Käfer sind keine Freunde

15. August 2008, 17:00
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Während Christian Schachinger im Waldviertel Wühlmäusen beim frohen Schaffen zusieht, frisst ihm daheim in Wien der Dickmaulrüssler den Balkon weg

Zumindest im Burgenland und in Niederösterreich hat der beherzte Gestaltungswille der Besitzer von großflächigen Innenhöfen eine gültige Alternative zum Befall von Dickmaulrüsslern gefunden. Frustrierte Gärtner betonieren die lästige Grünfläche einfach zu. Der geneigte Leser kann sich davon sehr gern bei Online-Immobilien-Anbietern überzeugen. Kann aus solchen Häusern jemals ein fröhliches Lachen dringen?

Damit ist allerdings für Sauberkeitsgewinn durch einfaches Abspritzen mittels eines früher Gartenschlauch genannten Haushaltsgeräts gesorgt. Man spart Geld, Nerven und Zeit für lästige, nur im Bücken zu erledigende Arbeiten wie das Jäten. Ernten kann man auch im Supermarkt, und das in für das Kreuz angenehmer Höhe. Und: Man kann sein Auto auch nach mehrtägigen Unwettern wieder problemlos auf die Straße hin zu Spiel, Spaß oder Beruf bringen. Wer keinen Garten, dafür aber Gussbeton besitzt, hat aber so etwas von viel freier Zeit!

Ich schreibe diese Zeilen mit zittriger Hand, weil ich gerade den halben Tag damit verbracht habe, gemeinsam mit meinem Volk ungefähr zehn Scheibtruhen ungenießbarer Holzäpfel aus dem Garten in den Kompost zu bringen. Der kolportierte Grund: Wer dies nicht tut, den werden die Wespen fressen. Und: Rasenmähen, das keine Freude macht, macht mit Äpfeln in der Wiese definitiv noch weniger Spaß. Man muss übrigens aus einem einzigen Grund den Rasen mähen: damit es ordentlicher ausschaut. Was denken sich sonst die Leute?! In meinem Fall gar nichts. Die beiden Nachbargrundstücke wurden von einem menschlichen Wesen das letzte Mal ungefähr vor zehn Jahren betreten, und das auch nur, um Krenwurzen zu ziehen oder erdrückende Beweismittel zu vergraben.

Ich glaube, ich wurde betrogen

Ich schreibe diese Zeilen auch, weil ich mittlerweile nach einigen Wochen Grundbesitztum starke Zweifel hege, ob ich jemals in Ruhe in meinem Garten sitzen und ein Buch oder eine Flasche Wein werde lesen können. Ich glaube, ich wurde betrogen.

Während der Maulwurf fröhlich Hügel auswirft und mir ein Besucher aus der Stadt bis ins schreckliche Detail erklärt, wie eine Maulwurfsfalle funktioniert, für deren Anwendung mich meine Kinder einmal mit Sicherheit ins Heim stecken würden, denke ich wehmütig an den Balkon daheim in der Stadt.

Dort frisst der Dickmaulrüssler wahrscheinlich gerade die Fensterrahmen weg, weil von den Rosen nichts mehr übrig ist. Die Larve der Käfer, von denen ein einziger bis zu 1000 Eier legt, frisst die Wurzeln, die Höllenbrut oben erledigt den Rest.

Wir verdanken die Verbreitung des Dickmaulrüsslers übrigens weder der Klimaerwärmung noch einem verstärkten Zuzug ausländischer Schädlinge, sondern dem Siegeszug der organisierten Freizeitgärtnerei. Gartengroßmärkte mit ihren für das Untier einen idealen Nährboden bildenden Containerpflanzen sorgten während der letzten Jahre für eine massive Verbreitung in Gärten und auf Balkonen, über die man im Wesentlichen eines sagen kann: Wer hofft, dass sich der einmal ins traute Heim eingezogene Dickmaulrüssler wieder vertreiben lässt, der hat sich geschnitten.

Während der Käfer auf meinem Balkon die Zeit seines Lebens genießt und wahrscheinlich demnächst wegen der guten Luft heimlich im Auto mit in den Garten kommt, wurden zahlreiche Anläufe unternommen, das Vieh wieder loszuwerden. Der erste brachte nach nächtlichem Pflücken des im Blattwerk schmatzenden Rüsslers mit der Taschenlampe einen grimmigen Schädlingsbekämpfer im Schutzanzug auf den Balkon. Das kostete viel Geld, man durfte tagelang nicht hinaus - und sämtliche Nutzpflanzen waren ungefähr so giftig, wie es mit Pestiziden kontaminiertes spanisches Gemüse nie werden kann. Dem Rüssler machte das wenig. Nach einer kurzen biologischen Nachdenkphase kam er wieder.

Danach wurde in einem diskreten Spezialgeschäft selbst ein Gift besorgt, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Jedenfalls galt es, den Hautkontakt strikt zu vermeiden. Wirkung: null. Oder war es eine optische Täuschung, dass die Käfer jetzt stärker wuchsen und aggressiver wurden?

Und auch der aktuelle Anlauf, über www.biohelp.at mit Nematoden, also Fadenwürmern den von Mai bis September Eier legenden Käfern unter der Erde über die Larven beizukommen, ist vorerst gründlich gescheitert.

Im September, heißt es, soll man es erneut mit dem Aussetzen von Nematoden versuchen. Vielleicht sollte ich zur Beruhigung inzwischen ein paar Flaschen vom Ott schmökern. (Der Standard/rondo/15/08/2008)

  • Die Larve der Käfer, von denen ein einziger bis zu 1000 Eier legt, frisst die Wurzeln, die Höllenbrut oben erledigt den Rest.
    Der Standard

    Die Larve der Käfer, von denen ein einziger bis zu 1000 Eier legt, frisst die Wurzeln, die Höllenbrut oben erledigt den Rest.

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