Die Antwort weiß ganz allein der Wind

18. August 2008, 09:07
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Während sich derzeit ganz China dem Sport widmet, erinnert ein Magazin aus Benettons Kreativschmiede Fabrica auf ungewöhnliche Weise ...

... an die Opfer des Erdbebens: mit Gedichten tibetischer Mönche.

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Lange nichts gehört von Benetton. Seitdem der Krawallwerber Nummer 1, Oliviero Toscani, vor acht Jahren den italienischen Modekonzern verlassen musste, ist die Werbung des Pulloverlabels längst nicht mehr so bestrickend. Auf provozierende, politische Werbung hatte damals Fotograf Toscani gesetzt, die Welt geschockt mit Bildern von küssenden Nonnen, sterbenden HIV-Infizierten, Häftlingen in der Todeszelle. Und heute? "Stellen sie noch Pullover her? Ich weiß es nicht", pöbelte Toscani unlängst in einem Interview.

Ja, Benetton produziert noch Pullover. Und am Kiosk verkaufen sie nach wie vor ihr vierteljährlich erscheinendes Kundenmagazin Colors, das sich als internationales Jugendmagazin versteht und in vier Sprachen für 40 Länder gestaltet wird - von Fabrica: Benettons Thinktank und Agentur. Spaniens derzeitiger Designstar Jaime Hayón beispielsweise hat dort gelernt und später die 3-D-Abteilung geleitet. Colors ist das einzige Organ Benettons, das sich noch - gewissermaßen in der Tradition Toscanis, der das Magazin 1991 auch mitgegründet hatte - einigermaßen lautstark mit Politik befasst oder wenigstens mit aktuellen Medienthemen wie Meinungsfreiheit, Slums, Aids, aber auch Telenovelas oder Fans. Man setzt dabei auf eine mehr oder weniger mächtige Bildsprache. Im vergangenen Jahr schaffte es die gesamte Serie des Firmenmagazins ins Londoner Design Museum, anlässlich der "25/25"-Ausstellung, welche die einflussreichsten Designobjekte der letzten 25 Jahre zeigte.

Opfer der Erdbeben im Zentrum

Die neueste Colors-Ausgabe steht unter dem Motto Opfer. Gemeint sind jene des verheerenden Erdbebens im chinesischen Sichuan vor drei Monaten. Beinahe 70.000 Menschen starben, mindestens 4,8 Millionen sind obdachlos, fast 18.000 Chinesen gelten als verschollen, der wirtschaftliche Schaden wird mit rund 20 Milliarden US-Dollar beziffert.

So weit, so bekannt. Den nackten Zahlen setzt "Colors" Emotionen entgegen, genauer gesagt: Glauben, buddhistischen Glauben. Denn im Opferheft werden Fotos aus der Erdbebenregion von 30 Gebeten begleitet, die tibetische Mönche aus aller Welt geschrieben haben - für die Menschen in China, aber genauso gut kann man sie verstehen als Sprüche gegen Unglück für jeden Menschen. Texte der chinesischen Schriftsteller Yu Hua und Acheng unterstreichen die symbolische Verbrüderungsgeste.

Autor Yu Hua versucht die Veränderungen in China in Worte zu fassen, analysiert aber auch den Akt der Solidarität, den die Colors-Redaktion mit ihrem Heft zeigt, als typisch westliche Operation: weil man die Geschehnisse im tibetischen Lhasa Mitte März, die chinesischen Ausschreitungen gegen Mönche, in Verbindung mit dem Erdbeben in China gebracht habe.

Autor Acheng erinnert an den Einfluss des Buddhismus, der "nie aus der chinesischen Kultur verschwunden ist", wenngleich die atheistische Regierung "nach diesem Unheil nicht ihr Heil in der Religion gesucht hat." Dabei sei doch der Glaube "bei Katastrophen imstande, ungeheure Kräfte freizusetzen, das innere Gleichgewicht wiederaufzubauen."

"Betest du? Wenn ja, wie?"

Mit dem Beten jedenfalls hat Benetton so seine Erfahrung: Noch unter der Leitung Toscanis gestaltete die Kreativschmiede Fabrica vor Jahren ein Buch, in dem Jugendliche auf die Fragen "Betest du? Wenn ja, wie?" geantwortet hatten. Das Werk ist nicht mehr erhältlich, und auch das jüngste Glaubenswerk aus der italienischen Kreativschmiede wird bald das Zeitliche segnen. Denn die Zeitschrift ist darauf angelegt, auseinandergerissen oder verbrannt zu werden: Laut Redaktion findet sie "ihre wahre Form erst, wenn die Seiten herausgerissen und in den Wind gehängt werden. Der tibetischen Tradition zufolge werden dadurch die Gebete und Fürbitten für die Opfer des Erdbebens in China erhört." Wer gar nichts mehr wissen wolle von den schon gelochten Gebetsseiten, könne sie verbrennen - auf dass "der Rauch die Segenssprüche in den Himmel trägt." Nicht mehr die Werbung, sondern die Wirklichkeit schockiert das Publikum, meinte Firmenpatriarch Luciano Benetton in der Post-Toscani-Ära einmal. Manchmal darf diese Wirklichkeit offenbar auch einen Hauch irreal sein.(Mareike Müller/Der Standard7rondo/15/08/2008)

 

  • Artikelbild
    Lukas Adelinger
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