Polizei ist es mittlerweile gelungen, das Angebot einzuschränken. Sie wird es aber nie schaffen, alles zu verhindern.

derStandard.at: In Wien gab es im Vorjahr 2.523 Anzeigen wegen Besitz und Konsum von Cannabis. Sie wollten Haschischkonsum aus dem Strafrecht streichen lassen. Warum ist das noch nicht passiert?

Dressel: Es war politisch nicht umsetzbar. Da haben sich eben andere Meinungen durchgesetzt. Cannabis ist keine unproblematische Substanz. Trotzdem, es hätte Vorteile gehabt, den Haschischkonsum aus dem Strafrecht ins Verwaltungsstrafrecht zu übernehmen.

derStandard.at: Welche?

Dressel: Na ja, Angezeigte werden für eine gewisse Zeit in der Datenbank des Gesundheitsministeriums geführt. Man kommt sozusagen in die Mühlen des Gesetzes und ist vorgemerkt. Dadurch ist die Gefahr einer Stigmatisierung größer.

Dafür ist die Diversion verbessert worden: Mittlerweile muss das Gericht beim Besitz einer geringen Menge zum reinen Eigenbedarf von der Strafverfolgung unter Bestimmung einer Probezeit zurücktreten. Das ist keine Goodwill-Frage mehr, sondern eine Mussbestimmung. Ich kann also damit leben, dass die Gesetzesänderung nicht stattgefunden hat.

derStandard.at: In den vergangenen Jahren ist das Substitutionsmittel „Substitol" zu einem Problem geworden. In der Steiermark sind 2007 16 Menschen daran gestorben. Zum einen kritisiert die steirische Polizei, die angeblich laxe Handhabung der Abgabe in Wien. Zum anderen besagt eine Studie des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG), dass der intravenöse Konsum von Substitol zu Talkumablagerungen in Arterien und Venen führen, und somit gesundheitsschädlich, beziehungsweise tödlich sein kann. Wie stehen Sie zur „Substitol"-Abgabe und warum gibt es in Wien keine kontrollierte Heroinabgabe, wie beispielsweise in der Schweiz und Deutschland?

Dressel: Erstens: Jedes Medikament kann man missbrauchen. Zweitens wurde die Abgabe inzwischen geändert. Nicht mehr 40 Prozent der Suchtkranken erhalten eine Wochenration, sondern nur noch 20 (Anm.: Die oft nicht notwendige Abgabe von Wochenrationen führte zu einem Handel mit dem Substitutionsmittel). Man muss das realistisch betrachten: Die Szene hat sich zum Teil auch in andere Bundesländer verlagert. Dort herrscht oft die Meinung, dass alles Böse aus Wien kommt. Möglicherweise kommt auch Vieles aus Wien, aber Wien ist nun einmal eine Großstadt; hier gibt es mehr Menschen, also auch mehr Substituierte. Von rund 9.000 Substituierten, fallen etwa 7.000 auf Wien. Andere Bundesländer gestalten den Zugang zu Substitutionsprogrammen schwieriger.

Was die ÖBIG-Studie betrifft, kann ich nur sagen, dass das nach meinen Informationen nicht stimmt. Man hat vor einigen Jahren geglaubt, „Substitol" sei gesundheitsschädlich, aber das ist nicht nachgewiesen. Es ist höchstens ein Argument dafür, dass die Substanzen verbessert und die Palette verbreitert werden muss.

Zum Thema Heroinabgabe: da dreht es sich um eine Ideologiefrage; darum, ob es „Heroin" oder „Diamorphin" oder sonst wie heißt. Die Substanzen weichen in ihrer Wirkung nicht stark voneinander ab. Was verschrieben wird, ist eine Entscheidung der Ärzteschaft. Es geht lediglich um die Wirkung und nicht um den Namen. Das Problem ist, dass manche Suchtkranke einfach nicht von der Nadel wegzubekommen sind.

derStandard.at: Was ist der Plan? Wie soll es in Wien weitergehen?

Dressel: Bis vor kurzem war die „Leidensdrucktheorie" Common Sense. Es galt die Meinung, Süchtige müssten erst ganz unten sein, um sich wieder aufrappeln zu können. Heute weiß man, dass eine Drogensucht auch organische Veränderungen hervorruft, die man mit Medikamenten behandeln kann. In jedem anderen Bereich der Medizin ist diese Sichtweise längst gang und gäbe. Aber was anderswo selbstverständlich ist, gilt beim Thema Drogen leider nicht. Das Thema soll auf wissenschaftlicher Basis behandelt werden. Wichtig ist zum Beispiel, die Substitution weiterzuentwickeln und den Zugang zu erleichtern. Was die Entstigmatisierung von Sucht betrifft, so ist der Weg noch ein sehr weiter. (17.8.2008, Birgit Wittstock, derStandard.at)

Zur Person
Michael Dressel (51) ist seit April 2003 Geschäftsführer der Sucht- und Drogenkoordination Wien. Der diplomierte Sozialarbeiter und Psychotherapeut war unter anderem für den Psychosozialen Dienst der Stadt Wien (PSD) tätig, baute Projekte wie den "Ganslwirt" und den "Spritzentauschbus", sowie die Anlaufstelle der Streetworker am Karlsplatz auf. Dressel ist "Master of Arts" der University of North London und absolvierte das Programm der europäischen Union und des Europarates "Comparative Social European Studies" in Maastricht (NL).

  • "Ein Suchtproblem kein
Freibrief, um anderen auf die Nerven zu gehen. Man muss Grenzen
ziehen und Suchtkranke halten sich eher an Regeln, wenn sie klar
definiert sind."
    standard/heribert corn

    "Ein Suchtproblem kein Freibrief, um anderen auf die Nerven zu gehen. Man muss Grenzen ziehen und Suchtkranke halten sich eher an Regeln, wenn sie klar definiert sind."

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