Opern-Psychologie mit dem Krummsäbel

13. August 2008, 19:09
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Beim Rossini-Festival im italienischen Pesaro beschenkt man 2008 auch "problematische" Werkgruppen mit eitel Wohllaut: Einschätzungsprobleme des 19.Jahrhunderts werden mit leichter Hand korrigiert

Zu düster, zu obskur, zu deutsch! Für den erfolgsgewohnten Rossini waren die Uraufführungen von Ermione, L'equivoco stravagante und Maometto II, jene Opern, die im 29.Festspieljahr in Pesaro gezeigt werden, schlimme Misserfolge und wurden als Zeichen einer veritablen Schaffenskrise gewertet. Ist die Zeit dieser Werke erst im 21.Jahrhundert gekommen - werden sie erst jetzt verstanden? Nachdem in den letzten 30 Jahren in Pesaro mit viel Elan die verschüttete Welt der italienischen Oper des frühen 19. Jahrhunderts zunächst einmal freigelegt wurde, stellt sich mit dieser Frage das Rossini-Festival selbst auf den Prüfstand.

Für Rossinis größtes Desaster Ermione, eine "azione tragica" , gilt der späte Ruhm zweifellos: Nach einer exemplarischen Aufführung beim Rossini-Festival 1987 mit Chris Merritt, Montserrat Caballé und Marilyn Horne gehört Ermione inzwischen - insbesondere in den USA und England - zu den meistgespielten Rossini-Opern.

Ihre Modernität liegt in ihrer beispiellosen, radikalen Verweigerung jeder direkten Liebesbeziehung. Zuneigung wird in Arien und Duetten zwar beschworen, aber sie ist nur vordergründig geheuchelt, um sich an denen zu rächen, die sich der Liebe verweigern. Mit dem antiken Stoff nach Racine hat sich Rossini wohl auch mit der Tradition der französischen Opern von Christoph Willibald Gluck auseinandergesetzt. Statt einer Ouvertüre ein Chor, der das Los der kriegsgefangenen Trojaner beklagt. Werden sie in ihren unterirdischen Verließen gezeigt, wird der schräge Boden der nüchternen Bühne mit verschiebbaren weißen - bisweilen blutbeschmierten - Wänden aufgeklappt (Bühnenbild: Graziano Gregori).

Die Brutalität des Krieges wird in Daniele Abbados Inszenierung in modernen Uniformen beschworen, für einige Momente auch die Dekadenz von Pasolinis Salò-Film zitierend. Das erscheint ein wenig simpel und eher dem düsteren Blutrausch Strauss' Elektra nahe als der im Wohlklang schlummernden Abgründigkeit Rossinis.

Unter die Haut geht aber das Orchestra del Teatro Comunale di Bologna unter Roberto Abbado; die Sänger sehr heldisch, darunter ein Wettstreit zweier Tenöre: In der Publikumsgunst übertraf dabei der italienische Tenor Antonino Siragusa (Oreste) mit seinen glasklaren Höhen den als Charaktertenor aufbrausenden Amerikaner Gregory Kunde (Pirro).

Im Laufe des Abends gewann auch Sonia Ganassi als Ermione an Eindringlichkeit. Nach der unbarmherzig radikalen Ermione mit ihrer Liebesunfähigkeit scheint der Blick auf Rossini geschärft.

Kaum an Absurdität zu übertreffen ist das erst 2002 ausgegrabene Dramma giocoso L'equivoco stravagante; doch Regisseur Emilio Sagi gelingt es mühelos, die Geschichte vom reichen Bauern Gamberotto (eine Buffofreude: Bruno De Simone) und seiner aufgekratzten Tochter (Marina Prudenskaja) in die Chefetage eines Nahrungsmittelkonzerns zu übersetzen.

Endlose Koloraturketten

Das Orchestra Haydn di Bolzano e Trento bringt bei dieser Komischen Oper seine Qualitäten unter Umberto Benedetti Michelangeli zur Geltung, dafür umso mehr Maometto II unter Gustav Kuhn: die Auslotung Beethoven-naher Ensembles, die Vertiefung endloser Koloraturenketten der bewundernswerten lettischen Sopranistin Marina Rebeka als Anna.

Liebesduette singt Anna nur mit ihrem Vater - sehr impulsiv und jugendlich Francesco Meli, während ihre tiefe Zuneigung zu Maometto (Michele Pertusi) unterschwellig das Drama bestimmt. Die Eroberung des christlichen Negroponte durch islamische Gotteskrieger und ihr Doppelagententum hat nichts an Interesse verloren, doch Regisseur Michael Hampe entzieht sich jeder Aktualisierung durch eine überaus traditionelles Arrangement mit Perserteppichen, Krummsäbeln und Ritterrüstungen, das unfreiwillig die Grenze zur Karikatur überschreitet. Fazit: Die musikalische Modernität hat Pesaro 2008 durchaus erwiesen, die szenische Realisation dagegen zeigt bei den ernsten Opern: zunehmende Hilflosigkeit. (Bernhard Doppler aus Pesaro / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.8.2008)

  • Edelmut tut in der Oper immer gut – also auch in Pesaro: Francesco Meli (Mitte) kniet in "Maometto II"  vor dem Titelhelden (Michele Pertusi, im Vordergrund rechts).
    foto: studio amati bacciardi


    Edelmut tut in der Oper immer gut – also auch in Pesaro: Francesco Meli (Mitte) kniet in "Maometto II"  vor dem Titelhelden (Michele Pertusi, im Vordergrund rechts).

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