"Ich halte nicht viel von Models"

17. August 2008, 17:00
4 Postings

In London gehört er zu den derzeit wichtigsten jüngeren Modedesignern - Marios Schwab, halb Grieche, halb Österreicher, erklärt, warum er den Starkult nicht mag...

... und wie man im Haifischbecken der Mode überleben kann

******

Der Standard: Wie wichtig ist Ihnen der Hype, der um Ihre Mode gemacht wird?

Schwab: Es gibt unterschiedliche Zugänge zur Mode. Manche mögen den Glamour, das Showbiz, das Blitzlichtgewitter - andere wollen mit ihrer Mode eine bestimmte Ästhetik vermitteln. Ich gehöre in letztere Kategorie. Aber natürlich ist es toll, wenn man in der Öffentlichkeit für das, was man kreiert, anerkannt wird.


Der Standard: Reicht es, für eine bestimmte Ästhetik zu stehen, oder braucht man den Glamour, um erfolgreich zu sein?

Schwab: Keine Frage, Glamour spielt eine große Rolle. Vor dem Hintergrund der derzeit schwierigen ökonomischen Situation, in der sich die britische Wirtschaft befindet, ist es für viele wichtig, Kleidung als Statussymbole zu verwenden. Dafür taugen aber nur Kleider von bekannten Marken, die durch den Rummel um sie oder ihre Designer begehrenswert geworden sind - oder die von irgendwelchen Stars oder Supermodels getragen werden.


Der Standard: Das Modesystem funktioniert nur, wenn es regelmäßig neue Stars kreiert. Dem kann man sich nicht entziehen, oder?

Schwab: Ich gehe häufig in Clubs, die in der hiesigen Modeszene sehr wichtig sind, aber ich gehe nicht dorthin, um mich selbst und mein Label in den Vordergrund zu rücken. Das würde kaum funktionieren. Ich verkaufe nicht Kleider in großen Stückzahlen. Meine Mode ist sehr ungewöhnlich, ich orientiere mich an Architektur, arbeite mit ausgefallenen Konstruktionen. Meine Kleider gefallen nicht jeder Frau, vor allem nicht jener, die Mode aus irgendwelchen Celebrity-Aspekten kauft.


Der Standard: Wären Sie glücklich, wenn zum Beispiel das Model Agyness Deyn, das in London derzeit sehr angesagt ist, Ihre Kleider tragen würde?

Schwab: Nein, gar nicht. Ich mag gutaussehende Frauen, aber ich halte nicht viel von Models. Leider muss ich im derzeitigen Modesystem mit ihnen arbeiten, damit ich von großen Medien überhaupt wahrgenommen werde. Wir befinden uns nicht mehr in den Neunzigern oder zu Anfang dieses Jahrzehnts: Für junge Designer ist es beinahe unmöglich, sich von herkömmlichen Strukturen freizumachen und experimenteller zu arbeiten.


Der Standard: Junge Designer müssen heute auch Marketingstrategen sein. Sie verweigern diese Rolle?

Schwab: Nein, ich versuche durchaus mit meinen Kundinnen zu kommunizieren. Aber das bedeutet nicht, dass ich auf einfache Konzepte vertraue. Ich bin sehr risikofreudig, in der letzten Kollektion habe ich etwa mit ungewöhnlichen Proportionen gearbeitet, die Drucke sind gewöhnungsbedürftig. Auch das ist eine Art von Kommunikation, die ich sehr bewusst wähle. Die meisten Menschen, die meine Kleider kaufen, tragen sie nur ein Mal. Sie wollen damit auffallen.


Der Standard: Wie kann ein junger Designer ohne eigenen Marketingstab überleben?

Schwab: Zugegeben: Es ist schwierig. Als Designer betreibt man ein Label. Um daraus eine Brand zu machen, um den eigenen Namen bekannt zu machen, braucht man einen großen finanziellen Rückhalt.


Der Standard: Viele junge Designer schauen sich nach einem Investor um.

Schwab: Es wäre gefährlich, in meinem momentanen Stadium mit einem Partner zusammenzuarbeiten, der mich zu Kompromissen zwingt. Die Einstellung zu Investoren hat sich verändert, auch seitdem Designer wie Roland Mouret mit ihnen auf die Nase gefallen sind. Ich denke, dass es Zeiten gibt, in denen man aus eigener Kraft wachsen muss, und Zeiten, in denen man Hilfe suchen muss. Eine Variante für mich wäre, für ein großes Haus zu arbeiten und gleichzeitig mein eigenes Label zu betreiben.

Der Standard: So wie das etwa Bruno Pieters macht, der für Hugo arbeitet, oder Hussein Chalayan bei Puma ...

Schwab: Genau. Das hilft der eigenen Reputation und jener der eigenen Marke.


Der Standard: In den Neunzigern mussten Designer wie Stella McCartney oder Alexander McQueen London den Rücken kehren, um erfolgreich zu sein. Planen Sie auch, nach Paris zu gehen?

Schwab: Stella hatte Geld, genauso McQueen. Investoren pumpten viel Geld in ihre Labels. Heute ist das nicht mehr so. Es gibt viel mehr Konkurrenz. London ist deswegen ein interessantes Pflaster, weil es hier viel Unterstützung von öffentlicher und privater Seite gibt. London und das British Fashion Council investieren kräftig in die kreative Szene der Stadt. In Paris oder Mailand passiert das nicht.


Der Standard: Die Einkäufer machten lange Zeit einen Bogen um London. Hat sich das geändert?

Schwab: Die Situation verbessert sich. Es gibt Interesse von größeren Designern hier zu zeigen: Vivienne Westwood, Stella McCartney oder Luella. Dahinter steckt auch die Hoffnung, dass die britische Textilindustrie, der es sehr schlecht geht, sich wieder erholt.


Der Standard: Produzieren Sie in England?

Schwab: Es ist sehr teuer, aber ich mache das. Ich habe allerdings mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen: Es gibt kaum Produzenten, und die Konkurrenz zwischen ihnen ist minimal. Strickwaren kann man in Großbritannien, mit Ausnahme von Schottland, immer noch nicht herstellen.


Der Standard: Ihr Label gibt es seit vier Jahren. Würden Sie sich das noch einmal antun?

Schwab: Wenn man eine bestimmte Vision hat und keine großen Abstriche machen möchte, dann ist das der richtige Weg. Ich könnte allerdings gut darauf verzichten, bestimmte Fehler noch einmal zu machen. (Interview: Stephan Hilpold/rondo/Der Standard/14/08/2008)

Zur Person

Der Gewinn des Swiss Textiles Award im November war vorläufiger Höhepunkt von Marios Schwabs Karriere. Der in London lebende Designer mit griechischer Mutter und österreichischem Vater absolvierte das renommierte Central Saint Martins College und gründete vor vier Jahren sein eigenes Modelabel. Dank seiner die Körper modellierenden Kleider gehört er zusammen mit Designern wie Christopher Kane oder Gareth Pugh zu den interessantesten Newcomern aus London.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Marios Schwab

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine von Schwabs Körper modellierenden Kreationen

Share if you care.