Grafikdesign bis zum Exzess

16. August 2008, 17:00
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Walter Pamminger ist ein hochspezialisierter Generalist - Als Summe seiner Interessen gelingt ihm die Gestaltung einiger der schönsten Bücher der letzten Jahre

Exzess kann sein Gutes haben. Wenn Normen hinterfragt und Grenzen überschritten werden, dann nur zu. Wenn das auf mehreren Gebieten geschieht und sich nicht durch Schrebergartenwarntafeln bremsen lässt, dann umso besser. So gesehen, ist Walter Pamminger ein exzessiver Mensch.

Er sieht nicht aus wie ein solcher, eher unauffällig kommt er mit seiner Aktentasche in den Gasthausgarten. Die dürren biografischen Angaben sagen auch nicht viel mehr. Der vor 53 Jahren in Oberösterreich Geborene "lebt und arbeitet in Wien" - und jetzt steht hier zuerst: "als Chemiker", und das stimmt auch, das ist sein Hauptberuf, doch es geht weiter, "Buchgestalter, Autor und Kurator", und da sind die Schrebergartengrenzen schon überschritten.

Es begann damit, dass er sich für Kunst, Architektur und Literatur gleichermaßen erwärmte und erst recht für das Medium, das dies alles transportiert: "Schrift ist das zentrale Zeichensystem einer Hochzivilisation. Deswegen interessieren mich Bücher." Aber nicht irgendwelche Druckwerke zwischen Deckeln.

"... so was wie ein flying winemaker..."

Er begreift, was üblicherweise als Ansammlung von Seiten, also letztlich zweidimensional genutzt wird, als 3-D-Konstruktion mit vielen ungenutzten Möglichkeiten. Das kommt davon, wenn man von der Arbeit mancher Architekten begeistert ist. "In den frühen 90ern wollte ich Bücher gestalten, so wie Peter Eisenman oder Daniel Libeskind Bauten konzipierten." Das ist ihm, sagen wir's gleich, gelungen. Dabei ist er (Schrebergarten!) gar kein Grafiker, "sondern so was wie ein flying winemaker, der mal da, mal dort gestalterisch berät und kooperiert". Pamminger hat zudem viel vorgetragen und publiziert. Er hat vor allem viel darüber nachgedacht, was in Büchern alles steckt: seiner Ansicht nach sind sie kognitive Räume, die unser Wissen nach bestimmten Regeln strukturieren. Diese Strukturen kann man beeinflussen, statt repetitives Design zu betreiben. Dabei geht es ihm um "Visualisierungen des Ungewussten" oder "räumliche Konfigurationen, in denen sich Autoren und Leser auf andere Art bewegen können".

So gestaltete er einige der interessantesten Bücher der letzten zehn oder mehr Jahre. Eine Dokumentation, deren Doppelseiten er in Form von drei "Seiten" gestaltete ("Das war meine dekonstruktive Phase"); ein Buch über einen Film, den er darin wie ein Diagramm ablaufen ließ; die Publikationen Designlandschaft Österreich oder a-schau, Architektur in Österreich, die er mit komplexen Navigationssystemen ausgestattet hat.

Seine und die Arbeiten einiger Kollegen erklärte er in einem Vortrag in Leipzig, der kürzlich auch unter dem Titel "Exzess des Buches" veröffentlicht wurde. Der Lohn der konsequenten Arbeit waren Medaillen für "schönste Bücher", ein Staatspreis, die Ehrenmitgliedschaft bei design austria und die Aufgabe, für die typographische gesellschaft austria Symposien zu kuratieren.

... mit weit gestreuten Interessen

Pammingers Interessen und Anregungsquellen sind weitgestreut; ihn interessiert zum Beispiel, was die jungen Leute mit dem Web machen oder woran Walter Bohatsch und Cordula Alessandri gerade arbeiten; er sammelt zeitgenössisches Buchdesign und Graphic Novels; er beschäftigt sich mit der Kultur des Gaumens, elektronischer Musik oder kulturphilosophischen Texten. Pamminger ist ein hochspezialisierter Generalist, einer, der seine Antennen in viele Richtungen ausfährt und sich gleichzeitig auf eine ganz konkrete Aufgabe konzentrieren kann.

So rastlos, wie es ihn kaum im Gastgartensessel hält, scheint er schon am nächsten Projekt zu sitzen. Doch eine Grenze gerade in seinem Metier respektiert er: "Die Buchstaben des Fließtextes sind hinsichtlich ihrer Gestalt innovationsresistent. Setzt man hier zu Unkonventionelles ein, so leidet die Lektüre."(Michael Freund/Der Standard/rondo/15/08/2008)

 

Vom 21. bis 24. August findet im Schloss Raabs/Thaya das Buchsymposium der typographischen gesellschaft austria "Unvertraute Nähe ... noch ein Buch" statt. Näheres über das von Pamminger konzipierte Program unter: www.typographischegesellschaft.at

  • Walter Pamminger
    Der Standard

    Walter Pamminger

  • "Räumliche Konfigurationen, in denen sich Autoren und Leser auf andere
Art bewegen können", sind für Walter Pamminger seine Buchprojekte.
    Der Standard

    "Räumliche Konfigurationen, in denen sich Autoren und Leser auf andere Art bewegen können", sind für Walter Pamminger seine Buchprojekte.

  • Eine Auswahl aus seinem grafischen Werk.
    Der Standard

    Eine Auswahl aus seinem grafischen Werk.

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